Die Fakten
- 2023 erhielten 75.090 Frauen in Deutschland eine Brustkrebs-Diagnose; es verstarben 18.527 Frauen.
- 2019 wurde der Verein Vision Zero e.V. gegründet. Er setzt sich dafür ein, die Zahl der vermeidbaren krebsbedingten Todesfälle gegen Null zu bringen.

„Auf den Tag genau vor zwölf Jahren habe ich selbst die Diagnose tripel-negatives Mammakarzinom bekommen“, erzählte die Bestseller-Autorin, Trainerin und Rednerin Nicole Staudinger in Berlin. 2,8 Zentimeter Durchmesser hatte der Tumor damals. „Zwölf Jahre später bin ich noch hier. Im Prinzip bin ich ein Ergebnis von einer Vision Zero“ – gemeint ist das Ziel, jeden vermeidbaren Todesfall auch tatsächlich zu vermeiden.
Doch Realität ist das noch längst nicht für alle Menschen. Viele Hebel müssten dazu getätigt werden – angefangen bei Prävention und Früherkennung. Staudinger warb für mehr Aufklärung: Sie war 32 Jahre alt, als sie ihren Tumor ertastete. Ein Instrument zur Früherkennung: Es „lag und liegt in meinen Händen.“ Denn die regelmäßige Selbstuntersuchung der Brust gilt als einfachstes und schnellstes Mittel, um Veränderungen zu entdecken. „Das muss man aber erstmal wissen.“ Und dann muss man es auch tun. Und gehört werden: „Von den Frauen in meinem Umfeld, die etwas Auffälliges ertasten, bekomme ich sehr häufig mit, dass sie am Telefon hören: `In vier Monaten haben wir den nächsten Termin frei´. Solange das noch so ist, werden wir Vision Zero nicht erreichen.“
Bessere Kommunikation für eine Vision Zero bei Krebs
In den Augen von Staudinger ist außerdem „gute Kommunikation“ essenziell. Was passiert, wenn das Gegenteil gelebt wird? Sie hatte so einige Beispiele im Gepäck: etwa von Frauen, die sich nach eigenem Brustabtasten besorgt in die ärztliche Praxis begeben haben. „In Ihrem Alter bekommt man noch keinen Krebs“: Mit solch leeren Worten und „irgendwelchen Salben, die sie auf ihre Tumore schmieren“, wurden sie allein gelassen. „Diese Frauen sind heute nicht mehr da.“ Ihr Job als Trainerin sei es, „der Patientin beizubringen, dass sie beharrlich bleibt“.
Aber gerade die Mediziner:innen tragen eine große Verantwortung: „Der erste Arzt, auf den ich damals getroffen bin, der hat meinen Tumor geschallt und zu mir gesagt: `In Ihrer Haut möchte ich jetzt wirklich nicht stecken´. Mit diesem Satz hat er das Licht ausgemacht, mich in ein Loch gestürzt und mich darin allein gelassen. Es hätte kein einziges Wort gegeben, was mich von einem 2,8 cm großen Tumor erlöst hätte. Aber er hätte Möglichkeiten gehabt, es mir anders zu vermitteln.“ Nur einen Tag später schafften das ein anderer Arzt und eine Pflegekraft – sie fanden die Worte, die notwendig waren, dass das „Licht“ bei Staudinger wieder anging. Noch während der Bestrahlung gab sie als Trainerin wieder Seminare für Frauen – für mehr Schlagfertigkeit.
Brustkrebs-Früherkennung: Es braucht mehr Präzision

Kommunikation spielt auch bei der Mammographie zur Früherkennung eine große Rolle – und scheitert zu oft: Eigentlich sollen Frauen nach einem Screening über ihre Brustdichte informiert werden, so empfiehlt es die European Society Of Breast Imaging (EUSOBI) seit 2022 in ihrer Leitlinie. Realität ist das oft nicht, machte Prof. Dr. Christiane Kuhl, Fachärztin für Radiologie und Neuroradiologie an der Uniklinik RWTH Aachen, deutlich. Das ist ein großes Problem: Bei extrem dichtem Gewebe ist ein Tumor über die Mammographie im Zweifel nicht gut erkennbar.
Insgesamt scheitere die Früherkennung mittels Mammographie bei mindestens einer von drei Frauen, weil der Krebs nicht oder nicht früh genug diagnostiziert wird, so Kuhl.
Sie plädierte für eine „Transformation“ – weg von einem Screening-Programm, das nach dem „one size fits all“-Ansatz allen Frauen ab demselben Alter (50. Lebensjahr), bis zum selben Alter (75. Lebensjahr), in demselben Intervall (alle zwei Jahre) dieselbe Maßnahme (Mammographie beidseitig) anbietet. Stattdessen ist in den Augen der Radiologin mehr Präzision gefragt: Eine kontrastmittelgestützte MRT-Untersuchung – zusätzlich zur routinemäßigen Mammographie – gelte bei Frauen mit extrem dichter Brust schon heute als „Standard of Care“ und als kosteneffektiv. Doch nützen kann sie nur, wenn die Patient:innen auch von diesen Möglichkeiten wissen. Zusätzlich öffnet Künstliche Intelligenz (KI) neue Türen. Kuhl verwies etwa auf die ScreenTrustMRI-Studie: Sie zeigte, dass KI-Tools dazu beitragen können, diejenigen Patientinnen zu identifizieren, die nach unauffälliger Mammographie eine MRT benötigen, und so zuvor übersehene Krebserkrankungen zu entdecken.
Spargesetze versus gute Patient:innen-Versorgung
Auch Finanzierungsthemen besprachen die Expert:innen während der Veranstaltung. So sei zum Beispiel die Mammographie, die Frauen mit positivem Tastbefund angeboten wird, für Radiolog:innen „erheblich defizitär“, weiß Kuhl. Im schlechtesten Fall können Praxen diese Untersuchung aus ökonomischen Gründen nicht mehr anbieten – „diese Verknappung wird sich verstärken“, so die Expertin.

Annette Kruse-Keirath, Vorstand der Allianz gegen Brustkrebs e.V. und Unternehmensinhaberin bei Kruse-Keirath-Consulting GmbH, zeigte sich ebenfalls besorgt. Sie prognostizierte: „Mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz […] wird sich die Versorgung der onkologischen Patienten verschlechtern. Wir warten jetzt schon in der Nachsorge auf Termine, wir warten in der Früherkennung auf Termine.“ Sie befürchtet, dass es für die Patient:innen künftig schwieriger wird, Ärzt:innen zu finden, „die sie in der gewohnten Qualität weiter betreuen“ und findet „es schade, dass die Politik davon ausgeht, dass sie es umsonst tun“. Ihr Blick ging dabei zu Prof. Dr. Sherko Kümmel, der die Klinik für Frauenheilkunde und das Brustzentrum bei den Evangelischen Kliniken Essen-Mitte leitet. Auf dem Summit machte er deutlich, was sein Team alles leistet, ohne dass das in der Vergütung entsprechend abgebildet wäre – einfach, weil es notwendig ist. Da geht es um Dinge wie Patient:innensicherheit, um stundenlange Fallbesprechungen in Tumorboards, um Arzneimittelanamnese. „Was mir in der Erstattungssituation fehlt, ist eine klare Transparenz und Akzeptanz von dem, was wir machen und leisten.“ Es brauche hier ein zügiges Umdenken, sodass die Qualität der Arbeit honoriert wird.
Auf dem Weg zu einer Vision Zero müsste das – so sollte man meinen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
Das FORUM FRAUENGESUNDHEIT auf dem Vision Zero Berlin Summit 2026 fand in Zusammenarbeit mit „Brustkrebs Deutschland“ und „Mamma Mia!“ statt.
Weitere News:

Krebsmedizin 2.0: „Früher reingrätschen“
Jeden vermeidbaren Krebsfall vermeiden – daran arbeitet die Initiative „Vision Zero“ seit fast zehn Jahren. Es ist ein Anspruch, der größer kaum sein kann, aber keine Illusion ist, wie sie auf dem diesjährigen Gipfel „Die Neuvermessung der Onkologie“ betonen. Im Springer-Haus in Berlin treffen sich für zwei Tage Expert:innen aus Forschung, Wissenschaft und Medizin, von Seite der Patient:innen, aus Politik und forschenden Pharmaunternehmen, um die Versorgung von Menschen mit Tumorerkrankungen zu verbessern. Und dazu beizutragen, dass Krebsfälle gar nicht erst entstehen.

GKV-Spargesetz: Am Problem vorbei therapiert
Kurz vor der ersten Lesung des bereits jetzt hochumstrittenen Beitragssatzstabilisierungsgesetzes (BStabG) im Bundestag hat sich der Pharmaverband BPI noch einmal positioniert: Statt eines Spargesetzes braucht Deutschland dringend eine strukturelle, „echte Gesundheitsreform“, so sein Vorsitzender Oliver Kirst auf der Hauptversammlung des Verbandes. Durch die Pläne der Regierung werde „nichts besser, sondern höchstens billiger.“ Der dort geplante dynamische Herstellerrabatt sei eine „Katastrophe“ für die Unternehmen; durch das Gesetz werde die Deindustrialisierung des Landes vorangetrieben.

Brustkrebs-Früherkennung: „Wir brauchen eine Transformation“
„Etwa jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Und das betrifft nicht nur die Patientin selbst, sondern Partnerinnen, Partner, Kinder, Freunde, Freundinnen, Kollegen, Kolleginnen. Ob mit Diagnose oder ohne, ob mit Brüsten oder ohne: Brustkrebs geht uns alle an.“ Mit diesen Worten eröffnete Jessica Gummersbach, Redakteurin beim Tagesspiegel, eine Veranstaltung, die es in sich hatte. Mehrere Expertinnen diskutierten über die Versorgungslage in Deutschland. Prof. Dr. Christiane Kuhl, Direktorin des Uniklinikums der RWTH Aachen, nahm insbesondere das Mammographie-Screening in den Blick. Sie findet: „Die Früherkennung des Mammakarzinoms muss sich grundlegend ändern.“
