Über 80 Prozent der deutschen Arzneimittelversorgung besteht aus patentfreien Medikamenten: Doch zwei Drittel aller generischen Wirkstoffe werden heutzutage in Asien produziert. Was ist in einer Krisensituation, was ist bei Krieg? Komplett abhängig sein von anderen Ländern wie China oder Indien: Das kann sich dann niemand wünschen. Für patentgeschützte Innovationen gilt das ähnlich. Die meisten neuen Wirkstoffe führt China zum allerersten Mal auf den Weltmarkt ein (2024: 28 Präparate), danach kommen die USA (25) und erst auf Platz 3 liegt Europa (18). Wenn Europa, wenn Deutschland nicht aufholt (oder gar weiter zurückfällt) und es nicht gelingt, die Souveränität zu stärken, kann das schwerwiegende Folgen für die Gesundheitsversorgung im Krisenfall haben. Und nicht nur das. Sechs Gründe, warum es wichtig ist, die Pharmaindustrie in Deutschland zu stärken (siehe Grafik):
1. Pharma stärkt die Innovationskraft

Rund 17 Prozent ihres Umsatzes reinvestiert die Branche in Forschungsprojekte. Keine andere Industrie hierzulande macht das in so einem Ausmaß. Das fördert den Wissenschaftsstandort insgesamt. Über 500 klinische Studien von Pharmaunternehmen pro Jahr in Deutschland stehen für über 500 Möglichkeiten, dass beteiligte Fachkräfte in Kliniken und Arztpraxen zu weltweit gefragten Expert:innen für die Medizin von morgen werden. Und sie stehen für zahlreiche Chancen, dass Menschen mit Erkrankungen wie Krebs Zugang zu neuen Behandlungsansätzen erhalten, lange bevor sie zugelassen und weltweit verfügbar sind. Mehr Arzneimittelinnovationen „Made in Germany“: Wenn eine alternde Gesellschaft auf Rohstoffarmut trifft, ist Innovationskraft essenziell, um im internationalen Wettbewerb bestehen und Wohlstand schaffen zu können.
2. Pharma stärkt die Gesundheit der Bevölkerung
2025 haben Pharmauternehmen 36 Medikamente mit neuen Wirkstoffen in die deutsche Versorgung gebracht – darunter Gentherapien gegen seltene Erkrankungen, Impfstoffe und Medikamente gegen Morbus Alzheimer. Krankheiten vermeiden oder Symptome lindern, Lebensqualität verbessern, Leben verlängern, manchmal sogar heilen – pharmazeutische Präparate können so einiges. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Arzneimittel zu 40 Prozent für die gestiegene Lebenserwartung der Bevölkerung verantwortlich sind.
3. Pharma stärkt das Gesundheitssystem
Und auch das Gesundheitssystem profitiert. „Moderne Medikamente senken sogar bestimmte Gesundheitskosten“, so Prof. Dr. Thomas Hammerschmidt, Dekan der Fakultät für Angewandte Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Rosenheim. Zum Beispiel haben sich „zwischen 2005 und 2020 die Zahl der Krankenhausaufenthalte bei vielen Erkrankungen in etwa halbiert – etwa bei Multipler Sklerose, Arthritis, Krebs oder HIV“.
4. Pharma stärkt die Gesellschaft
Mit heutigen Therapien erleiden Menschen mit Multipler Sklerose (MS) im Schnitt nur noch alle 10 Jahre einen Schub – statt jedes Jahr wie es ohne Behandlung zu erwarten wäre. Mit innovativen Arzneimitteln lassen sich Behinderungsprogression und das Angewiesensein auf Gehhilfen und Rollstuhl reduzieren. Solche Entwicklungen haben positive gesamtgesellschaftliche Folgen: Sie entlasten soziale Sicherungssysteme, mindern den (in einer alternden Gesellschaft enorm hohen) Pflegebedarf, fördern Teilhabe, Erwerbs- und Care-Arbeit sowie Ehrenamt.
5. Pharma stärkt die Krisenresilienz
Gesundheit ist die Basis, um als Gesellschaft gut für Krisen gewappnet zu sein. Dazu braucht es eine stabile Arzneimittelversorgung. Sebastian Schütze, Geschäftsführer Politik beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), erinnerte jüngst im Gespräch mit Pharma-Fakten.de an eine Situation während der COVID-19-Pandemie, als Lieferverträge von Indien ausgesetzt wurden, weil das Land die Medikamente selbst brauchte. Mehr Arzneimittel „Made in Germany“ sind daher wichtig: für mehr Unabhängigkeit, für bessere Verhandlungsmöglichkeiten.
6. Pharma stärkt die Wirtschaft
Die Pharmaindustrie gilt als eine besonders krisenfesteste Branche, die auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Arbeitsplätze sichern und schaffen kann. Rund 133.000 Menschen sind bei den Unternehmen in Deutschland beschäftigt. Die Industrie trägt mit etwa 30 Milliarden Euro pro Jahr zur Bruttowertschöpfung bei. Als Schlüsselindustrie strahlt sie mit ihren Tätigkeiten in andere Sektoren aus und kurbelt auch dort Beschäftigung und Produktion an.

Und: Die Impfstoffe und Arzneimittel, die Pharmaunternehmen entwickeln und verfügbar machen, ziehen weite Kreise. Denn Menschen, die gesund sind, können ihrem Alltag, einem Ehrenamt, einer Arbeit nachgehen – was zum Beispiel zu mehr Steuereinnahmen führt. Heute können 68 Prozent aller Patient:innen mit rheumatoider Arthritis im erwerbsfähigen Alter einer Erwerbstätigkeit nachgehen – 1997 waren es 42 Prozent. Der Eintritt in eine Erwerbsminderungsrente aufgrund von Krebs erfolgte 2020 rund vier Jahre später als noch 2005. Wenn Menschen trotz einer Erkrankung länger, mehr oder besser arbeiten können, dann stärkt es das Wirtschaftswachstum. Der überdurchschnittliche Krankenstand in Deutschland hat in den vergangenen vier Jahren zu einem Verlust an Wirtschaftsleistung von bis zu 160 Milliarden Euro geführt. Das zeigt, wieviel Potential darin steckt, mit verstärkter Prävention, Früherkennung und Behandlung die Gesundheit der Menschen zu fördern.
Pharmaindustrie stärken: Muss das sein? Unbedingt!
Von der Politik braucht die pharmazeutische Industrie eigentlich nur eins: gute, stabile Rahmenbedingungen. Und genau da gibt es Luft nach oben: Das wird nicht nur daran deutlich, dass generische Wirkstoffe kaum noch in Europa produziert werden. Darüber hinaus weist die EU im Vergleich zu den USA einen deutlichen Innovationsrückstand auf. Laut Pharmaverband vfa zeigt sich das „insbesondere in den längeren Zulassungsprozessen und der verzögerten Verfügbarkeit neuer Arzneimittel.“ Die Erstattungsbedingungen hierzulande spielen eine wichtige Rolle: „Je unattraktiver Leitmärkte wie Deutschland werden, desto größer wird der Innovationsrückstand der EU“, so der vfa. Die Gefahr ist, dass die „schnelle Einführung der Produkte“ dann „wirtschaftlich nicht tragfähig“ ist. Die potenzielle Folge: Menschen, die auf neue Therapien – vergeblich oder zu lange – warten. Dabei ist Zeit etwas, das schwerkranke Patient:innen in der Regel eher nicht haben.

Zwar schneidet Deutschland innerhalb von Europa besonders gut ab, was die Verfügbarkeit von neuen Medikamenten angeht. Aber das Arzneimittel-Nutzenbewertungsverfahren AMNOG braucht eine Reform, wenn sich das nicht ins Negative ändern soll: Die Bewertungsmethodik stammt aus 2011 und kommt immer wieder an Grenzen, wenn es darum geht, den Innovationscharakter von neuartigen Behandlungsformen zu erkennen und zu honorieren. Erschwerend steht die Branche vor großen geopolitischen Herausforderungen. Zu der Innovationsbilanz – 36 Neueinführungen in Deutschland 2025 – gehört die Wahrheit dazu, dass die „Zahl zugelassener, aber hierzulande nicht vermarkteter Medikamente wächst“ (O-Ton von vfa-Präsident Han Steutel).
Und wer genauer auf die klinische Forschung schaut, muss feststellen: Mit 541 Pharma-Studien belegte Deutschland 2024 nur Rang 5 im internationalen Vergleich – hinter den USA (2.196), China (1.387), Spanien (601) und Australien (556). 2016 war es noch Platz 2. Mehr Studien ins Land holen – das wäre gut für den Wissenschaftsstandort und die Patient:innen. Die Bundesregierung weiß das; politische Maßnahmen wie das Medizinforschungsgesetz zeigen erste Wirkung, der Pharma- und Medizintechnikdialog läuft weiter. Es gibt also Grund für Optimismus – unter einer Voraussetzung: Angesichts der GKV-Finanzkrise darf die Erkenntnis, dass die Pharmabranche die Bundesrepublik stärken kann, nicht kurzfristig gedachten, innovationsfeindlichen Arzneimittel-Sparmaßnahmen zum Opfer fallen.
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Gesundheitssystem: Auf Krieg und Krisen nicht gut vorbereitet
Ist das Gesundheitswesen und die Arzneimittelversorgung auf Krisensituationen vorbereitet? Der Pharmaverband BPI hat darauf eine klare Antwort: Sie lautet Nein – und hat eine Sicherheitsstrategie vorgelegt. Es ist ein „Weckruf für Deutschlands Versorgungssouveränität im Kriegs- und Krisenfall“. Angesichts geopolitischer Spannungen, erdrückender Abhängigkeiten von Wirkstoffen aus dem asiatischen Raum und neuer Bedrohungen wie Klimakrise und antimikrobiellen Resistenzen sieht der Verband die Versorgung mit Arzneimitteln als eine Frage nationaler und europäischer Sicherheit.

Warum eine starke Pharmabranche wichtig für Deutschland ist
Sie bietet zahlreiche Arbeitsplätze und gilt als besonders forschungsintensiv: Die aktuellen „Pharma-Daten“ des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zeigen einmal mehr, warum die Pharmabranche wichtig für die Bundesrepublik ist. Daraus geht aber auch hervor: Zu Stabilität und Sicherheit kann sie nur dann voll beitragen, wenn sie politisch gestärkt wird.

Studie zeigt: Innovation bei Arzneimitteln zieht weite Kreise
Wie sehr nützen innovative Arzneimittel den Patient:innen? Und welchen Beitrag leisten sie für die Wirtschaftskraft unseres Landes? Um solche Fragen ging es bei der Studie „InnovationsRadar“, die von dem Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos im Auftrag des Pharmaverbands vfa erstellt wurde. Wir haben mit Prof. Dr. Thomas Hammerschmidt, der die Studie als Wissenschaftlicher Beirat begleitet hat, über die Ergebnisse gesprochen – und darüber, was ihn am meisten daran überrascht hat.
