Die USA verfolgen eine Arzneimittelpreispolitik nach dem Most Favored Nation-Prinzip. Expert:innen des IGES-Instituts haben sich mit Hintergründen und Auswirkungen auf Deutschland befasst. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff
Die USA verfolgen eine Arzneimittelpreispolitik nach dem Most Favored Nation-Prinzip. Expert:innen des IGES-Instituts haben sich mit Hintergründen und Auswirkungen auf Deutschland befasst. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff

An Arzneimitteln sparen: So koppelt sich Deutschland vom medizinischen Fortschritt ab

Die Vereinigten Staaten zahlen im internationalen Vergleich zu viel für neue Medikamente, Europa entzieht sich der Verantwortung, findet US-Präsident Donald Trump. Mit seiner Arzneimittelpreispolitik nach dem Most Favored Nation-Prinzip will er das ändern. In einem Webinar ordneten Fachleute des IGES-Instituts die aktuellen Fakten ein. Vertreter aus der Pharmabranche zeigten sich besorgt. „Wir wollen unsere Präparate zu Verfügung stellen“, hieß es. Doch das dürfte in Deutschland zunehmend schwierig werden, wenn die Bundesregierung ihrem Sparkurs treu bleibt und die Wettbewerbsfähigkeit nicht weiter stärkt.
Internationaler Druck nimmt zu, Deutschland schwächt sich selbst, sagt der vfa. Foto: iStock.com / Elif Bayraktar
Im Vergleich: Das US-Versicherungssystem gleicht einem „Flickenteppich“. Foto: iStock.com / Elif Bayraktar

„Wir haben andere Länder auf der ganzen Welt subventioniert“, kritisierte Trump im Mai 2025. Dass Nationen wie Deutschland die Preise von Arzneimittelinnovationen drücken, führte in den Augen des US-Präsidenten in der Vergangenheit dazu, dass die Amerikaner:innen umso mehr dafür bezahlten. Schließlich muss sich die Forschung und Entwicklung refinanzieren. Hat er damit Recht? Tatsächlich machen die USA – bei einem Bevölkerungsanteil von fünf Prozent – 67 Prozent des weltweiten Markts für innovative Arzneimittel aus, erklärte Juna Hertlein, Expertin für „Pricing & Access Strategy“ beim IGES-Institut. Europa kommt auf knapp 20 Prozent, Deutschland auf vier Prozent.

Um noch mehr Klarheit zu schaffen, hat das IGES-Institut Arzneimittelpreise verglichen. Dazu braucht es unterschiedliche Analysen: Denn das US-Versicherungssystem gleicht einem „Flickenteppich“, so Hertlein; je nach Versicherungssegment fallen die Preise für Arzneimittel unterschiedlich aus.

  • Aber generell zeigt sich: „Im Vergleich über sechs Jahre (2018–2023) und einer Auswahl an Vergleichsländern (Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Vereinigtes Königreich) liegen die Milligramm-Listenpreise innovativer, in allen Märkten verfügbarer Produkte, in den USA im Mittel um das 3,2-fache höher als in den Vergleichsstaaten – mit steigender Tendenz“, schreibt das IGES.
  • Auch bei den US-Listenpreisen (WAC) ist die Diskrepanz zu Deutschland „kontinuierlich steigend. Im Mittel über die Jahre betrug der Faktor 3,8; im Jahr 2023 lag er bei 4,7.“
  • Und ein Blick auf den US-amerikanischen ASP – also den Durchschnitt der tatsächlichen Verkaufspreise abzüglich gewährter Rabatte – offenbart ebenfalls: Die Unterschiede zum deutschen Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmers (ApU) nehmen zu. Zum Zeitpunkt des Markteintritts liegt der Preis in den USA 70 Prozent höher als hierzulande. Nach den hiesigen Erstattungsbetragsverhandlungen ist der US-Preis sogar 160 Prozent teurer.

Dr. Tilo Mandry, Lead International Liaison Manager bei IGES, fasste zusammen: „Der US-Markt trägt überproportional zur Finanzierung von Arzneimittelinnovationen bei.“

Most Favored Nation“: Auswirkungen auf Deutschland

„Most Favored Nation“: Auswirkungen auf Deutschland
Deutschland: Innovationen gelangen bislang vergleichsweise schnell und umfassend in die Versorgung. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff

Im Mai 2025 hatte Trump vor diesem Hintergrund einen Präsidialerlass unter dem Titel „Delivering Most-Favored-Nation Prescription Drug Pricing to American Patients“ unterzeichnet. Das Ziel: die US-Arzneimittelpreise auf das Niveau anderer großer Industrienationen senken. Im Juli 2025 wurden 17 führende, global tätige Pharmaunternehmen „aufgefordert, künftig für neue Produkte MFN-Preise anzubieten, für Medicaid Preise auf MFN-Niveau zu senken, erheblich in den USA zu investieren und außerdem einen Direktvertrieb von Arzneimitteln zuzulassen. Im Falle einer Weigerung wurden Strafzölle angedroht“, erläuterte Mandry. In der Folge trafen Firmen und Politik vertrauliche Vereinbarungen. Parallel dazu wurde „das Innovation Center der Centers for Medicare & Medicaid Services“ beauftragt, verschiedene Zahlungsmodelle zu erarbeiten, nach denen die MFN-Preisreferenzierung künftig umgesetzt werden soll. „Bei allen Modellen bestehen gegenwärtig Unsicherheiten“, weiß Mandry. Eines ist in Kraft, für die anderen beiden Vorhaben liegen Entwürfe für Pilotprojekte vor. Aber: „Das Ziel ist klar, die Umsetzung beginnt“, die „Entschlossenheit der US-Regierung“ sei „ungebremst“.

Webinar des IGES-Instituts
Webinar des IGES-Instituts. Foto: PF

Weil Innovationen hier bislang vergleichsweise schnell und umfassend in die Versorgung gelangen, kommt Deutschland eine Sonderrolle zu. Es gilt laut IGES-Institut europaweit als das einzige Land, dessen verhandelten Netto-Erstattungsbeträge öffentlich einsehbar sind. Anderswo nehmen die Verfahren der Arzneimittel-Bewertung und Preisverhandlung zudem teils viel Zeit in Anspruch, „da sind 1,5 Jahre gar keine Ausnahme“. Die deutschen Preise „liegen sehr frühzeitig vor“; das macht sie für eine MFN-Referenzierung besonders geeignet.

„Wenn der deutsche Preis künftig direkt dazu beiträgt, den deutlich größeren und margenstärkeren US-Marktpreis abzusenken, könnten Hersteller sich als Folgewirkung veranlasst sehen, den Zeitpunkt der Markteinführung und die Preisbildungsstrategien neuer, innovativer Arzneimittel in Deutschland neu zu bewerten“, so Mandry und Hertlein. Schließlich tragen sie als privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen dafür Sorge, dass sich ihre getätigten Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) refinanzieren und sie weiterhin in der Lage sind, an den Innovationen von morgen zu arbeiten.

Weniger innovative Arzneimittel für Deutschland

Weniger innovative Arzneimittel für Deutschland
MFN-Politik: Die absehbaren Folgen sind besorgniserregend. Foto: ©iStock.com/fizkes

Dr. Marco Penske, Head Market Access & Healthcare Affairs bei Boehringer Ingelheim, sagte zur MFN-Thematik: „Für uns stellt das eine Zäsur der Preisbildung dar – auch für ein deutsches Familienunternehmen wie Boehringer Ingelheim, das hier viel forscht, entwickelt und produziert.“ Die USA seien „der mit großem Abstand wichtigste Markt.“ Sie refinanzieren „auch für ein Unternehmen wie uns einen großen Teil der F&E-Ausgaben.“ Die „Trends“ mit Blick auf die MFN-Politik seien „eindeutig und besorgniserregend. Eine absehbare Folge ist, dass Patient:innen in Deutschland künftig weniger Zugang zu innovativen Arzneimitteln haben werden als Menschen in den USA.“

Schon heute sind 33 Prozent der in den USA zugelassenen neuen Medikamente nicht in Deutschland zugelassen. Und 21 Medikamente, die in den vergangenen fünf Jahren zugelassen wurden, sind hier nicht in die Versorgung gekommen. „Wir haben ein Arzneimittel gegen eine seltene Hauterkrankung, das wurde 2023 in Deutschland vom Markt genommen, ist allerdings in den USA verfügbar“, so Penske. „Wir haben ein anderes Medikament gegen eine Untergruppe von Lungenkrebspatienten: In den USA längst verfügbar; in der EU und in Deutschland: 2028. Frühestens.“ Auch beim forschenden Pharmaunternehmen Bristol Myers Squibb (BMS) gibt es solche Fälle: 2022 erhielt ein Medikament gegen das maligne Melanom die Zulassung, in den USA wurde es eingeführt und gilt als „Goldstandard“ in der Behandlung. In Deutschland kam es – nach Inkrafttreten des aus Sicht der Industrie innovationsfeindlichen GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes – zunächst nicht in die Versorgung. Immerhin: Seit April 2026 ist es verfügbar – mit jahrelanger Verspätung.

große Differenzen bei den Arzneimittelpreisen
Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz schwächt den Pharmastandort Deutschland. Foto: ©iStock.com/yavdat

Angesichts der großen Differenzen bei den Arzneimittelpreisen forderte Penske: „Wir brauchen eine neue Balance zwischen USA und Deutschland, aber auch Europa. Stattdessen werden in Deutschland mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz die Preise weiter gedrückt. Der dynamische Herstellerabschlag und drastische Preis-Mengen-Rabatte erhöhen das Risiko für Markteinführungen in Deutschland weiter. Das beeinträchtigt nicht nur die Versorgung von Patient:innen, sondern schadet auch dem Wirtschafsstandort. Denn warum sollen Unternehmen hier forschen, in klinische Studien investieren, Ärzte schulen, Produktionskapazitäten aufbauen, wenn die neuen Produkte am Ende des Tages gar nicht in diesem Markt verfügbar sind?“ Dierk Neugebauer, Mitglied der Geschäftsleitung und Vice President Market Access Deutschland bei BMS, sagte: „Wenn es so weitergeht, wird es einen schleichenden Prozess geben, dass nicht mehr alle Innovationen in Deutschland ankommen. Und das macht mir persönlich – jeder hat Betroffene in der Familie – Sorgen“. Er betonte: „Wir wollen diese Produkte in Deutschland zur Verfügung stellen, wir werden als deutscher Vorstand alles dafür tun, […] aber wir brauchen Unterstützung aus der Politik, aber auch von den Krankenkassen, den Kostenträgern und den Patienten.“

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