In solch turbulenten Zeiten Bundestagsabgeordnete:r sein: Keine Frage, einfach ist das nicht. Die Politiker:innen stehen vor enormen Herausforderungen – Rechtsruck, geopolitische Umwälzungen, Kriege und Krisen, eine alternde Gesellschaft und schwächelnde Wirtschaft. Eines der Themen, die die Regierung besonders umtreiben: Es gilt, das Gesundheitssystem so umzugestalten, dass es aus seiner Finanzkrise herauskommt und gleichzeitig eine gute Versorgung für die Patient:innen gewährleistet. Das mit der Finanzkrise – das soll kurzfristig ein GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz (BStabG) lösen, so der Plan. Doch die Sache mit der guten Versorgung könnte dabei auf der Strecke bleiben. Denn der Gesetzentwurf enthält Sparmaßnahmen im Arzneimittelbereich, die „Innovation, Versorgung und Standortattraktivität“ schwächen, betont der vfa.

Auf LinkedIn schreibt der Verband: „Liebe Bundestagsabgeordnete, Sie entscheiden jetzt darüber…“
- „ob lebensrettende neue Medizin zuerst in Deutschland verfügbar ist. Oder wir in der Warteschlange der Welt hintenanstehen“,
- „ob Pharma ein Motor für Jobs und Wachstum bleibt. Oder wir den Abbau einer weiteren Schlüsselbranche einleiten“,
- „ob wir unsere Pharma-Souveränität verteidigen. Oder unsere Gesundheit in die Hände anderer legen.“
Dass das nicht übertrieben ist, verdeutlicht ein Blick auf die Zahlen. Demnach steht es um den Pharmastandort schon heute schlechter, als viele Menschen wohl vermuten würden:
- Laut einer Studie von Charles River Associates werden 33 Prozent der in den USA zugelassenen neuen Medikamente nicht in Deutschland zugelassen. Darunter sind Präparate, die in den Staaten den Status eines medizinischen Durchbruchs haben – für die Menschen hierzulande sind sie über den regulären Weg nicht verfügbar.
- 21 Medikamente, die in den vergangenen fünf Jahren für Europa zugelassen wurden, sind nicht in die hiesige Versorgung gekommen. Die Tendenz ist steigend, weiß der vfa.
- Mehr als 20 Prozent der neuen Medikamente werden nicht in Deutschland erprobt. Künftig dürfte der Anteil steigen, prognostiziert der Verband.
„Entscheidet der Bundestag über weitere Rabatte bei neuen Arzneien, könnten Patient:innen künftig vor allem die billigste Therapie bekommen, nicht die beste“, fürchtet der vfa. Die Qualität der Versorgung werde schlechter.
BStabG: Folgen für Wirtschaft und Wissenschaft

37,6 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung hat die pharmazeutische Industrie zuletzt über alle Lieferketten hinweg erwirtschaftet. „180.000 Euro Wertschöpfung schafft jeder Beschäftigte“. Laut vfa ist das „doppelt so viel wie der Durchschnitt aller Industrien“. Außerdem sorgt Pharma für rund 300.000 Jobs in verschiedenen Branchen. „Jeder 80. Arbeitsplatz in Deutschland hängt an der Pharma-Industrie“, heißt es. Die im BStabG geplanten Maßnahmen „machen Investitionen in Jobs und Produktionsanlagen für Unternehmen unkalkulierbarer.“ Pharma als Wirtschaftsmotor gerate „ins Stottern“.
Das betrifft auch die Wissenschaft. Im Jahr 2024 starteten pharmazeutische Unternehmen 541 klinische Studien in Deutschland – damit liegt die Bundesrepublik weltweit auf Platz 5. Klingt nicht schlecht? 2016 waren es noch 641 Studien – das entsprach dem zweiten Platz direkt nach den USA. Jede Studie, die nicht hierzulande, sondern anderswo stattfindet, steht für verpasste Chancen: Den Patient:innen entgeht die Möglichkeit einer frühzeitigen Behandlung mit einem innovativen Wirkstoffkandidaten. Die hiesigen Mediziner:innen gestalten den medizinischen Fortschritt nicht aktiv mit – die Expertise wird anderswo aufgebaut. Der Wirtschaftsstandort leidet darunter: Denn 9,6 Milliarden Euro geben die forschenden Pharma-Unternehmen jährlich für Forschung und Entwicklung aus. Das hat ökonomische Auswirkungen, die weit über diesen Wert hinausgehen – schließlich generiert das Aufträge, Jobs und Einkommen bei Studienzentren, Dienstleistern und Zulieferern. Und: Innovationen made in Germany sind auch deshalb wichtig, weil sie für Souveränität sorgen. Die Alternative ist, so der vfa: „Medizinischer Fortschritt wird künftig aus dem Ausland diktiert.“
Der Druck auf die Bundestagsabgeordnete ist also groß: „Sie stellen jetzt wichtige Weichen für den Pharma- und Forschungsstandort Deutschland. Für die Versorgungssicherheit von Patient:innen und für eine Branche, die Forschung, Produktion und hochqualifizierte Beschäftigung am Standort verbindet. Aus Sicht der forschenden Pharma-Unternehmen ist klar: Deutschland braucht eine Politik, die Innovation ermöglicht, Versorgungssicherheit stärkt und den Forschungs- und Produktionsstandort wettbewerbsfähig hält“, fordert der Pharmaverband. Der Entwurf zum BStabG ist aktuell eher das Gegenteil davon.
Weitere News

Mehr klinische Studien: Für die Zukunft der Medizin, für die Wirtschaft
Eigentlich müsste sich die Politik viel stärker als bisher dafür einsetzen, mehr klinische Studien nach Deutschland zu holen. Denn dann würden nicht nur mehr Patient:innen frühzeitig von innovativen Behandlungsansätzen profitieren. Gleichzeitig würde das auch bedeuten: Die Mediziner:innen hierzulande gestalten den medizinischen Fortschritt entscheidend mit; sie erlangen dadurch Expertise, die weltweit gefragt ist. Und auch für die Wirtschaft wäre das gut. Schließlich bringt jede Studie enorme Investitionen in den Standort mit sich.

GKV-Spargesetz: Von „Taschenspielertricks“ und „Deindustrialisierung“
Die Bundesregierung hat den Entwurf für das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz durchs Kabinett gebracht. Laut Gesundheitsministerin Nina Warken schafft das „die Grundlage für die nachhaltige finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung.“ Diese Sicht hat die Regierung relativ exklusiv: Während der AOK-Bundesverband von „Taschenspielertricks auf Kosten der Beitragszahlenden“ spricht, ist die Pharmaindustrie entsetzt. „Wird dieses Gesetz so verabschiedet, wird Deutschland einen weiteren Schritt in Richtung De-Industrialisierung machen“, so der Vorsitzende des Pharmaverbands BPI, Oliver Kirst.

Klinische Studien: Moderne Medizin braucht Menschen – nicht nur Labore
Klinische Studien sind die Brücke zwischen einer wissenschaftlich fundierten Idee zur Behandlung einer Krankheit und der Frage, ob sie in der medizinischen Versorgung funktioniert. Auch wenn Deutschland in den vergangenen Jahren an Boden verloren hat; es ist weltweit immer noch ein attraktiver Studienstandort. Allerdings sind die Menschen im Land ausgesprochene Studienmuffel: Pro eine Million Einwohner:innen sind es nur 33 Studien; beim Spitzenreiter Dänemark sind es hingegen fast 200. Eine Kampagne der FUNKE Mediengruppe will das ändern.
