Die Fakten
- Mit rund 29 Milliarden Euro hat die Pharmaindustrie 2025 zur GKV-Finanzstabilisierung beigetragen.
- In Deutschland gibt es über 30 verschiedene Preisregulierungsinstrumente, die die Firmen belasten. Darunter ist ein Herstellerabschlag von 7 % auf patentgeschützte Medikamente.
- Würde die Politik den Herstellerabschlag weiter erhöhen, dürfte das volkswirtschaftlich mehr schaden als nützen. Einer Rabattanhebung von 1 Euro könnte ein volkswirtschaftlicher Wertschöpfungsverlust von bis zu 3,80 Euro gegenüberstehen.
Mit rund 29 Milliarden Euro hat die pharmazeutische Industrie allein im Jahr 2025 zur finanziellen Stabilisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) beigetragen. Denn in Deutschland gibt es über 30 verschiedene Preisregulierungsinstrumente, die die Firmen belasten (s. BPI). Beispielsweise sind die Arzneimittelhersteller gesetzlich dazu verpflichtet, den Krankenkassen für ihre Präparate einen Rabatt von aktuell sieben Prozent für patentgeschützte Medikamente zu gewähren. Eine Erhöhung auf 14 Prozent könnte 2027 zusätzlich 2,27 Milliarden Euro seitens der Krankenkassen einsparen, so der aktuelle Vorschlag der „FinanzKommission Gesundheit“. Würde die Politik darüber hinaus den Herstellerabschlag ab 2028 „dynamisieren“, also jährlich je nach Entwicklung der Arzneimittelausgaben anpassen, könnte sich die Finanzwirkung bis 2030 insgesamt auf rund 5,2 Milliarden Euro belaufen, heißt es in einem Bericht, den ein zehnköpfiges Team an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken übergeben hat.
Erhöhter Herstellerabschlag: 1 Euro „gespart“, 3,80 Euro eingebüßt

Perfekt, um das Loch in den GKV-Finanzen (ein bisschen) zu stopfen? Der Schein trügt. Die BASYS Beratungsgesellschaft für angewandte Systemforschung hat im Auftrag der Pharmainitiative Bayern untersucht, welche gesamtwirtschaftlichen Effekte zu erwarten sind, wenn der Herstellerabschlag erhöht wird – dazu haben die Autor:innen des Gutachtens eine Anhebung auf 16 Prozent angenommen.
In einem ersten Szenario „wird unterstellt, dass der Rabatt ausschließlich zur Schuldentilgung verwendet bzw. dem Kassenbestand zugeführt wird. Also, dass er nicht zur Minderung des Beitragssatzanstiegs verwendet wird“, heißt es. Das Ergebnis: Ein erhöhter Zwangsrabatt, der die Einnahmen der Pharmaunternehmen mindert, hat nicht nur (direkte) Auswirkungen auf deren Wertschöpfung, sondern auch (indirekt) auf die Wertschöpfung vorgelagerter Wirtschaftsbereiche. Hinzu kommen negative induzierte Effekte, die beispielsweise damit zusammenhängen, wie Beschäftigte ihr Einkommen verwenden bzw. nicht verwenden, weil es gar nicht erst entsteht. Über den Zeitraum von 2026 bis 2030 berechnet BASYS so einen „kumulierten nominalen Wertschöpfungsverlust von insgesamt 48,1 Milliarden Euro“. Gleichzeitig geht BASYS von nur rund zehn Milliarden Euro an Einsparungen aus, die die Anhebung auf 16 Prozent einbringt. Das heißt: Eine Rabatterhöhung von einem Euro hat negative Einkommenseffekte von 3,80 Euro. So kann Sparen richtig teuer werden. Und damit nicht genug: Über die fünf untersuchten Jahre gehen (direkt, indirekt und induziert) rund 106.400 Erwerbsjahre verloren, also 21.000 Vollzeitarbeitsstellen.
In Szenario 2 verwendet die GKV „die zusätzlichen Mittel nicht zur Defizitminderung, sondern zur Beitragssatzdämpfung, d.h. sie bezahlt die Rabatte an die Versicherten aus“. Neben dem „innovationsfeindlichen Effekt der Rabattanhebung“ gebe es also „wachstumsfreundliche Effekte für Investitionen und Konsum in der Nicht-Gesundheitswirtschaft“ – denn die Beschäftigten haben mehr Nettoeinkommen, mehr Kaufkraft. Und trotzdem ist die Bilanz am Ende negativ: Einer Rabatterhöhung von einem Euro steht ein volkswirtschaftlicher Wertschöpfungsverlust von 2,50 Euro gegenüber. Bis 2030 würden rund 13.000 Vollzeitstellen verloren gehen.
Beide Szenarien bilden „keine Lösung für die GKV-Finanzierungsprobleme“, so das BASYS-Institut. „Szenarium 1 gibt nur ganz kurzfristig eine Entlastung. Bereits mittelfristig gehen die Rabatte auf Kosten des Industriestandorts Deutschland und generieren damit nicht die notwendigen Arbeitseinkommen zur Sicherung der Beitragsstabilität.“ In Szenarium 2 bleibt das Finanzierungsdefizit als Folge der Beitragssatzminderung bestehen.
Herstellerabschlag: weniger Investition, Forschung und Fortschritt

Zudem fürchten die Autor:innen, dass ein erhöhter Abschlag „längerfristig zu einer schlechteren Versorgungslage“ führen könnte, „da sich das Angebot an innovativen Arzneimitteln verringert.“ BASYS verweist auf diverse Studien: Eine solche Sparpolitik hat demnach „unmittelbare Effekte auf die Forschungsinvestitionen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“ (s. Pharma Fakten).
Sogar die FinanzKommission Gesundheit skizziert in ihrem Bericht die möglichen Gefahren. „So heißt es, dass die Regelung sich auf den Zugang zu patentgeschützten Medikamenten bzw. die Zeit bis zum Zugang auswirken kann. Der Bericht blendet diese Gefahren jedoch aus und stuft die Empfehlung in der Kategorie A (ohne erwartbare Auswirkung auf die Qualität der Versorgung) ein“, kritisiert der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Angesichts „der volatilen geopolitischen Lage (insbesondere mit Blick auf die amerikanische Handels- und Arzneimittelpreispolitik)“ sei Stabilität wichtiger denn je. Der Vorschlag, den Herstellerabschlag nicht nur zu verdoppeln, sondern auch noch zu „dynamisieren“, ist da zusätzlich kontraproduktiv: Das „würde die Erstattungsbedingungen in Deutschland für die forschenden Pharmaunternehmen noch weniger planbar machen und obendrein zu einem klaren Bruch mit dem Kernprinzip einer nutzenbasierten Preisverhandlung führen. Das Ergebnis wäre, dass der Pharmastandort Deutschland ausgerechnet zum Zeitpunkt epochaler Herausforderungen noch unattraktiver wird.“
Lösung der GKV-Krise muss nicht zulasten des Pharmastandorts gehen

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Tatsache ist: Insgesamt hat die FinanzKommission Gesundheit über 60 Reformempfehlungen vorgelegt. Die Lösung der GKV-Finanzkrise muss nicht zulasten eines Pharmastandorts gehen, der Wirtschaftsfaktor, Motor des medizinischen Fortschritt und Basis für eine möglichst unabhängige Gesundheitsversorgung ist. Allein in Bayern sorgt die pharmazeutische Industrie für 35.000 Arbeitsplätze (Tendenz steigend) und trägt zu rund einem Drittel des gesamtwirtschaftlichen Wachstums bei. Médard Schoenmaeckers, Deutschlandchef bei Boehringer Ingelheim, erklärte jüngst: „Wir müssen uns die Frage stellen: Was ist uns Gesundheitsversorgung wert?“ Und: „Wollen wir nur niedrige Arzneimittelpreise oder wollen wir Versorgungssicherheit?“
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