Prof. Dr. Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm erklärt im Interview, wie sich die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs bald deutlich verändern und verbessern könnte. Foto: ©iStock.com/peakSTOCK
Prof. Dr. Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm erklärt im Interview, wie sich die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs bald deutlich verändern und verbessern könnte. Foto: ©iStock.com/peakSTOCK

Bauchspeicheldrüsenkrebs: „Es gibt einen Hoffnungsschimmer“

Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den Krebsarten, die am schwierigsten zu behandeln sind. Doch es zeichnen sich Fortschritte und neue Therapie-Optionen ab – welche das sind, darüber haben wir mit Prof. Dr. Thomas Seufferlein gesprochen, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Ulm.

Welche frühen Symptome können auf ein Pankreaskarzinom hindeuten?

Prof. Dr. Thomas Seufferlein: Es gibt keine frühen Symptome. Die meisten Patienten kommen mit unspezifischen und leider sehr späten Symptomen. Das sind häufig Bauchschmerzen, auch Rückenschmerzen. Oft führt der erste Gang zum Orthopäden, weil man das in die Wirbelsäule projiziert – denn die Bauchspeicheldrüse liegt vor der Wirbelsäule. Der Altersgipfel der Patienten liegt zwischen 65 und 75 Jahren, da hat man schon mal Wirbelsäulenbeschwerden. In seltenen Fällen kommt es auch vor, dass Patienten plötzlich gelb werden, weil der Tumor zuerst den Gallengang beeinträchtigt. Wenn man diese Gelbverfärbung des Augapfels und der Haut frühzeitig erkennt und Glück hat, dann ist der Tumor noch klein. Häufig sind aber diese Tumoren schon sehr groß und damit durch eine Operation nicht mehr heilbar.

Prof. Dr. Thomas Seufferlein, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Ulm
Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Universitätsklinikum Ulm. Foto: ANDREAS KEILHOLZ

Die Bauchspeicheldrüse zählt zu den wenigen Organen, bei denen es in den vergangenen Jahren kaum Fortschritte in der Krebsforschung gab. Woran liegt das? Was macht es – neben der häufig späten Diagnose – so schwierig beim Pankreas?

Seufferlein: Die Probleme sind unterschiedlicher Art. Zum einen sind die Tumoren extrem heterogen. Das heißt, es gibt große Unterschiede zwischen einzelnen Patienten, es gibt sehr viele Untergruppen. Hinzu kommt: Der Tumor weist eine sehr spezielle Mikroumgebung auf, die ihn therapieresistent macht, besonders für bestimmte Substanzen wie Chemotherapeutika. Es finden dort auch keine wirksamen immunologischen Reaktionen gegen den Tumor statt.

Trotzdem könnte es in Zukunft neue Therapie-Optionen geben. Welche sind das?

Seufferlein: Es gibt tatsächlich einen Hoffnungsschimmer, der mit den vielen genetischen Veränderungen im Pankreaskarzinom zu tun hat. Diese Mutationen konnten wir bisher nicht medikamentös angehen – doch das ändert sich gerade. Ein Ansatzpunkt beim Bauchspeicheldrüsenkrebs könnte das mutierte KRAS-Gen sein. Hier ist es jetzt erstmals gelungen, einen Therapieansatz für eine sehr kleine Patientengruppe zu finden. Vereinfacht gesagt werden dabei so genannte KRAS-Inhibitoren eingesetzt, die den Signalweg in den Krebszellen hemmen und so ihr Wachstum verhindern können. Das funktioniert aber nur, wenn bestimmte Genveränderungen vorliegen – im konkreten Fall ist das die KRAS-G12C-Mutation. Hier befinden wir uns bereits in der klinischen Anwendung, wir setzen diese Inhibitoren also schon am Patienten ein. Allerdings weisen nur 4 Prozent der Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs eine solche G12C-Mutation auf. Es wäre natürlich schön, wenn dieser Ansatz auch bei anderen Genmutationen funktionieren würde, die häufiger vorkommen.

Zum Beispiel?

Seufferlein: Bei der G12D-Mutation, die beim Bauchspeicheldrüsenkrebs sehr viel häufiger vorkommt, nämlich bei 40 Prozent der Patienten. Hier sieht es gerade sehr spannend aus – es gibt erste Inhibitoren, die aber im Moment erst in sehr frühen klinischen Studien untersucht werden. Aber das könnte tatsächlich völlig neue Einsatzmöglichkeiten eröffnen.

Wann könnte es so weit sein?

Bauchspeicheldrüsenkrebs
Bauchspeicheldrüsenkrebs: Oft erst spät erkannt. Foto: ©iStock.com/peakSTOCK

Seufferlein: In den nächsten beiden Jahren, denke ich. Bis dahin haben wir Daten aus Studien, die im Augenblick laufen. Natürlich können nicht alle erfolgreich sein – manche Substanzen werden es nicht schaffen, weil sie zu toxisch sind, andere sind vielleicht nicht ausreichend wirksam. Aber es gibt ganz unterschiedliche Konzepte von sehr vielen verschiedenen pharmazeutischen Unternehmen. Von daher bin ich sehr zuversichtlich, dass wir da in Bälde deutlich mehr wissen. Das gilt auch für die so genannten Pan-Ras-Inhibitoren, mit denen wir im Erfolgsfall noch größere Patientengruppen erreichen könnten.

Was könnte Künstliche Intelligenz (KI) beitragen?

Seufferlein: KI könnte möglicherweise speziell bei der Früherkennung helfen – vorausgesetzt, sie ist entsprechend trainiert und mit vielen Informationen gefüttert. Sie könnte dann zum Beispiel bei der Bildgebung eingesetzt werden. Genauer: Sie könnte anhand der Bilder zu einer besseren Einschätzung beitragen, wie groß das Risiko ist, dass sich aus bestimmten Veränderungen ein Tumor entwickelt.

Welche Vorteile könnten sich durch den Einsatz von Robotik ergeben?

Seufferlein: Die robotisch-assistierte Chirurgie ist ein großer Fortschritt für Patientinnen und Patienten mit vielerlei Tumorerkrankungen – Dickdarm, Speiseröhre, Magen und auch Pankreas. Robotisch-assistierte Operationen sind weniger belastend, die Patienten sind nach der OP schneller wieder fit – dadurch können wir notwendige Folgetherapien, wie zum Beispiel unterstützende Chemotherapien, wesentlich zeitnaher nach einer Operation durchführen. Allerdings sollten solche OPs immer an großen Krebszentren erfolgen.

Welche Fortschritte gibt es bei Chemotherapie und Bestrahlung?

Seufferlein: Kleine Fortschritte. Wir haben jetzt eine neue Kombination für die Erstlinientherapie, die wahrscheinlich dieses Jahr zugelassen wird. Sie kann besser als bisherige Chemotherapeutika in Tumorzellen eindringen und dort auch besser wirken – das hat gerade eine große Studie gezeigt. Das entwickelt sich also weiter, aber wirklich durchschlagende Erfolge erwarte ich von der Chemotherapie allein ehrlich gesagt nicht mehr. Sie könnte aber hilfreich sein in Kombination mit anderen Konzepten, etwa Immuntherapien. Das könnten dann sehr interessante Ansätze sein.

Bauchspeicheldrüse
Immuntherapien bei Bauchspeicheldrüsenkrebs? Foto: ©iStock.com/magicmine

Immuntherapien bei Bauchspeicheldrüsenkrebs? Ich habe gehört, das soll schwierig sein.

Seufferlein: Da haben Sie richtig gehört, das ist auch sehr schwierig. Die Immuntherapien, die im Augenblick zugelassen sind, sind bei Bauchspeicheldrüsenkrebs alle nicht effektiv. Es gibt allerdings noch ein sehr viel breiteres Spektrum an Substanzen, die im Augenblick in der klinischen Prüfung sind. So gibt es präklinische Hinweise darauf, dass die vorhin erwähnten KRAS-G12D-Inhibitoren möglicherweise über immunologische Mechanismen wirken, so dass man durch Immuntherapien eine Wirkverstärkung erreichen kann. Aber das müssen wir alles noch in der Praxis überprüfen und sehen: Ist das, was wir am Mausmodell sehen, dann auch beim Patienten so? Aber es gibt Konzepte, die erwarten lassen, dass man eventuell auch mit einer Immuntherapie Erfolge erzielen kann, auch mit Hilfe von Vakzinierungsstrategien.

Welche Rolle könnten dabei mRNA-Impfstoffe spielen?

Seufferlein: Das ist genau das, was ich gerade ansprach. Es könnte tumorindividuelle mRNA-Impfstoffe geben, die Antigene enthalten, die das Immunsystem stimulieren – und die für jeden Tumor individuell ausgesucht werden. Erste Studienergebnisse dazu sind sehr vielversprechend – zumindest die Hälfte der Patienten hat eine deutliche Immunantwort aufgebaut und dann auch ein langes rezidivfreies Überleben gezeigt. Allerdings sind das frühe Daten von insgesamt nur 18 Patienten. Es laufen aber gerade größere Studien, auch in Deutschland. Dabei erhoffen wir uns auch Antworten auf die Frage, weshalb die Hälfte der Patienten keine Immunantwort nach dieser Impfung aufgebaut hat.

Wie sieht es mit der Früherkennung aus?

Seufferlein: Es gibt Früherkennungsprogramme für Menschen, die erblich vorbelastet sind, wenn also zum Beispiel in der Familie bestimmte Genmutationen vorliegen. Für die Allgemeinbevölkerung gibt es das noch nicht, weil die Zahl derer, die man untersuchen müsste, im Verhältnis zu dem, was man dann findet, viel zu hoch wäre. Es gibt allerdings auch hier erste, KI-basierte Ansätze – leider nicht bei uns, sondern in Dänemark. Dort wurde mit Hilfe von KI versucht, vorherzusagen, wer in den nächsten 3 Jahren eine Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung entwickeln wird. Dazu haben die Kollegen aus Dänemark ihr nationales Patientenregister durchsucht und sich angesehen: Was war in den Jahren los, bevor jemand an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist. Das geht bis hin zu den Medikamenten, die verschrieben wurden. Bislang haben sie diesen Algorithmus mit den Daten von Patienten entwickelt, die einen stationären Aufenthalt hatten – jetzt machen sie das auch mit Daten aus dem ambulanten Bereich, vor allem von Hausärzten. Das funktioniert, weil es in Dänemark von der Geburt bis ins hohe Alter einen großen, kompletten Datenschatz gibt, auf den Forschende zugreifen können. Ich erwarte da tatsächlich spannende Erkenntnisse.

Digitalisierung und Datenschutz
KI in der Früherkennung? Es fehlen Daten. Foto: ©iStock.com/SOMKID THONGDEE

Eine entsprechende Studie in Deutschland könnte es vermutlich schon aus Datenschutzgründen nicht geben, oder?

Seufferlein: Ganz genau. Wir haben solche Daten nicht zur Verfügung. In Deutschland sind wir da weit hinterher. Wir werden jetzt mit dem Gesundheitsdatennutzungsgesetz zum ersten Mal die Möglichkeit bekommen, Daten aus Registern zum Beispiel mit Abrechnungsdaten der Krankenkassen zu verknüpfen – das ist ein erster, wichtiger Schritt.

Gibt es Möglichkeiten zur Prävention?

Seufferlein: Es sind im Grunde genommen nur die Möglichkeiten, die auch sonst die Gesundheit fördern: Regelmäßige Bewegung, vernünftige Ernährung mit mediterraner Kost und wenig rotem Fleisch, nicht rauchen, wenig Alkohol trinken. Mehr ist es leider nicht.

Wenn Sie 5 Jahre in die Zukunft blicken – was wird sich bis dahin bei der Behandlung des Pankreas-Karzinoms verändert haben?

Seufferlein: Ich denke, wir werden mehr Möglichkeiten zur Behandlung dieses Tumors haben, eventuell auch Biomarker, die uns Hinweise geben, wer zur Risikogruppe gehört. Operationen werden schonender sein und hoffentlich immer in Zentren stattfinden – allein dies könnte die Operationsergebnisse und das Überleben der Patienten deutlich verbessern. Und wir werden mehr Medikamente zur Verfügung haben, die es uns erlauben, auch in fortgeschrittenen Stadien diesen Tumor besser zu kontrollieren. Da bin ich sehr zuversichtlich.

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