In Zukunft werden immer mehr Menschen an Diabetes erkranken. Die Gesundheitssysteme sind nicht darauf eingestellt. Foto: ©iStock.com/nambitomo
In Zukunft werden immer mehr Menschen an Diabetes erkranken. Die Gesundheitssysteme sind nicht darauf eingestellt. Foto: ©iStock.com/nambitomo

„Diabetes-Pandemie“: Drohen Versorgungsprobleme und reduzierte Lebenserwartung?

„Diabetes mellitus ist global auf dem Vormarsch“, so die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Das gilt nicht nur für Diabetes Typ 2, sondern auch für Typ 1, zeigt eine Studie im Fachmagazin The Lancet. Deutschland müsse „endlich deutlich mehr in die Diabetesversorgung sowie -prävention“ investieren, mahnt die DDG. Ansonsten könnte das dramatische Auswirkungen auf die Patient:innen haben.

„Nicht nur beim Diabetes Typ 2, der häufig Folge eines ungünstigen Lebensstils ist, müssen wir mit enorm steigenden Zahlen rechnen“, warnt DDG-Präsident Professor Dr. med. Andreas Neu. Er verweist auf eine aktuelle Studie: Die Autor:innen prognostizieren darin, dass 2040 bis zu 17,4 Millionen Menschen weltweit mit der Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1 leben werden. Aktuell sind es rund 8,4 Millionen Betroffene. Eine Verdoppelung werde „weltweite Gesundheitssysteme vor enorme Herausforderungen“ stellen – die Zahlen seien ein „Warnschuss für alle Länder“. 

Diabetes: Lange Hausaufgabenliste der Politik
Diabetes Typ 1: Es wird mit enorm steigenden Zahlen gerechnet. Foto: ©iStock.com/Antonio_Diaz

Auf Basis einer Modellrechnung haben die Wissenschaftler:innen für insgesamt 201 Länder Zahlen zu Erkrankungen, Neuerkrankungen und Sterblichkeit in Bezug auf Diabetes Typ 1 ermittelt. Demnach leben in Deutschland über 422.000 Betroffene. Die Mehrheit ist älter als 20 Jahre. „Es scheint, dass immer mehr Menschen im Erwachsenenalter diese Diagnose erhalten“, so Prof. Dr. Neu. 

Die DDG fordert schon lange, dass die Politik geeignete Maßnahmen ergreift, um Diabetes einzudämmen und die Versorgung der Betroffenen auch künftig gewährleisten zu können. „Doch besonders in der Diabetologie sind personelle und finanzielle Ressourcen über Jahrzehnte dem Rotstift zum Opfer gefallen“, sagt DDG-Mediensprecher Professor Dr. med. Baptist Gallwitz. An den 37 staatlichen medizinischen Fakultäten in Deutschland seien die Fächer Endokrinologie und Diabetologie nur noch mit 8 bettenführenden Lehrstühlen repräsentiert. Das heißt: Immer weniger angehende Mediziner:innen erhalten Kenntnisse in diesem Bereich. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, müssen auch hierzulande Menschen mit einem Typ-1-Diabetes deutliche Versorgungsprobleme und eine reduzierte Lebenserwartung befürchten. Das wäre ein Armutszeugnis für ein wohlhabendes Land wie Deutschland“.

Diabetes: Lange Hausaufgabenliste der Politik

Die Politik hat also viel zu tun. Im Kern steht die „Nationale Diabetesstrategie“: Ihre Verabschiedung im Jahr 2020 war laut DDG „ein erster wichtiger und notwendiger Schritt zur Verbesserung der Prävention, Früherkennung und Forschung sowie zur Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Versorgung“. Erfolgreich kann diese Strategie allerdings nur sein, wenn der Theorie „konkrete, zielführende Maßnahmen folgen“. Die DDG fordert unter anderem die „Stärkung der translationalen Forschung“ bzw. die „Sicherung der Finanzierung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) an seinen fünf Standorten in Deutschland“. Auch sei es zum Beispiel notwendig, die klinischen Lehrstühle und Behandlungskapazitäten im Bereich der Diabetologie und Endokrinologie an jeder medizinischen Fakultät zu erhalten sowie auszubauen. Im Sinne von besserer Prävention ist die DDG unter anderem für ein Werbeverbot für ungesunde Kinderlebensmittel. Die aktuelle Lancet-Studie unterstreicht die Dringlichkeit politischen Handelns.

Diabetes Typ 1: Tödliche Gefahr

Diabetes Typ 1: Tödliche Gefahr
Diabetes Typ 1: Über 422.000 Menschen in DE. ©iStock.com/designer491

Aktuell leben ein Fünftel aller Diabetes Typ 1-Patient:innen in besonders einkommensschwachen Ländern („low-income and lower-middle-income countries“). „Die verbleibende Lebenserwartung eines zehnjährigen Kindes, das 2021 die Diagnose Typ 1-Diabetes erhalten hat, beträgt in Ländern mit niedrigem Einkommen durchschnittlich 13 Jahre; in Ländern mit hohem Einkommen sind es 65 Jahre“, heißt es in der Studie. „Dies veranschaulicht einmal mehr, wie wesentlich der jeweilige Wohlstand eines Landes und die Infrastruktur des Gesundheitssystems mit zuverlässiger Diagnostik, Zugang zu Insulin und qualifiziertem Personal sind“, erklärt Prof. Dr. Neu. 2021 starben weltweit rund 35.000 Menschen innerhalb eines Jahres nach Auftreten erster Symptome, weil ihr Typ 1-Diabetes nicht diagnostiziert wurde.

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