Wenn es um Demenzerkrankungen geht, laufen wir den Möglichkeiten hinterher. Fast die Hälfte aller Fälle ließe sich verhindern. Foto: ©istock.com/BeritK
Wenn es um Demenzerkrankungen geht, laufen wir den Möglichkeiten hinterher. Fast die Hälfte aller Fälle ließe sich verhindern. Foto: ©istock.com/BeritK

Gesundes Gehirn: Kurswechsel überfällig

Wenn es um Demenzerkrankungen geht – und damit um die Gesundheit unseres Gehirns – laufen wir den Möglichkeiten hinterher. Fast die Hälfte aller Fälle ließe sich verhindern. Die Hebel sind bekannt und wissenschaftlich evaluiert: Von der frühkindlichen Bildung über Blutdruckkontrolle bis hin zu neuen Antikörpertherapien haben wir einen gut gefüllten Werkzeugkasten zur Verfügung, um Erkrankungen des Hirns besser zu managen, als wir das heute tun. Auf dem Europäischen Gesundheitskongress in München diskutierten Expert:innen darüber, was passieren muss. Denn: Wir wissen zwar, wie wir die Wucht von dementiellen Erkrankungen abfedern könnten. Wir tun es aber zu wenig.

Die Fakten

  • In Deutschland leben 1,78 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung; Alzheimer ist mit etwa zwei Drittel der Fälle die häufigste Form.
  • Fast 5 Prozent aller Betroffenen — rund 85.000 Personen — sind jünger als 65 Jahre.
  • Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft rechnet mit bis zu 2,6 Millionen Demenzerkrankten im Jahr 2050.
Prof. Dr. Özgür Onur ist Neurologe und Demenzforscher an der Uniklinik Köln
Prof. Dr. Özgür Onur; Neurologe & Demenzforscher an der Uniklinik Köln. Foto: MedizinFotoKöln
Prof. Dr. Özgür Onur ist Neurologe und Demenzforscher an der Uniklinik Köln. Er sagt: „Wenn es uns gelingt, den Beginn einer Demenzerkrankung um ein Jahr zu verschieben, dann haben wir über einen Zeitraum von fünf Jahren zehn Prozent weniger Demenzfälle – oder weltweit fünf Millionen Menschen weniger, die betroffen wären.“ Das zeigen Modellrechnungen. Aus seiner Sicht wäre es möglich sein, mehr als das eine Jahr zu schaffen. Ob er an eine Heilung von Alzheimer glaubt? „Nein, diese Prognose gebe ich nicht ab. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir irgendwann in der Lage sein werden, Erkrankungen fünf, vielleicht zehn Jahre nach hinten zu schieben.“ Das würde für viele Menschen mehr Lebenszeit ohne die Einschränkungen der Erkrankung bedeuten. 
 
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) rechnet für Deutschland mit 1,78 Millionen Menschen mit Demenz, deren häufigste Ausprägung die Alzheimer-Erkrankung ist. Täglich kommen rund 100 Diagnosen dazu. Um die Krankheit besser zu managen, steht ein ganzes Instrumentarium bereit – seit dem vergangenen Jahr (2025) auch erstmals Arzneimitteltherapien, die gezeigt haben, dass sie im frühen Stadium der Erkrankung den kognitiven Abbau verlangsamen können – ein entscheidender Fortschritt, denn lange standen nur symptomlindernde Behandlungen zur Verfügung.
 

Gehirngesundheit: Der große Hebel Prävention

Der größte Hebel für mehr Gehirngesundheit ist die Prävention – theoretisch lassen sich 45 Prozent der Demenzfälle vermeiden oder verzögern.
 
14 beeinflussbare Risikofaktoren sind es, die die Wissenschaft identifiziert hat: Unzureichende frühkindliche Bildung gehört dazu (könnte bis zu 5 % der Fälle vermeiden helfen), die wichtigsten Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen (insgesamt rund 14 %) oder aber auch soziale Isolation im Alter (5 %). Vielleicht die überraschendste Zahl in dieser Liste: Rund 7 Prozent der Demenzfälle gehen auf das Konto Hörverlust. 
 
Die Wissenschaft geht mittlerweile davon aus, dass die Stellschrauben, mit denen die Zahl der Demenzen hinausgeschoben werden kann, modal gedacht werden müssen. Früher, so Onur, habe man sich darauf konzentriert, einzelne Faktoren zu beeinflussen. Heute setzt man auf die so genannte Multidomänen-Intervention  und kombiniert verschiedene Elemente wie kognitive Trainings mit Ernährung und Bewegung. Untersuchungen wie die FINGER– oder die Maintain-Your-Brain-Studie haben belegt, dass der kognitive Verfall durch multidomänenbasierte Lebensstilinterventionen bei älteren Erwachsenen mit Demenzrisiko tatsächlich verhindert oder verzögert werden kann.
 

Demenz-Prävention: Herzkreislauf-Erkrankungen verhindern

Immerhin: Im Windschatten einer ganz anderen medizinischen Erfolgsgeschichte ist es gelungen, das Risiko einer frühen Demenzerkrankung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zu vermindern. Todesfälle aufgrund von Herzkreislauf-Krankheiten sind seit 1980 um 60 Prozent zurückgegangen – vor allem durch den Einsatz damals neuartiger Medikamente wie Blutdruck- und Lipidsenker sowie von Gerinnungshemmern. „Das gibt es nirgends in der Medizin“, so Professor Dr. Bertram Häussler vom IGES-Institut. „Und hatte einen willkommenen Nebeneffekt: Wenn man die Gefäße insgesamt schützt, schützen wir auch das Hirn.“ Die Framingham Heart Study, eine der bedeutendsten Langzeitstudien der Medizin, zeigt, dass das Risiko für demenzielle Erkrankungen über ungefähr drei Jahrzehnte um 44 Prozent zurückgegangen ist, so Häussler. 
 
In diese Richtung sieht er noch viel Potenzial: „Viele Risikofaktoren sind nicht beherrscht.“ Die absolute Zahl der Demenzen wird weiter zunehmen, so der Mediziner und Soziologe, auch, weil die Lebenserwartung steigt. „Der medizinische Fortschritt senkt das individuelle Risiko, kann aber die demografisch bedingte Zunahme der Krankheitslast nicht aufhalten.  
Anti-Demenz-Medikamente sind da natürlich die große Hoffnung, dass wir den Alterungsprozess im Gehirn stoppen können.“
 

Die neuen Alzheimer-Therapien: Erfahrungen aus dem Alltag

Diese sind nun seit einem Jahr verfügbar. Auf einer Veranstaltung des forschenden Pharmaunternehmens Lilly berichtete Professor Onur über seine Erfahrungen, die er am Zentrum der Uniklinik Köln mit den neuen Antikörpern macht. In den Zulassungsstudien hatten sie gezeigt, dass sie „klinisch relevant“ den kognitiven und funktionellen Abbau verlangsamen können, so Onur. Die ersten Langzeitdaten über drei Jahre bestätigen das. Für seine Patient:innen eine wichtige Botschaft: „Das Risiko, innerhalb von 18 Monaten in eine mittelschwere Demenz fortzuschreiten, ist um 48 Prozent reduziert.“ Von der neuen Therapie können diejenigen profitieren, die eine frühe symptomatische Alzheimer-Erkrankung haben. Bisher hat er mit seinem Team rund 100 Menschen behandelt: „Das liegt an der engen Zulassung und der maximalen Risikominimierung.“ Die Zufriedenheit seiner Patient:innen bezeichnet Onur als hoch.
 
Dementielle Erkrankungen sind für das Land längst eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die weit über das Gesundheitssystem hinausreicht und die Demografie-bedingt an Dringlichkeit gewinnt. Gehirngesundheit braucht eine neue, gesamtgesellschaftliche Dimension. Solange Demenzen als Schicksal gelten, gegen die man eh nicht viel tun kann, bleiben sie in der Tabuzone. Doch für die Fatalisierung von Alzheimer und Co. gibt es keinen Grund mehr: Zu groß sind die Möglichkeiten, dieser Herausforderung etwas entgegenzusetzen.

Weitere News

Fast die Hälfte der Demenzfälle wären vermeidbar, wenn wir bei der Prävention Gas geben würden. Eine Kampagne von Lilly rührt die Werbetrommel für die Gehirngesundheit.

Gehirngesundheit: Raus aus der Tabuzone

Mit der „Memory Radio Station“, einer Kunstinstallation im Kölner Mediapark, setzt das Unternehmen Lilly seine Kampagne „Bevor Du es vergisst“ fort. Lilly will darauf aufmerksam machen, dass fast die Hälfte der Demenzfälle vermeidbar wären, wenn wir bei der Prävention Gas geben würden. 1,8 Millionen Menschen leiden unter einer dementiellen Erkrankung, von denen fast 70 Prozent Alzheimer-Patient:innen sind. Das Unternehmen ist seit mehr als 35 Jahren in der Alzheimerforschung tätig und möchte das Thema Gehirngesundheit in der Öffentlichkeit verankern. Die Botschaft lautet: Jeder kann etwas tun.

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Fast jeder zweite Demenzfall kann auf vermeidbare Risikofaktoren zurückgeführt werden: Das Potenzial für Prävention ist enorm. Das Unternehmen Lilly startet deshalb die Kampagne „Bevor Du es vergisst“. Foto: iStock.com / coffeekai

Demenzerkrankungen: „riesiges Potenzial für Prävention“

Demenzerkrankungen nehmen zu – das ist die Folge einer alternden Gesellschaft. Doch sie sind kein unabwendbares Schicksal, dem man sich tatenlos ergeben muss. Fast jeder zweite Demenzfall kann auf vermeidbare Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Hörverlust, Alkohol oder Tabak zurückgeführt werden: Das Potenzial für Prävention ist enorm. Das forschende Pharmaunternehmen Lilly startet deshalb im September die Kampagne „Bevor Du es vergisst: Gehirngesundheit aktiv gestalten“. Wir sollten unserem Gehirn mehr Aufmerksamkeit schenken, so die Botschaft. Am 21. September ist Welt-Alzheimer-Tag.

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Seit diesem Jahr stehen zwei Antikörper zur ursächlichen Behandlung der frühen Alzheimer-Demenz zur Verfügung. Das verändert die Art und Weise, wie die Krankheit behandelt werden muss. Foto: ©istock.com/LightFieldStudios

Gewonnene Zeit – Durchbruch in der Alzheimertherapie

Seit diesem Jahr stehen zwei Antikörper zur ursächlichen Behandlung der frühen Alzheimer-Demenz zur Verfügung. Ursächlich bedeutet: Sie bauen aktiv Amyloid-Plaques ab. Das sind Eiweißablagerungen im Hirn, die bei der Entstehung der Krankheit eine zentrale Rolle spielen. Auf dem Europäischen Gesundheitskongress in München (EGKM) gingen Expert:innen der Frage nach, was das für die Versorgungsstrukturen, für die Betroffenen selbst und ihre Angehörigen bedeutet. Denn klar ist auch: Eine Heilung ist die neue Therapie nicht.

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