282.000.000.000 Euro – das sind die jährlichen Kosten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (cardiovascular disease, CVD) und ihrer Folgen in Europa. Mit diesen Milliarden ließe sich eine Menge anstellen – es ist mehr als die Hälfte des Bundeshaushaltes für 2026. Die Rezepte gegen Erkrankungen des Herzkreislauf-Systems sind bekannt. Die Top 5 der Verursacher sind hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte, Rauchen, Diabetes und mangelnde Bewegung. Insgesamt gibt es 15 Faktoren, die zur Bewertung des CVD-Risikos herangezogen werden: Bei acht davon haben sich die Europäer:innen verschlechtert. Außerdem altert Europa rapide – der Anteil der ≥ 65‑Jährigen wird bis 2050 auf rund ein Drittel der Bevölkerung steigen, was die CVD‑Prävalenz um bis zu 90 Prozent erhöhen könnte. Prävention und leitliniengerechte Versorgung sind also essenziell. Doch das ist noch nicht überall angekommen. Die Ausgaben für Präventionsmaßnahmen im EU-Durchschnitt sind niedrig: Es sind nur rund drei Prozent der Gesundheitsausgaben. Das alles geht aus dem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor, die Ende 2025 den „State of Cardiovascular Health in the European Union“ vorgelegt hat.
EU Safe Hearts Plan: Die Sterblichkeit deutlich senken

Die EU-Kommission will das mit dem „Safe Hearts Plan“ ändern. Laut dem Fachmagazin The Lancet Public Health ist es „die erste umfassende Herz-Kreislauf-Initiative auf EU-Ebene bis heute.“ Zeit dafür wird es, so der Tenor: „Obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die damit verbundene sozioökonomische Belastung in der EU enorm sind, waren die politischen Maßnahmen bisher eher schwach.“ Nationale CVD-Gesundheitsstrategien gibt es nur in 13 von 27 Mitgliedsländern.
Der Plan ist ambitioniert. Bis zum Jahr 2035 soll die vorzeitige CVD-bedingte Sterblichkeit um 25 Prozent sinken. Er ruht auf den drei Säulen:
- Prävention,
- Früherkennung und Screening,
- Behandlung, Versorgung und Rehabilitation.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Fokus auf Frauengesundheit
So soll es lebenslange, personalisierte Präventionsprogramme geben, es soll ein Fokus auf der Vermeidung der Risikofaktoren liegen, die Aufklärung und damit die Gesundheitskompetenz gestärkt, die Tabakkontrolle intensiviert und Anreize für eine gesündere Ernährung geprüft werden. Besonders begrüßen die Autor:innen im The Lancet den „ausdrücklichen Fokus des Plans auf die kardiovaskuläre Gesundheit von Frauen, da Präventionsstrategien nach wie vor weitgehend geschlechtsneutral sind. Risiken, die speziell bei Frauen auftreten, werden in Präventionskonzepten nur unzureichend berücksichtigt.“ Deshalb seien politische Maßnahmen notwendig, um das Bewusstsein von Patient:innen und Beschäftigten im Gesundheitssystem „zu schärfen und der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Frauen häufiger falsch diagnostiziert und unzureichend behandelt werden, insbesondere nach Herz-Kreislauf-Ereignissen.“

Neue integrierte und personalisierte Versorgungsmodelle sollen dafür sorgen, dass die Menschen künftig besser behandelt werden können. Auch das ist bitter nötig – das zeigt beispielhaft das Thema Bluthochdruck. Ist er unkontrolliert, erhöht sich das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Nierenschäden deutlich. Die Hochdruckliga geht davon aus, dass in Deutschland jeder Fünfte nichts von seiner Erkrankung weiß, sie in nur etwa der Hälfte der Fälle unter Kontrolle ist und jeder zehnte diagnostizierte Betroffene nicht behandelt wird. An den Kosten kann es kaum liegen, denn die Medikamente stehen sehr günstig zur Verfügung – das Gros davon ist „off patent“. Das bedeutet: Der Patentschutz ist abgelaufen, die hochwirksamen Arzneimittel sind generisch, die Kosten einer Tagestherapiedosis liegen in der Regel im einstelligen Cent-Bereich.
The Lancet: Die Kosten der Untätigkeit

Bei Diabetes sieht es nicht viel besser aus – auch hier kann eine bessere Versorgung die CVD-Krankheitslast deutlich reduzieren. Dafür braucht es auch nicht immer Medikamente, wie die Helmholtz-Gesellschaft (Helmholtz München) berichtete. Eine internationale Analyse zeigt: „Wenn Menschen mit Prädiabetes ihren Blutglukosewert durch Lebensstiländerung wieder in den Normalbereich bringen, halbiert sich ihr Risiko für Herzinfarkt, Herzschwäche und frühen Tod.“
„Der EU-Plan ist eine wichtige Initiative“, heißt es im Lancet. Ob sie Erfolg haben wird, liegt in der Verantwortung der Mitgliedsländer. „Die Kosten der Untätigkeit sind bereits jetzt klar erkennbar. Ohne entschlossenes Handeln wird die Belastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiter zunehmen und die Gesundheit, die Gerechtigkeit und die Wirtschaft in der gesamten Region beeinträchtigen.“ Und dann wird es erst richtig teuer.
Links:
OECD: State of Cardiovascular Health in the European Union, 2025.
EU-Kommission: EU Safe Hearts Health Plan, 2025.
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