In Berlin wurde die Allianz für Frauengesundheit ins Leben gerufen. Sie will Forschung, Prävention und Versorgung stärker auf geschlechtsspezifische Unterschiede ausrichten.
In Berlin wurde die Allianz für Frauengesundheit ins Leben gerufen. Sie will Forschung, Prävention und Versorgung stärker auf geschlechtsspezifische Unterschiede ausrichten.

Vom blinden Fleck zur Priorität: Allianz für Frauengesundheit startet

In Berlin wurde die Allianz für Frauengesundheit ins Leben gerufen. Sie bringt Akteur:innen aus Wissenschaft, Forschung, Versorgung, Wirtschaft und Industrie zusammen. Das Ziel: Frauengesundheit dauerhaft und strukturell im Gesundheitswesen zu verankern. Forschung, Prävention und Versorgung sollen systematisch stärker auf geschlechtsspezifische Unterschiede und die gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet und eine nationale Frauengesundheitsstrategie entwickelt werden. Denn in Sachen Frauengesundheit ist Deutschland, so Bundesforschungsministerin Dorothee Bär, „ein Entwicklungsland.“
Dr. Christiane Schenderlein, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium
Dr. Christiane Schenderlein, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium

Der männliche Körper als Norm – das galt lange als normal in der medizinischen Forschung und Versorgung. „Heute wissen wir: Krankheiten äußern sich unterschiedlich. Medikamente wirken unterschiedlich. Risiken verteilen sich unterschiedlich – je nach biologischem Geschlecht und sozialer Lebensrealität.“ Wer das ignoriere, so Dr. Christiane Schenderlein, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, „riskiert Fehldiagnosen, verspätete Behandlungen und vermeidbares Leid.“ Geschlechterspezifische Medizin sei deshalb ein „Qualitätsmerkmal moderner Gesundheitsversorgung.“ In vielen anderen Regionen der Welt ist man da schon weiter; in Skandinavien, in Kanada, in Australien etwa. Deutschland hingegen sei in Sachen Frauengesundheit „ein Entwicklungsland“, so Bundesforschungsministerin Dorothee Bär. Zwar steht das Land im Global Women´s Health Index gar nicht so schlecht da. Trotzdem verbringen Frauen in Deutschland mehr Zeit in schlechterer Gesundheit als Männer. „Diese Lücke zu schließen, könnte die Weltwirtschaft bis 2040 um 1 Billion US-Dollar entlasten“, so Professorin Clarissa Kurscheid vom Forschungsinstitut für Gesundheitskommunikation und Versorgungsforschung (figus). Das ist eine Eins mit 12 Nullen.

Doch noch immer ist die Realität eine andere. „Nur 12 Prozent der klinischen Studien liefern geschlechterspezifische Daten, nur rund vier Prozent der globalen Gesundheitsforschungsförderung entfällt auf Frauengesundheit – obwohl Frauen über die Hälfte der Weltbevölkerung stellen.“ Die Wissenschaftlerin konstatiert: „Wir haben eine Wissenslücke. Daraus ergibt sich eine Investitionslücke. Und deshalb haben wir eine Versorgungslücke.“

Die Allianz unter der Leitung von Initiatorin Cornelia Wanke will genau das ändern. Sie will die Frauengesundheit aus der politischen Nische holen und dauerhaft auf der gesundheitspolitischen Agenda verankern. Sie will die geschlechtersensible Forschung stärken und dabei gezielt bestehende Wissens- und Daten- und auch Versorgungslücken schließen. Prävention, Diagnostik und Therapie sollen die Bedürfnisse von Frauen über alle Lebensphasen hinweg besser berücksichtigen. Zudem will die Allianz die Gesundheitskompetenz und Selbstwirksamkeit stärken: Frauen und Mädchen sollen besser informiert und befähigt werden, ihre Gesundheit aktiv mitzugestalten. Innovationen und Female Technology (FemTech ) sollen gestärkt werden, um Frauen neue technologische und medizinische Lösungen schneller zur Verfügung stellen zu können.

Frauengesundheit: Das „Berliner Commitment“

Dr. Sabine Gogolok, Krebsforscherin
Dr. Sabine Gogolok, Krebsforscherin.

Sie meinen es ernst, die Initiatorinnen der Allianz. Gemeinsam verlasen sie am Ende der Kick-off-Veranstaltung das „Berliner Commitment für Frauengesundheit.“ Ihr Anspruch: Der Politik wollen sie Expertise, Daten, Praxiserfahrungen und Netzwerke zur Verfügung stellen. „Unser Berliner Commitment lautet: Wir verbinden Wissen. Wir stärken Chancengerechtigkeit. Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung. Wir unterstützen den vorhandenen politischen Willen, die Frauengesundheit hierzulande zu verbessern.“ Die Allianz verfügt jetzt schon über ein beeindruckendes Netz von Unterstützern, darunter auch forschende Pharmaunternehmen wie Astellas und Novartis oder der Pharmaverband BPI.

Mit ein paar Mythen aufräumen – das war das Ziel von Dr. Sabine Gogolok, Krebsforscherin und beim Unternehmens- und Strategieberatungsunternehmen McKinsey angestellt. Allgemein bekannt ist, dass Frauen länger leben. Das aber bedeutet nicht, dass sie länger gesünder leben – das Gegenteil ist der Fall: Weltweit verbringen Frauen 25 Prozent mehr Zeit in schlechterer Gesundheit als Männer; in Deutschland sind es sogar 28 Prozent. „Das ist keine abstrakte Zahl. Dahinter stecken Lebensjahre, Tage im Leben einer Frau mit Schmerzen und Symptomen, bei denen teilweise nicht mal die Ursachen bekannt sind.“ Das, so Gogolok, hat auch finanzielle Folgen: Die schlechtere Gesundheit von Frauen bremst das Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent. „Das wären allein in diesem Jahr 26 Milliarden Euro, im Jahr 2040 bereits 46 Milliarden Euro.“

Mythen über Frauengesundheit

Initiatorin Cornelia Wanke
Initiatorin Cornelia Wanke

Mythos Nummer 2: Die meisten denken bei Frauengesundheit an Schwangerschaft, Endometriose, Verhütung. Doch frauenspezifische Themen machen nur sieben Prozent der Krankheitslast aus, unter der Frauen leiden: Frauengesundheit hört nicht beim Gynäkologen auf. 67 Prozent der Krankheitslasten sind Krankheiten, die beide Geschlechter betreffen – aber das oft in anderen Größenordnungen: „Im deutschen Multiple-Sklerose-Register sind 70 Prozent der Betroffenen Frauen.“ Bei Alzheimer liegt der Anteil bei 68 Prozent – in Studien sind Frauen aber nur zu 58 Prozent vertreten. Gogolok sagt: „Was wir nicht wissen, können wir nicht behandeln. Was wir nicht behandeln, können wir nicht gesünder machen.“ Belegt ist, dass Frauen etwa nach Herzinfarkt oder in der Schmerzbehandlung seltener nach medizinischen Leitlinien behandelt werden als Männer. Auch bei ADHS werden Mädchen seltener diagnostiziert werden und auch weniger medikamentöse Behandlung erhalten. Das sind nur einige Beispiele.

Auch diese Vorstellung hält sich wacker, ist aber auch ein Mythos: Dass Frauen vor allem im letzten Lebensabschnitt krank werden. „Weit gefehlt. Fast die Hälfte (46 %) dieser Erkrankungen und der potenziell gesunden Lebensjahre, die man gewinnen kann, finden in der Lebensmitte statt, also im erwerbsfähigen Alter.“ Sabine Gogolok schaut nach vorne: Im Jahr 2040 werden 13,3 Milliarden Erwerbstätige das Rentenalter erreichen, rund ein Drittel der heute Erwerbstätigen. „Wenn wir diese Chance nicht nutzen, Frauen in ihrer Lebensmitte zu stärken, dann lassen wir da viel auf der Strecke.“ Aber ihr ist auch wichtig: Das ist nicht nur ein Thema von Wirtschaftskraft. Es geht ihr um Teilhabe. Oder wie eine Initiatorin es formulierte: Frauen sind in vielen Bereichen der Motor der Gesellschaft und deshalb ist wichtig, dass dieser Motor gesund läuft.

Frauengesundheit: Fokus Menopause

Mythen über Frauengesundheit
Frauengesundheit ist Mythenbehaftet

Immerhin: Das Thema hat in den vergangenen Jahren mehr Sichtbarkeit gewonnen. Das zeigt vielleicht am besten der Blick auf die Wechseljahre, die Menopause. Rund jede fünfte Frau in Deutschland befindet sich derzeit in den Wechseljahren; allein in der Altersgruppe 47 bis 54 waren es 2024 etwa 4,1 Millionen Frauen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums erlebt ungefähr ein Drittel keine, ein Drittel leichte und ein Drittel starke Beschwerden. „Jede dritte Frau fühlt sich durch Wechseljahre im Job beeinträchtigt“, schrieb die ZEIT. Jahrelang tabuisiert, jahrelang versteckt: Noch 2023 hatte die Bundesregierung auf eine Bundestagsanfrage erklärt, es gäbe keine geförderten Programme. Jetzt aber kommt jetzt Bewegung in die Sache. Das Bundesgesundheitsministerium hat eine „Dialogprozess Wechseljahre“ gestartet – das Thema ist in der Politik angekommen; Deutschland befindet sich gerade in der Übergangsphase von „Menopause als weitgehend privates Thema“ zu einem Thema, das in der Gesundheitspolitik und Arbeitswelt an Bedeutung gewinnt. Zeit wird es: In Ländern wie Frankreich, Irland, Kanada oder Schweden ist die Menopause im öffentlichen Diskurs längst angekommen.

Es tut sich was in Sachen Frauengesundheit – und die Allianz will nun richtig Dampf machen. Das ist mehr als überfällig – und zwar nicht, weil es sich auch gesamtgesellschaftlich rechnet. Sondern weil die frappierenden Unterschiede in der Forschung und der Versorgung von Frauen schlicht eins sind: Ein Skandal.

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