Die Fakten
- In der EU leben rund 62 Millionen Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jedes Jahr sterben 1,7 Millionen an den Folgen.
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen kosten die EU mehr als 280 Milliarden Euro.
- Mehr Gesundheitschecks zur Prävention und Früherkennung könnten dazu beitragen, die Krankheitslast zu senken. Ein Beispiel aus UK: Bis 2040 wird pro Pfund, das in den „NHS Health Check“ investiert wird, ein langfristiger Ertrag von rund 2,93 Pfund erwartet.
Einfach zurücklehnen, nichts tun, abwarten? Das ist keine Option. Denn in den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) leben schon heute rund 62 Millionen Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) – das sind mehr als die Bevölkerung Italiens. Für viele von ihnen endet das tödlich – Herzinfarkt, Bluthochdruck und Co. gelten als Killer Nummer 1.
Das ist nicht nur aus Sicht der Patient:innen und ihrer Angehörigen eine Katastrophe; es betrifft die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft.
Mehr als 280 Milliarden Euro pro Jahr: So teuer sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen für die EU. Der Großteil der Kosten fällt in den Gesundheitssystemen an – über Arzt- und Krankenhausbesuche, Medikamente oder Rettungsdienste. Hinzu kommen Pflege (104 Mrd. €) sowie Produktivitätsverluste (47 Mrd. €), die der Wirtschaft zum Beispiel in Folge von Krankenstand, Erwerbsminderung oder Arbeitsunfähigkeit entstehen.
Spätestens mit 35: Jede:r sollte Herz-Kreislauf-Risiko kennen
Ändern soll das der EU Safe Hearts Plan. Mit ihm will die EU-Kommission bis zum Jahr 2035 die vorzeitige CVD-bedingte Sterblichkeit um 25 Prozent senken – durch verstärkte Prävention, Früherkennung sowie Behandlung, Versorgung und Rehabilitation (s. Pharma Fakten). „Die Herausforderung besteht nun darin, den Plan umzusetzen“, erklären Victoria Tzouma (Amgen) und Radka Lang (MSD) auf der Website des Pharmaverbands EFPIA. Die Beiden stehen der EFPIA Cardiovascular Health Platform vor und repräsentieren somit Firmen, die im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen forschen. „Aus dem politischen Bekenntnis müssen konkrete Maßnahmen werden“. Geplant ist, dass der Rat der Europäischen Union eine Empfehlung zu Herz-Kreislauf-Gesundheitschecks ausspricht. Welche Werte genau werden wann und wie untersucht? Letztlich soll ein einheitliches Protokoll vorliegen, dem alle Mitgliedsländer folgen können, um nationale Gesundheitschecks zu entwickeln und einzuführen.
„Dieser Wandel könnte Tausende Leben retten“, sind die zwei Frauen überzeugt. Denn bis zu 80 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen ließen sich durch Früherkennung und eine bessere Kontrolle der Risikofaktoren verhindern. Bei EFPIA hat man eine konkrete Vorstellung, wie solche Gesundheitschecks aussehen könnten (s. Grafik): Sie sollten demnach Aufschluss geben über Dinge wie Blutfettwerte, Blutdruck, Blutzucker, Adipositas-Indikatoren, Rauchstatus und vieles mehr. Im besten Fall kennen alle Bürger:innen spätestens mit 35 Jahren ihre Werte – denn dieses Alter stelle „einen entscheidenden Zeitpunkt dar: Häufig treten dann erste Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf, während präventive Maßnahmen noch sehr wirksam sind. Werden hier Ausgangswerte erhoben, lassen sich erhöhte Risiken möglicherweise schon Jahrzehnte vor dem ersten Herz-Kreislauf-Ereignis erkennen“, schreiben Tzouma und Lang.
Die eigenen Werte zu kennen: Das ist nur der erste Schritt. „Die Menschen müssen auch wissen, was diese Werte bedeuten und was als Nächstes zu tun ist“. Die Empfehlung des Rats „sollte daher klare Überweisungs- und Nachsorgewege vorsehen. So wird sichergestellt, dass auffällige Untersuchungsergebnisse systematisch eine angemessene Behandlung, bei Bedarf eine fachärztliche Abklärung und eine langfristige Betreuung nach sich ziehen.“
Gesundheitschecks: für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft

Um die Evidenzbasis zu stärken, hat man seitens EFPIA die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC mit einer unabhängigen Analyse zum Nutzen von Gesundheitschecks beauftragt. Basis bildeten Literaturrecherchen sowie Erfahrungen, die Länder gemacht haben, in denen solche oder ähnliche Programme bereits Realität sind. Demnach tragen Gesundheitschecks dazu bei, „Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, Adipositas und chronische Nierenerkrankungen häufiger zu diagnostizieren“, fassen Tzouma und Lang zusammen. Schlägt sich das auch in besseren Behandlungsergebnissen nieder? „In Großbritannien etwa war der NHS Health Check mit einer um 15 Prozent niedrigeren Herzinfarktrate und einer um 23 Prozent geringeren Sterblichkeit verbunden“. Und in Irland verzeichnete man 30 Prozent weniger Notfallbehandlungen und 26 Prozent weniger Krankenhausaufnahmen unter den Menschen, die am sogenannten „Structured Chronic Disease Management Programme“ teilnahmen.
Gesundheitschecks könnten eine positive Kapitalrendite („Return on Investment“, ROI) erzielen, „insbesondere, wenn die Programme zielgerichtet konzipiert und wirksam umgesetzt werden“, betonen die EFPIA-Vertreterinnen. „Verhinderte Herz-Kreislauf-Ereignisse verringern die spätere Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und führen so langfristig zu Einsparungen. Modellrechnungen zufolge dürfte der ROI des britischen NHS-Health-Check-Programms bis 2040 positiv werden. Im Vergleich zu einem Szenario ohne ein solches Programm wird langfristig für jedes investierte Pfund ein Ertrag von schätzungsweise 2,93 Pfund erwartet.“
In Deutschland gibt es den Gesundheits-Check-up – einmalig für 18- bis 34-Jährige und alle drei Jahre für Menschen ab 35 Jahren. Teilweise werden dort die von EFPIA vorgeschlagenen Werte untersucht – wie Rauchstatus, Blutdruck und Blutfette. Mit der anstehenden Ratsempfehlung soll bald jedoch ein EU-weit einheitlicher Rahmen entstehen, an den sich alle Mitgliedsstaaten richten können. Aus Sicht des Pharmaverbands bietet dies „eine einzigartige und bislang beispiellose Chance“, sodass „Gesundheitschecks zu einem Grundpfeiler der Prävention werden“. Tzouma und Lang betonen: „Eine erfolgreiche Umsetzung würde weit über die Herz-Kreislauf-Gesundheit hinaus Wirkung entfalten. Wir könnten dazu beitragen, dass Menschen länger gesund bleiben, die Gesundheitssysteme entlastet werden, die wirtschaftliche Resilienz gestärkt wird und für kommende Generationen eine gesündere Zukunft entsteht.“
Weiterführende Links:
EFPIA, Know Your Numbers by age 35: A new standard for cardiovascular care in Europe, 2026
Weitere News

282 Milliarden Euro: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Kosten der Untätigkeit
Die Zahlen sind erschreckend: Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems töten in der Europäischen Union jedes Jahr 1,7 Millionen Menschen. In der Zeit, in der Sie diesen Artikel lesen, werden rund 15 Menschen an den Folgen von Herzinfarkt, Schlaganfall und Co. gestorben sein. Das Schicksal einer alternden Gesellschaft? Von wegen: In der medizinischen Fachwelt ist es Konsens, dass gut 80 Prozent dieser Fälle durch gezielte Prävention und Früherkennung vermeidbar wären. Der „EU Safe Hearts Plan“ soll es nun richten.

Große Fortschritte im Kampf gegen Herzinfarkt, Schlaganfall und Co.
Ja, es stimmt: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache. Und trotzdem stimmt auch: Das Risiko an Herzinfarkt, Schlaganfall und Co. zu versterben ist in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gesunken. Woran das liegt? Biomedizinische Forschung, Fortschritte in der Chirurgie, Public Health-Maßnahmen und ein gesünderer Lebensstil haben dazu einen Beitrag geleistet.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Wie Innovation Krankheit besiegt
Herz-Kreislauf-Leiden – kein Krankheitskomplex hat mehr Menschenleben auf dem Gewissen. In den vergangenen Jahrzehnten ist es dank Arzneimittelentwicklungen allerdings gelungen, Sterblichkeit und Hospitalisierungsraten deutlich zu senken. So liegt heute das Risiko, vorzeitig an Herzinfarkt und Co. zu sterben, bei gleichem Alter um 75 Prozent niedriger als 1950. Doch es gibt noch viel zu tun – die Entwicklung neuer Therapieansätze geht deshalb weiter.
