Die Bundesregierung hat den Entwurf für das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz durchs Kabinett gebracht. Foto: ©iStock.com/jotily
Die Bundesregierung hat den Entwurf für das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz durchs Kabinett gebracht. Foto: ©iStock.com/jotily

GKV-Spargesetz: Von „Taschenspielertricks“ und „Deindustrialisierung“

Die Bundesregierung hat den Entwurf für das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz durchs Kabinett gebracht. Laut Gesundheitsministerin Nina Warken schafft das „die Grundlage für die nachhaltige finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung.“ Diese Sicht hat die Regierung relativ exklusiv: Während der AOK-Bundesverband von „Taschenspielertricks auf Kosten der Beitragszahlenden“ spricht, ist die Pharmaindustrie entsetzt. „Wird dieses Gesetz so verabschiedet, wird Deutschland einen weiteren Schritt in Richtung De-Industrialisierung machen“, so der Vorsitzende des Pharmaverbands BPI, Oliver Kirst.
Warnt vor weiterer De-Industrialisierung: Oliver Kirst, BPI-Vorsitzender (Foto: ©BPI/Rafalzyk)
Warnt vor weiterer De-Industrialisierung: Oliver Kirst, BPI-Vorsitzender (Foto: ©BPI/Rafalzyk)

Der Entwurf sieht einen „dynamisierten“ Herstellerrabatt auf Arzneimittelinnovationen vor, der im Nachhinein nach oben angepasst werden kann, wenn die Ausgaben der GKV für Arzneimittel den vorher verabredeten Rahmen überschreiten. Für den BPI-Chef ist das „ein Stoppschild für medizinischen Fortschritt“. „Arzneimittelhersteller werden künftig eine Strafgebühr zahlen, wenn sie mit neuen Präparaten Therapien und damit Heilungschancen verbessern, Leben verlängern oder gar retten.“ Dabei lässt sich mit Arzneimitteln Geld sparen: Wenn sie dazu beitragen, dass Komplikationen einer Erkrankung und langwierige Krankenhausaufenthalte vermieden werden. Oder wenn sie wie im Fall von Impfstoffen Krankheiten (und somit Arzt- und Klinikbesuche) verhindern, bevor sie entstehen. Oder wenn sie chronische Leiden so gut behandelbar machen, dass die Betroffenen trotz Erkrankungen arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Durch den Herstellerrabatt werden Arzneimittel auf ihre direkten Kosten reduziert; es werden neben dem individuellen Nutzen für die Behandelten die gesamtgesellschaftlichen Effekte ausgeblendet.

Herstellerabschläge: Eine teure Variante des Sparens

vfa-Präsident Han Steutel. Foto: © vfa / B. Brundert
vfa-Präsident Han Steutel. Foto: © vfa / B. Brundert

Mit dem „dynamisierten“ Herstellerrabatt werden Investitionen schlicht „unkalkulierbar“, ergänzt der Pharmaverband vfa. Und gerade mit Blick auf die geopolitischen Verschiebungen sagt vfa-Chef Han Steutel: „Jobs werden künftig nicht in Deutschland, sondern dort aufgebaut, wo Wachstum für Innovationen möglich ist.“ Dabei ist die Faktenlage relativ eindeutig: An Arzneimitteln sparen ist in der Regel kontraproduktiv. Darauf deuten Studien und Untersuchungen wie jene des BASYS-Instituts im Auftrag der Pharmainitiative Bayern hin. Demnach könnte einer Anhebung des Herstellerabschlag in Höhe von einem Euro ein volkswirtschaftlicher Wertschöpfungsverlust von bis zu 3,80 Euro gegenüberstehen. Denn ein erhöhter Zwangsrabatt, der die Einnahmen der Pharmaunternehmen mindert, hat nicht nur Auswirkungen auf deren Wertschöpfung, sondern auch auf die Wertschöpfung vorgelagerter Wirtschaftsbereiche. Und er entzieht den Firmen Mittel, die sie sonst in die Forschung an den Arzneimitteln von morgen hätten stecken können. Statt mit Arzneimitteln wird nun wieder an Arzneimitteln gespart.

Gerade weil man dies verhindern wollte, hat die Ampel-Regierung die Pharmastrategie verabschiedet, die von der Merz-Regierung bekräftigt wurde. Im Koalitionsvertrag heißt es wenig bescheiden: „Wir werden Deutschland zum weltweit innovativsten Chemie-, Pharma- und Biotechnologiestandort machen.“ Der Koalitionsvertrag sei ganz offensichtlich nicht mehr Grundlage der Regierungspolitik, so der BPI trocken. Statt die pharmazeutische Industrie als „Leitindustrie“ zu stärken, wie es dort heißt, geschehe das genaue Gegenteil.

Ausnahmeregelungen: „Reine Kosmetik“

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken: „Wir schaffen die Grundlage für die nachhaltige finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung". Foto: BMG / Jan Pauls
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken: „Wir schaffen die Grundlage für die nachhaltige finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung“. Foto: BMG / Jan Pauls

Auf der Zielgeraden der Beratungen hat es noch eine Ausnahmeregelung in den Entwurf geschafft. Demnach sind laut Pressemitteilung des Bundesgesundheitsministeriums von dem Zwangsrabatt u. a. neu eingeführte Arzneimittel ausgenommen, „die in Deutschland in klinischen Prüfungen waren bzw. bei denen der Wirkstoff auch in Deutschland produziert wird.“ Diese Regelung werde aber kaum greifen, sagt der vfa voraus: „Weil in einer globalen Organisation kein Produkt nur an einem Standort erforscht, produziert und gelagert wird. Ein ´Deutschland-Rabatt`, der keiner ist, ist reine Kosmetik.“

Aus Sicht der pharmazeutischen Industrie sind auch die geplanten Rabattverträge für „therapeutisch vergleichbare“ patentgeschützte Arzneimittel innovationsfeindlich. Das erklärte Ziel der Maßnahme ist es, auch in diesem Bereich mehr Preiswettbewerb sicherzustellen. Für den vfa ist das ein „grundlegender Systemwechsel.“ Therapieentscheidungen würden damit „künftig vorrangig an Preiskriterien ausgerichtet. Die Konsequenz: Über den Zugang zu innovativen Arzneimitteln entscheidet immer weniger der medizinische Nutzen, sondern zunehmend der günstigste Preis.“ Und Oliver Kirst sagt: „Wir haben im Generika-Markt gesehen, was ein Rabattvertragssystem, das ausschließlich auf den Preis fixiert ist, anrichten kann: Lieferengpässe, zunehmende Abhängigkeit von Produzenten aus Asien, vor allem China. Das Problem Lieferengpässe wird sich so noch verschärfen, die Versorgung betroffener Patienten noch weiter verschlechtern.“

Kopfschütteln herrscht auch über die Entscheidung, Abschläge auf Impfstoffe einzuführen. Angesichts des Nachholbedarfs gerade im Bereich der Prävention und den sinkenden Impfquoten ist diese Sparmaßnahme „völlig unverständlich“, findet der vfa.

GKV-Spargesetz: „Deutschland schwächt sich selbst“

Anders als von Krankenkassen-Seite oft zu hören ist, sind diese zusätzlichen Belastungen für die Industrie „enorm – gerade mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit“, so Steutel. Schon heute trägt die Pharmabranche mit rund 29 Milliarden Euro pro Jahr zur GKV-Finanzstabilisierung bei – denn es gibt bereits über 30 verschiedene Regulierungsinstrumente, die die Arzneimittelpreise drücken sollen. Nun kommen weitere Sparmaßnahmen hinzu in einer Zeit, in der die Branche weltweit vor großen Herausforderungen steht. Die Spielregeln globaler Industrien würden sich ohnehin bereits spürbar verändern – „insbesondere durch die US-Politik aus Preisreferenzierung und Zöllen“. Umso problematischer sei es, wenn Deutschland jetzt zusätzlich Standortunsicherheit erzeugt.

Erst vor kurzem hatte der vfa erklärt: „Wenn US-Preise auf niedrigere Preisniveaus in Referenzmärkten Bezug nehmen, können zusätzliche Abschläge in Deutschland weit über den heimischen Markt hinauswirken. Damit steigt das Risiko, dass der Preisdruck in Deutschland auch internationale Preisauswirkungen auslöst und frühe Markteinführungen unattraktiver werden.“ Dabei entgeht schon heute den Patient:innen in Deutschland jedes dritte in den USA zugelassene neue Arzneimittel.

Und dann wäre da noch die Tatsache, dass die pharmazeutische Industrie eine der wenigen noch wachsenden Industrien in Deutschland ist. Wirtschaftlich ist sie also wichtiger denn je. 

Internationaler Druck nimmt zu, Deutschland schwächt sich selbst, sagt der vfa. Foto: iStock.com / Elif Bayraktar
Internationaler Druck nimmt zu, Deutschland schwächt sich selbst, sagt der vfa. Foto: iStock.com / Elif Bayraktar

Kritik am GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz kommt jedenfalls von allen Seiten. Und eine Forderung sticht über fast alle Akteur:innen im Gesundheitssystem hinweg besonders hervor: die Auslagerung der versicherungsfremden Leistungen bzw. der Beiträge für Bürgergeldbeziehende aus der Finanzierungsverantwortung der GKV. Der AOK-Bundesverband erklärt dazu, dass „die im ersten Schritt vorgesehene Anhebung der Bundesmittel zur Erstattung der Gesundheitskosten von Bürgergeldempfängern mit 250 Millionen Euro allenfalls symbolisch“ ausfalle. „Das ist keine konsistente Politik, sondern ein Taschenspielertrick auf Kosten der Beitragszahlenden.“ Hat die Politik am Ende ein Gesetz entworfen, das an den falschen Stellen spart, die wahren Probleme und Ineffizienzen im Gesundheitssystem nicht angeht und stattdessen die hiesige Gesundheitsversorgung und Wirtschaftskraft schmälert?

Weitere News:

Pharmaunternehmen schaffen Gesundheit sowie Wohlstand und sind Teil staatlicher Souveränität. Ihre Produkte als „Kostentreiber“ zu betrachten, greift zu kurz. Und schadet. Foto: iStock.com / anyaberkut

Ein Kostenfaktor? Die stille Systemrelevanz der Pharmaindustrie

Die Debatte über Arzneimittelpreise ist in Deutschland schnell emotional. Neue Medikamente gelten als „Kostentreiber“. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Sie blendet aus, dass die forschende Pharmaindustrie eine dreifache Funktion erfüllt: Sie produziert Gesundheit, sie schafft Wohlstand und sie ist Teil staatlicher Souveränität. Wer sie vor allem als Ausgabenfaktor betrachtet, unterschätzt ihre systemische Bedeutung. Und schadet dem Land.

Weiterlesen »
Wird die Pharmaindustrie von Sparmaßnahmen überproportional belastet, kostet das Investitionen sowie Innovationskraft in Deutschland und verschlechtert die Patient:innen-Versorgung. Foto: ©iStock.com/AndreyPopov

GKV-Sparpaket: Warum Deutschland die Pharmaindustrie verlieren könnte

Um das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz ist eine hitzige Diskussion entbrannt: Abgesehen von den Krankenkassen scheint niemand im Gesundheitssystem zufrieden zu sein. Auch die Pharmaindustrie nicht: Schon heute belasten zahlreiche Sparmaßnahmen die Unternehmen. Die nun zusätzlich geplanten Eingriffe in die Arzneimittelpreisregulierung bringen das Fass womöglich zum Überlaufen: Deutschland drohe die Pharmabranche zu verlieren, heißt es aus der Industrie. Macht die Bundesregierung keine Kehrtwende, könnte die Zahl der neuen Medikamente, die es nicht in die hiesige Versorgung schaffen, zunehmen.

Weiterlesen »
„Verpasste Chance“ und Rotstift mit der „Schrotflinte“ – der BPI kritisiert die Pläne der Bundesregierung zur GKV-Stabilisierung. Foto: ©iStock.com/ipopba

GKV-Reform mit der „Schrotflinte: Es trifft alle – außer den Bund“

Seit Freitag vergangener Woche kursiert der Referentenentwurf der Bundesgesundheitsministerin zur Finanzreform der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), der noch diesen Monat durch das Kabinett soll. Für den Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) ist er „eine verpasste Chance für mehr Gerechtigkeit.“ Die Pharmaunternehmen – in der Nationalen Pharmastrategie noch zur „Leitindustrie“ erhoben – sind entsetzt.

Weiterlesen »

Verwandte Nachrichten

Anmeldung: Abo des Pharma Fakten-Newsletters

Ich möchte per E-Mail News von Pharma Fakten erhalten:

© Pharma Fakten e.V.
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und dienen dazu, Sie wiederzuerkennen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und unserem Team zu helfen, zu verstehen, welche Bereiche der Website Sie am interessantesten und nützlichsten finden.