Welt-AIDS-Tag: HAART war die Wende

Eine neue Kombinationstherapie vollbrachte das Wunder: Quasi über Nacht fielen die Todesraten um 90 Prozent. Die Welt-AIDS-Konferenz 1996 in Vancouver war die Wende.

„Die Nachrichten waren schlecht, wurden schlimmer und schließlich schrecklich“, beschreibt der argentinisch-kanadische HIV-Experte Julio Montaner die Zeit vor Vancouver. Eine HIV-Infektion war ein Todesurteil: Es gab zwar bereits seit 1987 wirksame Medikamente, aber die Todesraten stiegen weiter, wie die Grafik zeigt.

In Vancouver fand im Sommer 1996 die 11. Internationale Welt-AIDS-Konferenz statt. Schon vorher hatte es in der Gerüchteküche gebrodelt – mit den Protease-Inhibitoren stand eine neue Klasse von Medikamenten zur Verfügung und erste Ergebnisse einer neuen Therapiestrategie machten die Runde: HAART (Highly Active Antiretroviral Therapy), eine Kombination aus mindestens drei Wirkstoffen, drückte die Viruslast unter die Nachweisgrenze. Ihre Aufgabe: Hat eine HIV-Infektion stattgefunden soll sie das Ausbrechen von AIDS vermeiden. Hoffnungen, eine Heilung gefunden zu haben, machten die Runde. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel titelte“: „Ende des Sterbens. Das AIDS-Wunder.“ Das mit der Heilung weiß man heute besser. Ein Wunder war es trotzdem. Die Rede war vom „Lazarus-Syndrom“.

HAART hat das Leben mit HIV grundlegend gewandelt

Seit Vancouver gilt: Die Todesraten sind in vielen Ländern innerhalb von zwei Jahren dramatisch und seitdem kontinuierlich gefallen: Um rund 82 Prozent in Deutschland, 88 Prozent in den USA oder 73 Prozent im Vereinigten Königreich. Frankreich und Spanien kommen sogar auf Werte jenseits der 90 Prozent. Heute weiß man: Wer HIV-positiv ist und mit seinen Medikamenten gut eingestellt ist, kann andere nicht anstecken.

„Seit Erfindung der Kombitherapie hat sich das Leben mit HIV grundlegend gewandelt“, heißt es bei magazin.hiv der Deutschen AIDS-Hilfe. „Alles ist möglich. Alt werden inklusive. Geblieben sind Stigma und Diskriminierung.“

Das war auch in den 1990er-Jahren nicht anders, wie diese Geschichte zeigt: Eröffnet wurde die Konferenz in Vancouver von Dorrie Millman. Eine Aktivistin von damals beschreibt sie als eine Frau mittleren Alters im eleganten Hosenanzug: „Ich bin hier, um offiziell die 11. Internationale AIDS-Konferenz zu eröffnen. Ich weiß, dass sie sich wahrscheinlich wundern, warum ich dafür ausgewählt wurde. Nun, ich habe AIDS.“ Nach einer Pause fährt sie fort: „Menschen fragen mich immer wieder, wie ich, eine Großmutter aus Nord-Vancouver, habe AIDS bekommen können.“ Eine weitere Pause, als die 15.000 Teilnehmer den Atem anhalten: „Ich antworte ihnen: Das ist vollkommen egal.“

Damals hieß es: „AIDS hat man nicht, man holt es sich.“ Es scheint als hinke der gesellschaftliche Fortschritt dem medizinischen bis heute hinterher. Denn gegen Stigma und Diskriminierung gibt es keine Medikamente.
 

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