
Im Jahr 2010 erhielt Ariella die Diagnose Hodgkin-Lymphom. Dabei handelt es sich um eine seltene Krebserkrankung des lymphatischen Systems. Weiße Blutkörperchen, die B-Lymphozyten, die eigentlich der Immunabwehr dienen, vermehren sich hierbei unkontrolliert in Organen wie Lymphknoten oder Milz. Man habe ihr damals gesagt, die Erkrankung gehöre zu den am besten behandelbaren Krebsarten. „Normalerweise brauchen Betroffene nur etwas Chemotherapie, vielleicht etwas Bestrahlung und dann ist es geschafft“ – so hieß es. Doch „die Sache entwickelte sich nicht ganz so wie gedacht”. Denn: Sie war „in der refraktären Gruppe“ – also resistent gegen gängige Behandlungen. Innerhalb von nur vier Jahren erhielt sie 14 verschiedene Therapieformen – ihre Freund:innen machten derweil ihre Abschlüsse, zogen von zuhause aus, fingen an zu arbeiten. Und Ariella verlor zunehmend ihren Optimismus, ihre Kraft.
Im Alter von 23 Jahren nahm sie schließlich an einer klinischen Phase 1-Studie teil, die ihr Leben auf den Kopf stellen sollte. Im Fokus: eine Immuntherapie; genauer gesagt: ein Checkpoint-Inhibitor, der die „Bremsen“ im Körper löst, die das eigene Immunsystem daran hindern, die Tumorzellen wirksam zu bekämpfen. „Natürlich waren meine Erwartungen – nach so vielen fehlgeschlagenen Behandlungen – niedrig. Aber die ganze Zeit über fühlte ich mich gut. Ich entwickelte von dem Arzneimittel keine Fatigue. Ich musste nicht mit ansehen, wie meine Haare allmählich ausfielen. Ich konnte wieder mehr essen und Muskeln aufbauen.“ Die Bildgebung bestätigte: Die Tumorzellen gingen deutlich zurück. Zwei Jahre später kann sie ihr Leben und ihre Arbeit in New York City genießen – ohne auf eine Therapie angewiesen zu sein. „Ich kann nicht oft genug betonen, wie viel Glück ich hatte, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war“, sagt die junge Frau rückblickend. Seit 2016 hat der Wirkstoff eine offizielle Zulassung im Bereich des Hodgkin-Lymphoms – die klinischen Studien hatten nicht nur bei Ariella deutliche Erfolge gezeigt.
Immuntherapie gegen Krebs: Paradigmenwechsel
Gegen eine wachsende Zahl an unterschiedlichen Krebsarten stehen heute Immuntherapien zur Verfügung. So etwa bei Lungenkrebs: Tom Anderson genoss sein Rentnerdasein, als er – eher zufällig – die Diagnose erhielt. Im Jahr 2020 sagte man ihm: fortgeschrittener, metastasierter nicht-kleinzelliger Lungenkrebs im Stadium 3. „Glücklicherweise lebe ich relativ nah an der Mayo Clinic – der Prozess der Diagnose und Behandlung begann nur 72 Stunden nach meinem ersten Anruf dort.“ Die Mayo Clinic in den USA ist eine der weltweit renommiertesten medizinischen Einrichtungen. Die Biopsie zeigte bei ihm eine ausgeprägte PD-L1-Expression. Letztlich heißt das: Die Krebszellen produzieren auf ihren Oberflächen ein bestimmtes Protein, welches das Immunsystem in seinem Angriff gegen den Tumor hemmt. Was erstmal nicht so gut klingt, kann in Zeiten der modernen Medizin eine gute Nachricht sein – steht eine hohe PD-L1-Expression doch dafür, dass eine Immuntherapie, die zum Ziel hat, genau diese vom Tumor hervorgerufene Blockade zu lösen, womöglich gut wirken könnte. „Nach den ersten vier Behandlungsdurchgängen ging mein Tumor um 75 bis 85 Prozent zurück.“ Noch sei es nicht geschafft – aber er sieht sich „in der Führung“ und hat „einen Sieg“ gegen den Krebs „im Visier“, betont er.
Einen grundlegenden Wandel hat die Immunonkologie auch in der Behandlung des Malignen Melanoms (schwarzer Hautkrebs) eingeläutet. Im fortgeschrittenen Stadium können Mediziner:innen heutzutage zum Beispiel eine Kombination aus zwei unterschiedlichen Immuntherapien (PD-1- und CTLA-4-Checkpoint-Inhibitoren) einsetzen: Zehn Jahre nach Beginn der Behandlung leben laut Studiendaten noch 43 Prozent der Betroffenen. Ein großer Fortschritt: Vor rund einer Dekade lebten schon nach dem ersten Jahr nur noch 25 Prozent der Patient:innen. Für manche Betroffene könnte eines Tages sogar eine Heilung im Bereich des Möglichen sein (s. Pharma Fakten). Für das Cancer Research Institute erzählt zum Beispiel Sharon ihre Geschichte: Mit 22 Jahren erhielt sie die Diagnose „Melanom im Stadium 4“ – gängige Ansätze wie Chemotherapie wirkten bei ihr nicht. „Als mein Onkologe […] mir von einer neuen Behandlungsform erzählte, die aktuell in Studienphasen erprobt werde, klang das für mich nach dem Licht am Ende des Tunnels, nach dem wir gesucht hatten“, erinnert sie sich. Seit acht Jahren ist sie nun in Remission – das heißt: Die Krankheit ist nicht mehr nachweisbar.
Immunonkologie: Die Kraft des Immunsystems nutzen

Auf der Website des Cancer Research Institute teilen noch viele weitere Krebsüberlebende ihre Erfahrungen mit Immuntherapien – wie Sunshine aus Seattle, deren Weg mit Lungenkrebs wie folgt überschrieben ist: „von einer Stadium 4-Diagnose bis hin zu krebsfrei“.
Die Immunonkologie ist ein ganz besonderes Werkzeug der Medizin: weil sie sich die Fähigkeiten des eigenen Immunsystems, Krankheiten abzuwehren, zu Nutze macht und diese scharfstellt – etwa indem sie Tumorzellen sichtbar macht, die sich vorher „getarnt“ hatten. Trotz vieler Erfolgsgeschichten steht fest: Ein Allheilmittel ist die Immunonkologie nicht. Es gibt viele Menschen, für die funktioniert sie – sehr gut sogar. Aber es gibt auch viele, die nicht ausreichend darauf ansprechen. Daher bleibt die Krebsforschung weiter ein Fokus von Wissenschaftler:innen und Pharmaunternehmen weltweit. Angesichts von über 300 Krebsarten und zahlreichen Subtypen, Stadien und individuellen Verläufen braucht es ein ganzes Arsenal an unterschiedlichen Instrumenten – das Ziel: eine Medizin, die Krebs immer präziser und auf die einzelnen Patient:innen zugeschnitten behandeln kann.
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