
„Wir akzeptieren bei Krebs verspätete Diagnosen, fragmentierte Daten und eine unzureichende Verankerung des Präventionsgedankens, wie wir das in Bereichen wie Straßenverkehr, Luftfahrt oder Arbeitsschutz niemals tun würden“, sagt Professor Dr. Christof von Kalle, einer der führenden Krebsspezialisten des Landes und bei Vision Zero Vorsitzender des Beirats. „Deshalb gibt es diesen Laden. Vision Zero bedeutet nicht die Illusion einer Welt ohne Krebs. Es bedeutet, vermeidbare Krebsfälle nicht länger als statistische Normalität hinzunehmen.“ Der Kampf gegen Krebs ist so erfolgreich wie nie zuvor; die Möglichkeiten „haben sich dramatisch geändert: Molekulare Diagnostik, Immuntherapien, Liquid Biopsy, Früherkennung oder Künstliche Intelligenz (KI) eröffnen die Chance, einen großen Teil der heutigen Krebstodesfälle zu verhindern.“ Von Kalle geht es darum, „früher reinzugrätschen“, damit Tumorerkrankungen vermieden oder aber früh erkannt werden können, weil sich damit die Erfolgschancen einer Behandlung deutlich erhöhen.
Forschung ist nicht alles, aber ohne Forschung ist alles nichts

„Forschung ist nicht alles, aber ohne Forschung ist alles nichts“: Unter dieses Motto hatte Vision Zero sein erstes Panel des Gipfels gestellt. Für Dr. Daniel Steiners, Vorstand beim forschenden Pharmaunternehmen Roche, stellt sich die Frage, wo in Zukunft medizinischer Fortschritt entsteht und unter welchen Rahmenbedingungen – ein Hinweis auf den zurzeit hitzig diskutierten Entwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, der Einschnitte gerade auch bei Arzneimittelinnovationen vorsieht. „Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes, sondern auch darüber, wie schnell Patientinnen und Patienten Zugang zu neuen Arzneimitteln bekommen“, so Steiners. Soll heißen: Gesundheits- und Innovationspolitik lassen sich nicht sinnvoll trennen.
Innovation folgt den Rahmenbedingungen, unter denen sie sich entfalten können – so beschreibt Steiners den internationalen Wettbewerb in der Forschung. Als Erfolgsfaktoren für einen Weltklasse-Standort identifiziert er Geschwindigkeit, Planbarkeit und Innovationssicherheit. Doch da laufe Europa Ländern wie den USA oder China hinterher; die Reibungsverluste durch Regulierungen, zu viel Bürokratie, zu wenig Digitalisierung und der Denke in unterschiedlichen Silos bremsten die Forschung aus. Steiners fordert eine Willkommenskultur für Innovationen – und dazu gehörten eben auch verlässliche Erstattungsbedingungen. „Forschung in Innovation sind kein Kostenfaktor, sondern Wachstums-, Industrie- und auch Zukunftspolitik. Die Innovation zahlt sich doppelt aus: in Gesundheit und wirtschaftlicher Stärke.“ Deutschland, da ist sich der Manager sicher, habe alle Voraussetzungen, um eine Apotheke der Welt sein.
Krebsforschung: Die Bürokratie „radikal“ reduzieren

Professor Dr. Michael Hallek von der Uniklinik Köln hat als Arzt ebenfalls ein starkes Interesse, dass „aus Forschung ein Medikament wird.“ Und ergänzt: „Wir sind nicht so schlecht“ – so sei man in der Onkologie, was Patente angeht, „durchaus in einer führenden Stellung.“ Deutsche Forschungsinstitute und Unikliniken haben weltweit einen hervorragenden Ruf. Aber die öffentlichen Investitionen in Krebsforschung seien ausbaufähig, Deutschland ist mit einem Anteil von 1,4 Prozent „in einer relativ schlechten Position.“ Als „Gelingensbedingung“, gemeint sind Faktoren, die „uns an die Weltspitze bringen“, sieht er die Bündelung der Expertise in Deutschland, auch um mehr klinische Studien durchführen zu können, und die Fortsetzung der Nationalen Dekade gegen Krebs. „Vor allem müssen wir die Bürokratie radikal reduzieren, weil wir täglich auf unerträgliche Weise daran behindert werden, klinische Forschung zu machen: Steuergelder sind nicht dafür da, Bürokratie zu finanzieren.“ Hallek setzt auch auf die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und privater Wirtschaft.
Der Parlamentarische Staatsekretär im Gesundheitsministerium, Dr. Georg Kippels, erinnerte an die Dimension des Krankheitsbildes Krebs: 518.000 Neuerkrankungen im Jahr, rund 230.000 Todesfälle; die Alterung der Gesellschaft lasse noch einen Anstieg der Zahlen erwarten. Aber: „Wir erleben eine nie dagewesene Dynamik in der Krebsmedizin.“ Eine „Neuvermessung der Onkologie“ bedeutet für ihn aber auch, „den Fokus zu verschieben – weg von einer reparaturbasierten Medizin und hin zu einer Kultur der Prävention und Früherkennung. Dafür brauchen wir eine Präventionsoffensive.“ Das Potenzial zeigt sich vor allem an dieser Zahl: „Etwa 37 Prozent der Krebsneuerkrankungen Deutschlands sind auf vermeidbare Einflussfaktoren wie Rauchen, Übergewicht, ungesunde Ernährung oder mangelnde Bewegung zurückzuführen“, so der Politiker. Mehr Prävention wäre ein großer Schritt in Richtung der Nuller-Vision in der Onkologie.
Die Patient:innen-Sicht: Der Faktor Zeit

Alexandra von Korff ist Kommunikationsexpertin und selbst Betroffene. „Der wichtigste Faktor aus Patient:innensicht ist die Zeit, denn sie haben keine.“ Sie betont trotz aller Fortschritte: „Es sterben einfach noch zu viele. Deshalb müssen wir uns beeilen.“ Soll heißen: Mehr Studien und mehr Tempo. Sie fordert auch mehr Werbung für das Instrument der klinischen Studie: „Die Menschen wissen einfach nicht, dass es sie gibt.“ Und natürlich müsse der Datenschutz endlich an den Bedürfnissen erkrankter Menschen ausgerichtet werden. Mediziner und Forscher Hallek sagt: „Der Datenschutz, wie er heute bei uns praktiziert wird, ist forschungs- und patientenfeindlich.“
Professorin Dr. Alena Buyx, selbst Medizinerin und Ethikerin, vermisst eine Begeisterung für die klinische Forschung – nicht nur unter der breiten Bevölkerung (s. auch: „Deutschland ist ein Studienmuffel“), sondern auch unter der Ärzteschaft. „Wir müssen es sexier machen für die akademische Karriere, klinische Studien durchzuführen.“
Die Forschung stärken, um kranke Menschen besser behandeln, um den Wissenschaftsstandort weiterentwickeln und der kränkelnden Wirtschaft wichtige Impulse geben zu können – Voraussetzung dafür ist für Roche-Mann Steiners ein Ökosystem mit Rahmenbedingungen, das Innovationen einfordert und fördert. Denn: „Wir wollen hier anpacken – nicht einpacken.“

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