Die Autor:innen des aktuellen „Lancet Countdown on Health and Climate Change“ fordern, den Klimawandel offiziell als globalen Gesundheitsnotstand anzuerkennen und entsprechend zu handeln. Foto: iStock.com / sirichai_asawalapsakul
Die Autor:innen des aktuellen „Lancet Countdown on Health and Climate Change“ fordern, den Klimawandel offiziell als globalen Gesundheitsnotstand anzuerkennen und entsprechend zu handeln. Foto: iStock.com / sirichai_asawalapsakul

Klimawandel: Ein globaler Gesundheitsnotstand

Bald ist es wieder so weit: Vom 9. bis 20. November findet die „COP31“ statt – die weltweit wichtigste Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Rund 100.000 Menschen werden in der Türkei erwartet: Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutieren dort über Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise. Der Handlungsdruck wächst: Das zeigt der aktuelle Bericht der Forschungsinitiative „Lancet Countdown on Health and Climate Change“. Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels verschärfen sich demnach schneller, als die Weltgemeinschaft gegensteuert.

Die Fakten

  • Die durchschnittliche jährliche Zahl hitzebedingter Todesfälle stieg weltweit nach Inkrafttreten des Pariser Klimaabkommens um fast 36 Prozent.
  • 2025 waren fast 52 Prozent der weltweiten Landfläche mind. einen Monat lang von extremer Dürre betroffen.
  • Besonders extreme Niederschläge treten häufiger auf. Zwischen 2016 und 2025 war das jährlich auf fast 17,2 Prozent der weltweiten Landfläche der Fall.
  • Maßnahmen gegen den Klimawandel bieten große Gesundheitschancen: Eine verbesserte Luftqualität hat in mind. 77 Ländern, in denen die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe seit 2016 zurückgegangen ist, schätzungsweise 323.000 Todesfälle jährlich verhindert.
Der Lancet Countdown-Bericht 2026 ist da.
Der Lancet Countdown-Bericht 2026 ist da.

Gibt es Fortschritte bei der Eindämmung der Klimakrise? Die Antwort ist eher ernüchternd: „Die Fortschritte sind zu langsam, zu gering und erreichen diejenigen nicht, die sie am dringendsten benötigen“, sagt Professorin Marina Romanello vom University College London als geschäftsführende Direktorin des Lancet Countdown.

Die Lancet Countdown-Initiative vereint zahlreiche Wissenschaftler:innen weltweit – jedes Jahr veröffentlichen sie einen Bericht im renommierten Fachmagazin „The Lancet“. In einer Pressemitteilung bringt es Romanello auf den Punkt: „Die gesundheitlichen Schäden durch den Klimawandel nehmen schneller zu als die weltweiten Gegenmaßnahmen – und in vielen Fällen beschleunigt sich diese Entwicklung sogar“. Die Fachleute fordern daher, „den Klimawandel offiziell als globalen Gesundheitsnotstand anzuerkennen und die Gesundheit in den Mittelpunkt jeder klimapolitischen Entscheidung zu stellen.“

Extremwettereignisse kosten Gesundheit und Menschenleben

Der Bericht sei eine „eindringliche Warnung“, findet auch Helen Clark, ehemalige Premierministerin Neuseelands und Vorsitzende des Verwaltungsrats des Lancet Countdown. Ein Blick auf die Fakten aus der Publikation:

  • Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels verschärfen sich. Foto: iStock.com / huettenhoelscher
    Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels verschärfen sich. Foto: iStock.com / huettenhoelscher
    Die durchschnittliche jährliche Zahl hitzebedingter Todesfälle stieg weltweit nach Inkrafttreten des Pariser Klimaabkommens um fast 36 Prozent. Allein 2023 wurden 710.000 Todesfälle mit Hitze in Verbindung gebracht – ein Rekordwert. Das sind mehr Todesfälle als durch Malaria oder HIV. Über 70 Prozent davon waren auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen. Hitze hat zudem Folgen auf die Arbeitsproduktivität: 2025 gingen der Weltwirtschaft dadurch potenzielle Einkommen in Höhe von geschätzten 1,07 Billionen US-Dollar verloren.
  • Im Jahr 2025 waren fast 52 Prozent der weltweiten Landfläche mindestens einen Monat lang von extremer Dürre betroffen. Eine satellitengestützte Analyse deutet zudem darauf hin, dass seit 2003 auf 80 Prozent der weltweiten Landfläche erhebliche langfristige Veränderungen der Wasserspeicherung zu beobachten waren: Manche Regionen werden trockener, andere feuchter. Dies hat Folgen für Ernährungssicherheit und sanitäre Infrastruktur.
  • Auch besonders extreme Niederschläge treten häufiger auf. Zwischen 2016 und 2025 waren jährlich 17,2 Prozent der Landfläche betroffen, verglichen mit 14,8 Prozent im vorherigen Jahrzehnt. Das Risiko für Überschwemmungen, Erdrutsche und durch Wasser übertragene Krankheiten steigt.

Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), betont: „Der Klimawandel ist eine der größten Gesundheitsbedrohungen für die Menschheit. Seine Folgen zeigen sich bereits in zunehmender Hitzebelastung, extremen Wetterereignissen, Ernährungsunsicherheit und Krankheiten.“ Professorin Romanello ergänzt: „Noch gravierender werden die Risiken, wenn man berücksichtigt, wie unterschiedliche Gefahren zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken.“

Maßnahmen gegen Klimakrise: Menschenleben retten

Gleichzeitig erinnere der aktuelle Bericht daran, „dass Lösungen in Reichweite sind“, unterstreicht Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Wenn wir die Gesundheit in den Mittelpunkt der Klimapolitik stellen, können wir Millionen Menschenleben retten, widerstandsfähigere Gesellschaften schaffen und eine gesündere Zukunft für alle ermöglichen.“

  • 56 der 194 WHO-Mitgliedstaaten verfügen inzwischen über einen nationalen Plan zur Anpassung ihrer Gesundheitsversorgung an den Klimawandel. 2015 waren es erst 14 Staaten.
  • Die Zahl nationaler Gesetze, die sowohl den Klimawandel als auch die Gesundheit thematisieren, ist seit 2000 um das 50-Fache gestiegen.
  • Die Finanzierung klimabezogener Gesundheitsforschung hat zwischen 2016 und 2024 um 655 Prozent zugenommen – von 42 Millionen auf 316 Millionen US-Dollar. Allerdings fließen 84 Prozent an Forschende in den wohlhabendsten Ländern der Welt.
  • Die globalen Investitionen in saubere Energien erreichten 2025 mit 2,1 Billionen US-Dollar einen Rekordwert. Eine verbesserte Luftqualität hat in mindestens 77 Ländern, in denen die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe seit 2016 zurückgegangen ist, schätzungsweise 323.000 Todesfälle jährlich verhindert.
Fossile Brennstoffe decken über 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs. Foto: iStock.com / sirichai_asawalapsakul
Fossile Brennstoffe decken über 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs. Foto: iStock.com / sirichai_asawalapsakul

Aber diese Fortschritte genügen nicht. Fossile Brennstoffe decken weiterhin mehr als 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs. Klimaschädliche Emissionen erreichten 2024 einen neuen Höchststand. Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe verursacht noch immer schätzungsweise 2,73 Millionen Todesfälle jährlich. Und die 100 größten Öl- und Gasunternehmen der Welt planen, bis 2040 rund 150 Prozent mehr fossile Brennstoffe zu fördern, als mit einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius vereinbar wäre. Laut der Pressemitteilung des Lancet Countdown-Konsortiums erreichten die globalen Netto-Subventionen für fossile Brennstoffe zwischen 2022 und 2024 Rekordwerte. Zehn Länder gaben 2024 mehr für solche Subventionen aus als für ihre Gesundheitssysteme. Das Fazit der Wissenschaftler:innen: „Obwohl der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen entscheidend ist, um Gesundheit und Menschenleben zu schützen, behindern Eigeninteressen weiterhin Fortschritte.“

Klimawandel bekämpfen: „größte Gesundheitschance“

Helen Clark erklärt: „Was fehlt, sind nicht wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern der politische Wille zum Handeln. Die Regierungen müssen ihre Klimaschutzverpflichtungen entschlossener verfolgen und die internationale Zusammenarbeit wieder stärken. Dies muss mit einer raschen Verringerung der Emissionen und deutlich mehr Unterstützung für Anpassungsmaßnahmen einhergehen – insbesondere für jene Bevölkerungsgruppen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben und am stärksten unter seinen Folgen leiden.“

Foto im Hintergrund: © iStock.com/luigi giordano
Foto im Hintergrund: © iStock.com/luigi giordano

Professor Anthony Costello, Co-Vorsitzender des Lancet Countdown, führt aus: „Sauberere Luft, widerstandsfähigere Gesundheits- und Frühwarnsysteme schützen weltweit die Gesundheit und retten Leben. Doch Geschwindigkeit und Umfang der Emissionsminderungen stehen weiterhin in einem eklatanten Missverhältnis zu Geschwindigkeit und Ausmaß der Schäden.“ Die gute Nachricht, die sich daraus ziehen lässt: Die Bekämpfung des Klimawandels könnte die „größte Gesundheitschance des 21. Jahrhunderts bieten“, so Costello.

Weiterführende Links:

https://lancetcountdown.org/

https://cop31.tr/

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