Liquid Biopsy bei Krebs: Mehr sehen, früher handeln, gezielter therapieren

Die Liquid Biopsy ist eine Untersuchung von Blut oder anderen Körperflüssigkeiten, mit der Ärzt:innen wichtige, patientenindividuelle Informationen über eine Tumorerkrankung erhalten können. Das macht es zum Beispiel möglich, den Behandlungsverlauf gezielter zu überwachen und eine fundiertere Entscheidung über die optimale Therapie zu treffen. Die Initiative „Vision Zero in der Onkologie“ setzt sich dafür ein, dass Liquid Biopsy weiter erforscht und konsequent dort eingesetzt wird, wo sie schon heute ihr Potenzial für eine bessere Medizin entfalten kann.

Sie ist Kompass, Navigations- und Frühwarnsystem in einem: Mit einer minimal-invasiven Untersuchung und modernen, hochsensitiven Labormethoden lassen sich winzige Bestandteile wie zum Beispiel zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) im Blut nachweisen und molekulardiagnostisch untersuchen. Deshalb auch der Name: Liquid Biopsy – Flüssigbiopsie. Professor Dr. Christof von Kalle, Onkologe und einer der wissenschaftlichen Vordenker der Liquid Biopsy in Deutschland, erklärt: „Tumorerkrankungen sind von Patient zu Patient verschieden und können sich über die Zeit verändern. Liquid Biopsy ermöglicht es uns, mehr über diese individuellen Eigenschaften zu erfahren – sie ist somit ein essenzielles Instrument der Präzisionsonkologie, mit dem wir im besten Fall früher und gezielter handeln können.“

Liquid Biopsy: Ein Präzisionswerkzeug in der Krebsbehandlung

Professor Dr. Christof von Kalle. Foto: BIH/Stefan Zeitz
Professor Dr. Christof von Kalle. Foto: BIH/Stefan Zeitz

Ein Ersatz für die Gewebebiospie, bei der eine kleine Menge Gewebe entnommen wird, um sie mikroskopisch zu untersuchen, ist sie nicht. Die Liquid Biopsy hat, darauf macht von Kalle aufmerksam, ihre Grenzen, etwa, weil nicht jeder Tumor messbare Spuren im Blut abgibt und weil die Technologie nicht für jede Krebsart validiert ist. Das bedeutet: Es ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt, dass die Methode bei allen Krebsarten zuverlässig und klinisch sinnvoll funktioniert. Aber: „Sie ist ein Präzisionswerkzeug. Damit können wir die personalisierte Onkologie weiter verbessern“, so der Wissenschaftler. „Die Gewebeprobe definiert eine Erkrankung, ist eine konkrete Aufnahme vom Moment der Probenentnahme und damit statisch. Außerdem ist sie ein invasiver Eingriff, da Gewebe z. B. mit einer Nadel oder durch eine kleine Operation entnommen wird. Mit der Liquid Biopsy kann ich den Krebs im Verlauf besser begleiten, sie macht die Therapiekontrolle und das Resistenzmanagement und damit adaptive Therapieentscheidungen möglich.“

Für Menschen mit Krebs kann die Liquid Biopsy unschätzbare Vorteile haben – wie die Initiative Vision Zero in ihrem Positionspapier schreibt:

  • Sie ist minimal-invasiv und risikoarm und erlaubt molekulare Diagnostik auch bei schwer zugänglichen Tumoren oder fehlendem bzw. unzureichendem Gewebematerial.
  • Sie erlaubt eine molekulare Beurteilung des Therapieansprechens, frühzeitiges Erkennen von Resistenzen und eine individuell angepasste Behandlung mit potenziell erhöhter Wirksamkeit und reduzierten Nebenwirkungen. Außerdem erlaubt sie serielle Probenentnahmen, wodurch die Tumorentwicklung kontinuierlich beobachtet werden kann.
  • Sie ist ein Gewinn für die Patient:innen, Ärzt:innen und Kostenträger; so können unwirksame Therapien frühzeitig identifiziert werden.
  • Die Liquid Biopsy ermöglicht durch gezielte Suche nach zuvor an Gewebe identifizierten Mutationen den Nachweis minimaler Resterkrankung (Minimal Residual Disease, MRD). Gemeint sind nach einer Therapie im Körper verbliebene Krebszellen, die mit herkömmlichen Methoden meist nicht nachweisbar sind. MRD ist ein wichtiger prognostischer Faktor, um das Rückfallrisiko früh zu beurteilen und die Behandlungsstrategie anzupassen.

Liquid Biopsy: Zwischen Potenzial und Praxis

Liquid Biopsy: Zwischen Potenzial und Praxis
Die Liquid Biopsy steckt in Deutschland noch am Anfang. ©iStock.com/SyhinStas

Trotz der Vorteile gilt: Die Liquid Biopsy steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Dafür gibt es viele Gründe. Die Technologie kämpft mit Wissensdefiziten sowohl bei medizinischem Fachpersonal als auch der breiten Öffentlichkeit. Oft ist die Erstattung nicht geklärt, fehlt ganz oder deckt die Kosten nicht. Und auch das kommt vor: Dass ein neues, zielgerichtetes Medikament verfügbar ist, die dazugehörige Liquid Biopsy-Begleitdiagnostik aber erst viel später erstattet wird, obwohl sie die Voraussetzung für eine zugeschnittene Behandlung ist. Außerdem gibt es noch viele offene Forschungsfragen, gerade auch im Bereich der Früherkennung.

Vision Zero hat deshalb mit maßgeblichen Expert:innen auf dem Gebiet einen 5-Punkte Plan entwickelt, um den Einsatz von Liquid Biopsy zu fördern:

  1. Aufklärung von Behandelnden und Patient:innen: Es gilt, ein umfassendes Schulungs- und Informationsangebots über Möglichkeiten und Grenzen der Liquid Biopsy für ärztliches Fachpersonal und Patient:innen aufzubauen, damit die Methode gezielt und zur richtigen Zeit eingesetzt wird.
  2. Stärkung der Patienteneinbeziehung: Patient:innen sollen aktiv in klinische Studien, Leitlinienprozesse und Behandlungsentscheidungen eingebunden werden – etwa bei Fragen zur Diagnostik und zum Einsatz der Liquid Biopsy.
  3. Intensivierung von Forschung und Entwicklung: Wissenslücken über den klinischen Nutzen der Liquid Biopsy in den verschiedenen Einsatzbereichen müssen geschlossen und evidenzbasierte Anwendungen in nationale Leitlinien überführt werden.
  4. Standardisierung vorantreiben: Es braucht mehr einheitliche Standards und Leitlinien für die Durchführung, Prä-Analytik und Auswertung der Liquid Biopsy, um Qualität und Vergleichbarkeit sicherzustellen.
  5. Netzwerke schaffen: Niedergelassene Ärzt:innen, Krebszentren, Pathologien und Labore sollten verstärkt intersektoral zusammenarbeiten – z. B. über standardisierte Überweisungswege, Tumorboards und regionale Kompetenzzentren sowie digitale Vernetzung.

Eine neue Ära der personalisierten Krebsmedizin

Eine neue Ära der personalisierten Krebsmedizin
Liquid Biopsy: Krebs-Sterberaten deutlich senken? Foto: ©iStock.com/gorodenkoff

Mit diesen fünf Punkten will die Initiative erreichen, dass die Liquid Biopsy qualitativ hochwertig, evidenzbasiert und im gesamten Gesundheitssystem verfügbar ist, um die Versorgung von Menschen mit Krebs zu verbessern. Oder um es mit den Worten von Professor Kalle zu sagen: „Als minimal-invasive, molekulardiagnostische Methode ist die Liquid Biopsy ein wichtiger Baustein auf dem Weg, die Zahl der Menschen, die an Krebs sterben, deutlich zu senken. Für den medizinischen Fortschritt in der Onkologie zum Wohl der Patientinnen und Patienten und für den Forschungsstandort Deutschland ist sie von strategischer Bedeutung: Sie steht für eine neue Ära der personalisierten Krebsmedizin – innovativ, schonend und zukunftsweisend.“

Weiterführender Link:
Vision Zero e.V.: LIQUID BIOPSY: Minimal-invasiv, maximal informativ, 2025

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