Über das „Gender Gap“ im Gesundheitswesen haben wir mit Mareike Geier vom forschenden Pharmaunternehmen AstraZeneca Deutschland gesprochen.
Über das „Gender Gap“ im Gesundheitswesen haben wir mit Mareike Geier vom forschenden Pharmaunternehmen AstraZeneca Deutschland gesprochen.

Frauen im Gesundheitswesen: „systematisch unterversorgt“

Nach einem Herzinfarkt haben Frauen ein etwa 20 Prozent höheres Risiko zu sterben als Männer. Und auch in vielen anderen Bereichen zeigt sich ein „Gender Gap“ im Gesundheitswesen. Aktuelle Daten zeigen zum Beispiel: Frauen erhalten seltener eine leitliniengerechte Therapie – etwa bei einer chronischen Nierenkrankheit. All das sei kein Zufall, sondern „ein systematisches Problem“, erklärt Mareike Geier vom forschenden Pharmaunternehmen AstraZeneca Deutschland im Interview.
Mareike Geier, Leiterin der Geschäftseinheit Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen
Mareike Geier, AstraZeneca Deutschland. Foto: AstraZeneca GmbH

Warum muss eine moderne Gesundheitsversorgung geschlechtsspezifisch sein?

Mareike Geier, Leiterin der Geschäftseinheit Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen: Das hat viele Gründe – und fängt damit an, dass Frauen- und Männerkörper sich physiologisch unterscheiden. Ein Beispiel: Männer bilden eher viszerales Bauchfett, welches eine Insulinresistenz fördert. Typ 2-Diabetes entwickeln sie dadurch häufig früher und bereits bei geringerem Übergewicht. Frauen sind durch Östrogene bis zur Menopause zwar teilweise geschützt – bei bestehendem Typ 2-Diabetes tragen sie jedoch ein besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mediziner:innen müssen solche Unterschiede verstärkt in den Blick nehmen.

Ansonsten drohen mitunter tödliche Folgen…

Geier: Das stimmt leider. Viele Menschen, auch Ärzt:innen, haben zum Beispiel gelernt: Herzinfarkt kündigt sich über Schmerzen im linken Arm und im Brustkorb an. Für Männer mag das oft richtig sein. Bei Frauen aber äußern sich Herzinfarktsymptome meist unspezifischer. Laut der Deutschen Herzstiftung berichten sie eher von einem Druck- oder Engegefühl in der Brust oder ggf. von Symptomen wie Kurzatmigkeit, Schweißausbrüche, Rückenschmerzen oder Übelkeit. Wird der Ernst der Lage übersehen, weil Behandler:innen den männlichen „Standard“ anlegen, kann das dramatische Konsequenzen haben. Frauen sterben häufiger an den Folgen eines Herzinfarkts; es gibt Daten, die das belegen.

Dieses Gender Gap ist also mehr als nur reiner Zufall, oder?

Geier: Korrekt. Dass Frauen im Gesundheitswesen immer noch zu häufig unterversorgt sind, ist ein systematisches Problem. Denn die Medizin ist bis heute männlich geprägt: Frauen sind in Studien, Leitlinien und der medizinischen Ausbildung noch nicht ausreichend abgebildet. Vielmehr sind Männer dort bis heute der Standard – und das setzt sich in die Praxis fort.

Wie lässt sich die Situation von Frauen in der Gesundheitsversorgung verbessern?

Geier: Im ersten Schritt brauchen wir Evidenz, die die Realität abbildet. Nur mit Daten aus dem deutschen Versorgungsalltag, die Transparenz schaffen, können wir geschlechtsspezifische Unterschiede überhaupt aufdecken. Was nicht gemessen wird, kann nicht erkannt werden und wird folglich auch nicht verbessert. Geschlechtersensible Daten sind wichtige Voraussetzung für eine sichere, gerechte Therapie. Bei AstraZeneca unterstützen wir daher konkrete Versorgungsforschung – wie die ATLAS-CKD- und ATLAS-HF-Analysen.

Was ist das?

Geier: Die ATLAS-HF und ATLAS-CKD-Analysen basieren auf Daten von circa 4,5 Millionen Patient:innen in der gesetzlichen Krankenversicherung. Sie wurden retrospektiv ausgewertet. Bezogen auf Alter, Geschlecht und Begleiterkrankungen ist der Datensatz repräsentativ für die deutsche Bevölkerung.

Und was ist Ergebnis dieser Analysen?

Geier: Die ATLAS-CKD-Analyse zeigt zunächst, dass die chronische Nierenkrankheit (CKD) bei Frauen in Deutschland seltener kodiert wird als bei Männern. Internationale Daten deuten jedoch darauf hin, dass mehr Frauen als Männer mit CKD leben. Die Vermutung liegt also nahe, dass in der Bundesrepublik viele Frauen schlichtweg nicht diagnostiziert sind. Der ATLAS-CKD-Auswertung zufolge werden die Patientinnen außerdem seltener nephrologisch betreut: 2024 waren im Durchschnitt 17,1 Prozent der an CKD erkrankten Frauen in fachärztlicher Behandlung, aber 21 Prozent der Männer.

Wie sieht es in Bezug auf die medikamentöse Therapie aus?

Geier: Es ist von einer erheblichen Unterimplementierung leitliniengerechter Therapien auszugehen – über alle Geschlechter hinweg, aber bei Frauen ganz besonders. In den Leitlinien der internationalen Fachorganisation KDIGO haben die sogenannten SGLT2-Inhibitoren den höchsten Empfehlungsgrad. Diese modernen Medikamente können ein Fortschreiten der CKD verlangsamen und das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und krankheitsbedingte Mortalität reduzieren. Doch in Deutschland erhalten laut ATLAS-CKD-Analyse nur 22,5 Prozent der diagnostizierten Frauen diese Therapie. Bei den Männern sind es 32,4 Prozent. Ein deutliches Ungleichgewicht zeigt sich auch in der Basisversorgung: 50 Prozent der Frauen, aber 60,1 Prozent der Männer bekommen Statine. Weitere Unterschiede gibt es zudem bei den Wirkstoffklassen der ACE-Hemmer bzw. Angiotensinrezeptorblocker (s. Grafik). Die Daten deuten darauf hin, dass Frauen trotz bestehender Leitlinienempfehlungen seltener mit prognostisch relevanten Therapien behandelt werden als Männer.

Und wie sieht es mit Blick auf die ATLAS-HF-Daten aus?

Geier: Sie machen ein Gender-Gap bei Herzinsuffizienz (HF) sichtbar. Einige HF-Patient:innen haben eine reduzierte Ejektionsfraktion (HFrEF). Das heißt, bei ihnen pumpt die linke Herzkammer nicht mehr ausreichend Blut in den Körper. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt in diesem Fall eine bestimmte Kombinationstherapie bestehend aus vier verschiedenen Wirkstoffklassen, da sie Mortalität und Hospitalisierungen deutlich reduzieren kann. Laut der ATLAS-HF-Auswertung erhielten in Deutschland im Jahr 2024 jedoch nur 7,9 Prozent aller HF-Patientinnen eine solche Vier-Säulen-Therapie versus 15,9 Prozent der männlichen Patienten. Dabei geht man davon aus, dass rund 40 bis 50 Prozent aller Betroffenen eine HFrEF haben. Ähnlich wie bei CKD müssen wir also auch hier davon ausgehen, dass zu selten leitliniengerecht therapiert wird – das gilt für alle Geschlechter, aber verstärkt für Frauen. Das ist dramatisch, denn: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland Todesursache Nummer 1. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Herzinsuffizienz liegt nur bei etwa 50 Prozent – ähnlich niedrig wie bei einigen Krebsarten. Deshalb ist es wichtig, Daten aus dem Versorgungsalltag zu erheben und zu analysieren: Nur mit diesem Wissen kann die Situation verbessert werden.

Was muss noch passieren?

Frauen im Gesundheitswesen: „systematisch unterversorgt“
Frauen im Gesundheitswesen sind unterversorgt. ©iStock.com/YakobchukOlena

Geier: Die Erkenntnisse, die aus der Evidenz gezogen werden, müssen auch tatsächlich in der Versorgungspraxis ankommen und sie verändern. Alle Notfallsanitäter:innen, Medizinstudierenden, niedergelassene und in der Klinik tätige Ärzt:innen sollten auf geschlechterspezifische Unterschiede geschult sein. Weibliche Physiologie, Warnsignale, Symptome und Erkrankungsrisiken müssen in der Ausbildung sowie in Studiendesigns, medizinischen Leitlinien und der konkreten Versorgung von Patient:innen standardisiert berücksichtigt und besser operationalisiert werden. Womöglich können die Männer da auch noch was von ihren weiblichen Kolleginnen lernen.

Inwiefern?

Geier: In der Ausübung des Arztberufes sind ebenfalls geschlechtsspezifische Unterschiede dokumentiert. So ist bekannt, dass Ärztinnen zum Beispiel häufiger Lebensstilfaktoren dokumentieren oder bestimmte Messungen zu Risikofaktoren wie Langzeitblutzucker konsequenter durchführen; und Patient:innen erreichen, wenn sie von Ärztinnen behandelt werden, öfter therapeutische Zielwerte für Blutzucker, LDL-Cholesterin und Blutdruck.

Woran liegt das?

Geier: Eine wichtige Rolle könnte die Kommunikation spielen. Konsultationen bei Ärztinnen dauern im Schnitt länger, beinhalten mehr psychosoziale und lebensstilbezogene Gespräche und fördern so im besten Fall die Adhärenz und Umsetzung therapeutischer Maßnahmen.

Ihr Fazit?

Geier: Es gibt noch viel zu tun, bis Frauen nicht mehr systematisch im Gesundheitswesen unterversorgt sind. Aber ich finde: Frauengesundheit ist ein Gradmesser für die Qualität unserer Medizin und Gesundheitsversorgung insgesamt. Denn das Geschlecht sollte nicht darüber entscheiden, ob ein Mensch eine frühzeitige, fachgerechte Diagnose und Behandlung erhält oder nicht.

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