Leandra

Sollte das deutsche Nutzenbewertungsverfahren mit Orphan Drugs genauso umgehen wie mit Arzneimitteln gegen häufigere Erkrankungen? Besser nicht – denn das würde die Versorgung der Patient:innen verschlechtern. Foto: iStock.com/:Jacob Wackerhausen

Orphan Drugs: Von einer Diskussion, die an der Versorgungsrealität der Patient:innen vorbeigeht

Sollten die Organe, die in Deutschland für die Nutzenbewertung neuer Arzneimittel verantwortlich sind, mit Orphan Drugs methodisch genauso umgehen wie mit Medikamenten gegen häufigere Erkrankungen? Diese Forderung wird immer wieder laut. Doch wer sich die Faktenlage genau anschaut, muss feststellen: Das würde die Versorgung der Patient:innen mit seltenen Leiden verschlechtern. Schon heute droht die Gefahr, dass innovative Therapien nicht ans Krankenbett kommen – weil es dem sogenannten AMNOG-Verfahren nicht gelingt, ihren Zusatznutzen zu erkennen und zu honorieren. Die Folgen können lebensbedrohlich sein.

Biopharma: Motor für Innovation und Wachstum

Die Bedeutung der medizinischen Biotechnologie wächst und wächst. Davon profitieren die Patient:innen sowie die Bundesrepublik als Gesamtes. Denn die Branche ist ein „zuverlässiger Innovationsmotor“ und spielt eine wichtige „Rolle bei der Sicherung des Pharmastandorts Deutschland“, sagt der vfa mit Blick auf eine Analyse, welche die Boston Consulting Group (BCG) für den Pharmaverband durchgeführt hat.

Schwarzer Hautkrebs: Mehr Prävention und Früherkennung gefragt

32.000 gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren erhielten im Jahr 2022 erstmals die Diagnose „Schwarzer Hautkrebs“, auch bekannt als Malignes Melanom. „Sorgfältiger Sonnenschutz und regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen können Hautkrebs-Risiko verringern bzw. Heilungschancen deutlich verbessern“, betont das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi).

AMNOG-Leitplanken

Die „AMNOG-Leitplanken“ meinen bestimmte, mit dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz in Kraft getretene Regeln, welche sich auf die Erstattungsbetragsverhandlungen von innovativen Arzneimitteln beziehen. Demnach darf ein neues Arzneimittel in bestimmten Fällen trotz nachgewiesenem Zusatznutzen nicht teurer sein als eine Vergleichstherapie. Wenn ein neues Arzneimittel keinen Zusatznutzen aufweist, jedoch gleichwertig zu einer bestehenden Vergleichstherapie ist, muss der Erstattungsbetrag sogar niedriger sein.

Der Bundestag hat das Medizinforschungsgesetz verabschiedet – aus Sicht der Industrie ist es eine der zentralen Säulen für die Umsetzung der Nationalen Pharmastrategie. Foto: ©iStock.com/yavdat

Medizinforschungsgesetz: Ein Meilenstein mit Schwächen

Der Bundestag hat das Medizinforschungsgesetz (MFG) verabschiedet – es ist aus Sicht der Industrie eine der zentralen Säulen für die Umsetzung der Nationalen Pharmastrategie. Damit soll Deutschland als Standort für medizinische Forschung international wieder wettbewerbsfähig werden. Es ist auch ein Versuch, zumindest einen Teil der im GKV-Finanzstabilisierungsgesetz (GKV-FinStG) erlassenen, innovationsfeindlichen Regelungen bei der Bewertung neuer Arzneimittel zu heilen. Die vertraulichen Erstattungspreise für innovative Arzneimittel sind praktisch vom Tisch.

16.500 junge Erwachsene pro Jahr erhalten in Deutschland eine Krebsdiagnose – mehr als 80 Prozent von ihnen können geheilt werden. Ein Drittel der Betroffenen klagt über Benachteiligungen.

Krebs bei jungen Menschen: Kein Recht auf Vergessen

16.500 junge Erwachsene pro Jahr erhalten in Deutschland eine Krebsdiagnose – mehr als 80 Prozent von ihnen können dank medizinischer Innovationen geheilt werden. Doch ein Drittel der Betroffenen klagt selbst Jahrzehnte nach der Diagnose über Benachteiligungen: Ihnen werden beispielsweise Versicherungsabschlüsse, Kredite oder Verbeamtungen verwehrt. Dies will die „Deutsche Stiftung junge Erwachsene mit Krebs“ (DSfjEmK) ändern. Auf dem Hauptstadtkongress (HSK) erneuerte sie ihre Forderung nach einem „Recht auf Vergessenwerden“, wie es in anderen Ländern verankert ist.

Die Nationale Pharmastrategie kann dazu beitragen, den Pharmastandort wieder attraktiver zu machen. Doch es braucht zusätzliche Reformen – wie eine Korrektur des GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes, sagt Dr. Andreas Eitel von Ipsen. Foto: ©iStock.com/YurolaitsAlbert

Damit Arzneimittelinnovationen den Menschen auch in Zukunft zur Verfügung stehen

Den Pharmastandort wieder attraktiver machen: Dieses Ziel haben sich die Ampel-Parteien gesetzt. Aus Sicht von Dr. Andreas Eitel, Director Market Access DACH bei der Ipsen Pharma GmbH, ist es „dringend geboten, dass die Bundesregierung Reformen angeht“. Denn Deutschland büßt im internationalen Vergleich zunehmend an Innovationsstärke ein – zulasten von Wissenschaft, Wirtschaft und Patient:innen. Das liegt mitunter am GKV-Finanzstabilisierungsgesetz: Warum Ipsen Verfassungsbeschwerde eingereicht hat, erklärt der Experte im Interview.

Auf einem Symposium von AstraZeneca diskutierten Expert:innen über Ideen, Reformen, Maßnahmen für eine zukunftsfähige GKV-Finanzierung.

In Gesundheit investieren lohnt sich

Warum organisiert ein forschendes Pharmaunternehmen wie AstraZeneca ein Symposium zum Thema „Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV)“? Ganz einfach: „Wir wollen Arzneimittel entwickeln, erforschen und den Patientinnen und Patienten zur Verfügung stellen“, sagte Tessa Wolf, die die politische Abteilung der Firma leitet. Voraussetzung dafür sind: „stabile Rahmenbedingungen“ und „langfristig gute Strukturen“ im Gesundheitssystem. Auf dem Hauptstadtkongress diskutierten mehrere Expert:innen daher über Maßnahmen, um die GKV nachhaltig zu stabilisieren.

Auf dem HSK diskutierten Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Unternehmen über die Rahmenbedingungen für den Pharma- und Forschungsstandort. Im Fokus: Die Nationale Pharmastrategie. Foto: Pharma Fakten

Eine schwache Pharmaindustrie? Braucht kein Mensch

Auf dem Hauptstadtkongress (HSK) diskutierten Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Unternehmen über die Rahmenbedingungen für den Pharma- und Forschungsstandort Deutschland. Im Fokus: Die vor einem halben Jahr verabschiedete Nationale Pharmastrategie, die Forschung, Entwicklung und Produktion hierzulande stärken soll. Wie ist der Stand der Umsetzung? Was fehlt, damit die Strategie fliegt? Das Symposium wurde von Pharma Fakten organisiert und gesponsert von den Firmen BeiGene und Bristol-Myers Squibb – es ist ein Bericht in eigener Sache.