Bei den Behandlungsmöglichkeiten von Neurodermitis hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan. Doch die Arzneimittelinnovationen erreichen nicht alle Patient:innen. Foto: ©iStock.com/
Bei den Behandlungsmöglichkeiten von Neurodermitis hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan. Doch die Arzneimittelinnovationen erreichen nicht alle Patient:innen. Foto: ©iStock.com/

Neurodermitis: Zwischen Fehlversorgung und innovativen Behandlungsmöglichkeiten

Sie gehört zu den häufigsten chronischen Erkrankungen der Haut: die atopische Dermatitis, auch bekannt als Neurodermitis. In Deutschland sind etwa 3,5 Millionen Menschen betroffen – der Leidensdruck ist oft enorm. Bei den Behandlungsmöglichkeiten hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan. Doch zu viele Patient:innen erhalten eine Therapie, die nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht und die sogar schädlich sein kann – obwohl es Arzneimittelinnovationen gibt. Auf einer Digitalveranstaltung sprachen Fachleute darüber. Dabei wurde deutlich: Eine bedarfsgerechte Behandlung kann nicht nur die Krankheitslast reduzieren, sondern sich auch positiv auf Kostenträger und Volkswirtschaft auswirken.
Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Prof. Dr. Matthias Augustin
Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Prof. Dr. Matthias Augustin

Leben mit Neurodermitis: „Für die Betroffenen bedeutet das weit mehr als trockene Haut oder wiederkehrende Ekzeme. Anhaltender Juckreiz, Schlafstörungen und auch die psychische Belastung durch die sichtbaren Hautveränderungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.“ So führte Katharina Menne, Redakteurin bei Spektrum der Wissenschaft, in die Veranstaltung der WISO S. E. Consulting GmbH ein, die vom forschenden Pharmaunternehmen Incyte Deutschland unterstützt wurde. Der Versorgungsforscher und Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Prof. Dr. Matthias Augustin bestätigte: Die atopische Dermatitis zählt – insbesondere bei schwerer Verlaufsform – „zu den chronischen Erkrankungen mit den größten Einbußen bei der Lebensqualität“. Der Juckreiz zum Beispiel mache „viele fast wahnsinnig“.

Mit Blick auf die Behandlungsmöglichkeiten sagte der Experte: „Wir wollen erreichen, dass Kinder sowie Erwachsene eine weitgehende Abheilung an der Haut erfahren […] und eine Wiederherstellung der Lebensqualität“. Das ist in seinen Augen ein „realistisches Therapieziel“. Er findet: „Wo wir das nicht erreichen, haben wir in der Versorgung etwas falsch gemacht.“

Neurodermitis: Fehl- und Unterversorgung

Neurodermitis: Fehl- und Unterversorgung
Neurodermitis: Anhaltender Juckreiz, Schlafstörungen & psychische Belastung. Foto: ©iStock.com/Evgeniia Gordeeva

Die aktuelle medizinische Leitlinie sieht eine Behandlung in drei Stufen vor: Am Anfang bei trockener und gereizter Haut braucht es eine „topische Basistherapie“, also zum Beispiel wirkstofffreie, feuchtigkeitsspendende Cremes, die äußerlich (= „topisch“) angewendet werden. Bei einer beginnenden oder deutlichen Entzündung der Haut können zusätzlich topische Therapien etwa in Form von Steroiden zum Einsatz kommen. Im Fall von moderaten bis schweren Verlaufsformen sind außerdem Systemtherapien per Tablette oder Injektion vorgesehen, die ihre Wirkung im gesamten Körper entfalten. Augustin betonte: Eine „Kontrolle über die Krankheit“ sei heutzutage „möglich, wenn wir die richtigen Therapien einsetzen“.

Doch daran hapert es offenbar. Der Mediziner verwies auf mehrere große Studien – zum Beispiel auf Basis von Versichertendaten der Techniker Krankenkasse. Rund 25 Prozent aller Patient:innen, die systemische Arzneimittel erhalten, bekommen demnach noch immer Glukokortiko-Steroide wie Kortison – also Medikamente, „die wir gar nicht mehr in der Leitlinie haben; davor warnen wir sogar in der Langzeittherapie.“ Das ist nichts weniger als eine Fehlversorgung, denn: „Im Vergleich zu denjenigen mit Neurodermitis, die keine oder seltener systemische Steroide kriegen, haben solche mit einem Langzeitgebrauch […] eine signifikant erhöhte Rate von Osteoporose, Diabetes mellitus, Depression und vielen weiteren.“ Sein Fazit: „Wenn wir diese Steroide in diesem Übermaß einsetzen, wie das bisher erfolgt ist, dann schaden wir den Patienten enorm und generieren Zweit- und Dritterkrankungen.“ Und das, obwohl es längst neue Behandlungsmöglichkeiten gibt. „Insgesamt ist der Zugang zu Innovationen für unsere Patientinnen und Patienten bei unter 15 Prozent“, kritisierte er. Eine nicht kontrollierte Erkrankung führe dazu, „dass sich über die Zeit die Beeinträchtigungen und Belastungen kumulieren.“ Letztlich habe das irreversible Schäden zur Folge.

Mit Arzneimittelinnovationen gegen Neurodermitis

Mit Arzneimittelinnovationen gegen Neurodermitis
Neurodermitis: Frühzeitig intervenieren. Foto: ©iStock.com/SeventyFour

Was also tun? „Frühzeitig und richtig intervenieren“. Denn dann „lassen wir die Menschen nicht sehenden Auges in eine Zukunft laufen, die im Verlauf immer schlechter wird“, so Augustin. „Uns helfen ungemein die Biologika im Langzeitmanagement, aber auch die JAK-Inhibitoren.“ Letztere sind moderne Arzneimittel, die gezielt bestimmte Enzyme blockieren, um die Entzündungsprozesse, die hinter der Krankheit stecken, zu stoppen.

Hier gab es erst vor Kurzem eine weitere Neuerung: Ein erster topischer JAK-Inhibitor hat in der Europäischen Union die Zulassung für Erwachsene mit mittelschwerer atopischer Dermatitis erhalten. Anders als bisherige systemische JAK-Inhibitoren wird er nicht als Tablette eingenommen, sondern als Creme gezielt auf betroffene Hautstellen aufgetragen. So soll er seine Wirksamkeit direkt am Ort der Entzündungen entfalten und weniger Nebenwirkungen im Vergleich zu einer systemischen Therapie mit sich bringen. Das neue Präparat könnte somit eine Lücke schließen: zwischen topischen Standardtherapien, die bei vielen Betroffenen nicht ausreichen, und Systemtherapien, die durch den gesamten Körper gehen. Klinischen Studiendaten zufolge kann das Medikament bei günstigem Sicherheitsprofil Entzündung und Juckreiz schnell und effektiv reduzieren. Die Notwendigkeit einer systemischen Therapie soll so vermieden oder hinausgezögert werden.

Günstige Substanzen: „ein Pfad mit eigenen Kosten“

Prof. Dr. York Zöllner, Professor für Gesundheitsökonomie an der Fakultät Gesundheit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Prof. Dr. York Zöllner, Professor für Gesundheitsökonomie

Innovationen sind also da – warum aber greifen Ärzt:innen zu einer nicht bedarfsgerechten Therapie oder gar zu einer Fehlbehandlung in Form systemischer Steroide? Augustin vermutet – neben vielen weiteren Gründen – „eine gefühlte Sicherheit“, wenn die Kolleg:innen Medikamente aus Regressängsten verschreiben, die besonders günstig sind. „Aber das zahlen dann die Patient:innen mit den Nebenwirkungen.“ Auch Prof. Dr. York Zöllner, Professor für Gesundheitsökonomie an der Fakultät Gesundheit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, erklärte, so eine Therapie sei „ein Pfad mit eigenen Kosten“. Das, was vermeintlich günstig ist, kommt den Patient:innen, dem GKV-System und der Wirtschaft im Zweifel langfristig teuer zu stehen.
Der Gesundheitsökonom würde den Ärzt:innen daher „raten, die Leitlinie umzusetzen, keine Angst vor Regressen zu haben, denn in der Praxis kommen sie in diesem Bereich gar nicht vor; und ich würde raten, nicht pauschal mit dem preislich allergünstigsten einzusteigen.“ Eine Innovation wie der topische JAK-Inhibitor zum Beispiel könne „möglicherweise den Einstieg in die richtig kostenträchtige Systemtherapie weit, weit in die Zukunft schieben“. In der vorgesehenen Zielgruppe wäre das neue Präparat laut Modellrechnungen daher die „wirtschaftlichste Alternative“.

Dass eine bedarfsgerechte Therapie Auswirkungen haben kann, die weit über die individuelle Gesundheit hinausgehen, weiß auch Facharzt Augustin. Er erzählte von einer 35-jährigen Patientin, die seit rund zwei Jahren bei ihm in Behandlung ist. Mehrere Jahre litt sie „unter einer extrem starken Neurodermitis“. Monatelang konnte sie nicht richtig schlafen; sie hatte „über 60 Fehltage“ bei ihrer Arbeit – mit entsprechenden gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Folgen. Doch seitdem sie die für sie geeignete Therapie erhält – in ihrem Fall ein sogenanntes Biologikum – ist sie „erscheinungsfrei: Man sieht ihr nicht an, dass sie diese Erkrankung mal hatte.“ Das ist eine gute Nachricht, aber: Sie hätte schon früher Zugang zu Arzneimittelinnovationen bekommen können. Ihr Leidensweg wäre dann deutlich kürzer ausgefallen.

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