Fast jeder zweite Demenzfall kann auf vermeidbare Risikofaktoren zurückgeführt werden: Das Potenzial für Prävention ist enorm. Das Unternehmen Lilly startet deshalb die Kampagne „Bevor Du es vergisst“. Foto: iStock.com / coffeekai
Fast jeder zweite Demenzfall kann auf vermeidbare Risikofaktoren zurückgeführt werden: Das Potenzial für Prävention ist enorm. Das Unternehmen Lilly startet deshalb die Kampagne „Bevor Du es vergisst“. Foto: iStock.com / coffeekai

Demenzerkrankungen: „riesiges Potenzial für Prävention“

Demenzerkrankungen nehmen zu – das ist die Folge einer alternden Gesellschaft. Doch sie sind kein unabwendbares Schicksal, dem man sich tatenlos ergeben muss. Fast jeder zweite Demenzfall kann auf vermeidbare Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Hörverlust, Alkohol oder Tabak zurückgeführt werden: Das Potenzial für Prävention ist enorm. Das forschende Pharmaunternehmen Lilly startet deshalb im September die Kampagne „Bevor Du es vergisst: Gehirngesundheit aktiv gestalten“. Wir sollten unserem Gehirn mehr Aufmerksamkeit schenken, so die Botschaft. Am 21. September ist Welt-Alzheimer-Tag.

Die Fakten

  • In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Die Alzheimer-Krankheit ist eine zentrale Ursache für Demenz (60 bis 70 Prozent der Fälle).
  • Die Zahl der Betroffenen könnte bis zum Jahr 2050 auf rund 2,7 Millionen Menschen ansteigen.
  • Die gesamtgesellschaftlichen Kosten von Demenzerkrankungen in Deutschland werden auf rund 83 Milliarden Euro jährlich geschätzt (Stand 2020).
  • Fast die Hälfte aller Demenzfälle (45 %) können auf vermeidbare Risikofaktoren zurückgeführt werden.

Etwas über 80 Milliarden Nervenzellen, viele Billionen Kontaktstellen (die Synapsen) und Nervensignale, die sich mit über 100 Stundenkilometern bewegen – unser Gehirn ist eine Schaltzentrale der Superlative. „Es ist zu unfassbaren Höchstleistungen fähig. Wir sind clever verschaltet“, so der Demenzforscher Professor Emrah Düzel vom Universitätsklinikum Magdeburg. Vor allem aber macht es uns zu dem, wer wir sind: Es lässt uns denken, fühlen, erinnern, erkennen, entscheiden und träumen – es definiert, was wir als „Ich“ wahrnehmen. Umso erstaunlicher ist es, dass wir uns um die Gesundheit dieses Organs erst kümmern, wenn wir merken, dass es nicht mehr so funktioniert wie es soll. Das Wort „Gehirngesundheit“ hat einen ungewohnten Klang; das Unternehmen Lilly will das ändern.

Demenzforscher Professor Emrah Düzel vom Universitätsklinikum Magdeburg
Demenzforscher Professor Emrah Düzel vom Universitätsklinikum Magdeburg

Neurologen wie Düzel unterscheiden normales von „atypischem“ Altern. Gelegentliches Vergessen von Terminen, Verlegen von Gegenständen, kleine Fehler beim Bezahlen einer Rechnung sind für ihn erst einmal „normal. Alles, was darüber hinausgeht, etwa Schwierigkeiten beim Erledigen vertrauter Tätigkeiten oder ständiges Verlegen von Dingen, ist atypisches Altern.“ Er weiß, dass das sehr vage Unterscheidungen sind, doch die Wissenschaft kommt in großen Schritten voran. Lange diagnostizierte man die Alzheimer-Erkrankung anhand ihrer Folgen: zunehmende Vergesslichkeit oder Orientierungslosigkeit. Heute kann man die Krankheit messen, ihre biologischen Spuren im Gehirn anhand von Untersuchungen des Nervenwassers bzw. über Bluttests nachvollziehen.

Dennoch erhalten viele Menschen mit Alzheimer ihre Diagnose erst spät. Die Erkrankung entwickelt sich über einen langen Zeitraum – bis zu 20 Jahre kann es dauern, bis sich eine Demenz entwickelt. „Das Verhalten von Menschen, die sich auf einem Alzheimer-Pfad befinden, lässt sich sehr lange nicht von dem normalen Altern unterscheiden.“ Dabei zeigen neuere Daten, dass bei 4 bis 15 Prozent der Menschen ab dem 60. Lebensjahr, die keine Beschwerden haben, bereits Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn nachweisbar sind. Das ist auch deshalb wichtig, weil seit vergangenem Jahr erstmals Medikamente verfügbar sind, die nachweislich in den Krankheitsverlauf eingreifen können und nicht nur gegen die Symptome wirksam sind. Voraussetzung ist, dass sie früh im Krankheitsprozess eingesetzt werden.

Alzheimer-Erkrankung: Warum Früherkennung wichtig ist

Hinzu kommt: Das Gehirn ist in der Lage, zu kompensieren. Fällt ein Schaltkreis aus, können andere Schaltkreise die Funktion übernehmen – es ist also in der Lage Reserven zu mobilisieren. Aus der Forschung weiß man: Je besser die Gehirngesundheit ist, desto länger lässt sich der Alterungsprozess der Schaltzentrale hinauszögern. Demenzforscher Düzel sagt: „Wer Gedächtnisprobleme wahrnimmt, die sich über 6 bis 12 Monate verschlechtern, sollte zum Arzt gehen.“ Die Früherkennung ist für ihn essentiell wichtig, um die Erkrankung und ihre Folgen für die Betroffenen besser zu managen.

„Früh“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Wertvolle Zeit gewinnen. Die Möglichkeiten dafür haben sich in den vergangenen Jahren stark verbessert.

Alzheimer-Erkrankung: 14 modifizierbare Risikofaktoren

Professorin Agnes Flöel von der Universitätsmedizin Greifwald
Professorin Agnes Flöel von der Universitätsmedizin Greifwald

Den Einfluss, den wir alle auf die Entwicklung von Demenzen haben, ist enorm (s. auch „Alzheimer: Ein Teil des Risikos haben wir selbst in der Hand“). Rund die Hälfte der Fälle (45 %), so Professorin Agnes Flöel von der Universitätsmedizin Greifwald, sind Faktoren, die beeinflussbar sind. Das fängt früh an: „In der Kindheit und Jugend ist das vor allem fehlende, hochwertige Bildung. Später kommen die bekannten Risiken wie hohes LDL-Cholesterin, Inaktivität, Diabetes und Ernährung, Blutdruck und Rauchen, Fettleibigkeit und zu viel Alkoholkonsum dazu.“ Depressionen und Hörverlust können eine Demenzerkrankung fördern, ebenso wie Infektionen. So berichtete die Fachärztin für Neurologie von Daten, die darauf hindeuten, dass Menschen nach einer Impfung gegen Gürtelrose nicht nur deutlich weniger Herpes zoster entwickelten, sondern in einem Beobachtungszeitraum von 5 bis 7 Jahren auch 15 bis 20 Prozent weniger Demenzdiagnosen auftraten. „Wir haben ein riesiges Potenzial für Prävention.“ Immerhin: Die eine oder andere Tasse Kaffee am Tag scheint der Entwicklung einer Demenz eher abträglich zu sein.

Das Wissen darüber, wie das persönliche Demenzrisiko sinken kann, ist vorhanden. Allerdings gibt es, so Flöel, ein erhebliches Umsetzungsdefizit. „Wir müssen einfach feststellen, dass ungesunde Verhaltensweisen die Norm sind“, so die Medizinerin. „Der Großteil der Menschen wird durch Präventionsmaßnahmen wie Aufklärungskampagnen nicht erreicht. Und selbst die, die eigentlich etwas ändern wollen – das sind immerhin noch ein Drittel der Befragten – fallen oft in die so genannte Intentions-Verhaltenslücke der Psychologie, was bedeutet: Sie fangen nicht an, sie bleiben nicht dabei, sie schließen nicht erfolgreich ab.“

Die Lilly-Kampagne: „Bevor Du es vergisst“

Professor Dietrich Grönemeyer & Jörg Schaub
Professor Dietrich Grönemeyer & Jörg Schaub

Jörg Schaub, der bei Lilly Deutschland den Geschäftsbereich Neurowissenschaften leitet, ficht das nicht an. Die Kampagne „Bevor Du es vergisst“ soll mehr sein als Informationsvermittlung; sie will motivieren, sich aktiv um die eigene Gehirngesundheit zu kümmern. Lilly ist in der Alzheimer-Forschung seit über 35 Jahren aktiv – „und die Prävention liegt uns sehr am Herzen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel von der Medizin als Reparaturbetrieb hin zu einem System, das Krankheiten verhindert. Das wollen wir mit der Kampagne anstoßen.“ Schaub will enttabuisieren, möchte, dass Gehirngesundheit so wie etwa die Zahngesundheit in der Öffentlichkeit verankert wird. Geplant ist die Kampagne als Plattform (www.meine-gehirngesundheit.de), unterstützt durch Plakat- und TV-Werbung und mit Events in Berlin (18. bis 21.09.) und Köln (25. bis 29.9.) als interaktive Ausstellung für Risikofaktoren und Präventionsmöglichkeiten. „Wir wollen vom Wissen ins Handeln kommen“, so Schaub.

Professor Dietrich Grönemeyer ist Arzt, Bestsellerautor und Wissenschaftler; die Lilly-Kampagne unterstützt er aktiv. „Das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, kann sich durch einen gesunden und aktiven Lebensstil erheblich minimieren lassen.“ Deswegen hält er sie „für enorm wichtig und einen Anfang für ein besseres Verständnis und einen würdevolleren Umgang mit vergesslichen Menschen.“

Weiterführender Link:

Die Gesundheit Ihres Gehirns ist wichtig

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