Der Verein LAWG hat das Projekt „Der Wert medizinischer Innovationen“ gestartet – Pharma-Fakten.de startet dazu eine Serie.
Der Verein LAWG hat das Projekt „Der Wert medizinischer Innovationen“ gestartet – Pharma-Fakten.de startet dazu eine Serie.

Pharmaforschung: Wie Innovation Krankheit besiegt

Arzneimittelinnovationen ermöglichen die Behandlung von Krankheiten, für die es bisher keine wirksame Therapie gab, und verbessern bestehende Behandlungen durch höhere Wirksamkeit und bessere Verträglichkeit. Sie spielen damit eine entscheidende Rolle für die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen. Um zu zeigen, wie sehr die Menschheit von medizinischen Innovationen profitiert, hat der Verein LAWG das Projekt „Der Wert medizinischer Innovationen“ gestartet, das Pharma Fakten in einer Serie aufgreift.
Neuartige Arzneimitteltherapien gelten als Kostenproblem
Der Anteil der GKV-Gesamtausgaben für Arzneimittel ist seit Jahrzehnten stabil. Foto: ©iStock.com/Victor Golmer

Neuartige Arzneimitteltherapien gelten als Kostenproblem – so geht zumindest das Narrativ der gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Deshalb wird ihnen in lauter Regelmäßigkeit ihr Nutzen abgesprochen und forschenden Pharmaunternehmen „obszöne Gewinne“ vorgeworfen. Die Kassen haben damit einigermaßen Erfolg – Gesetze wie das so genannte Finanzstabilisierungsgesetz (GKV-FinStG) wurden mit ausufernden Arzneimittelausgaben begründet, unbeschadet der Tatsache, dass der Anteil der GKV-Gesamtausgaben für Arzneimittel seit Jahrzehnten stabil ist. Die angekündigten Kostenexplosionen sind Legion, haben aber bisher lediglich in den Köpfen von Kassenmanager:innen stattgefunden. Das Problem ist nur: Der einseitige Fokus auf Preise hat medizinische, wirtschaftliche und soziale Folgen.

Es macht etwas mit einer Gesellschaft, wenn Innovationen reflexartig als „zu teuer“ abgelehnt werden. Denn wenn neue Ideen und Technologien nicht unterstützt werden, verharrt die Medizin beim Status quo, verliert das Land wissenschaftlich und wirtschaftlich an Wettbewerbsfähigkeit. Und dann muss jemand den Menschen erklären, warum eines der reichsten Länder der Welt nicht in der Lage sein soll, medizinischen Fortschritt am Krankenbett verfügbar zu machen. Diese Folgen gehen weit über die jährliche Budgetplanung einer GKV hinaus. Wenn „Innovation = teuer“ ist, dann setzt das Fehlanreize. Denn die Botschaft lautet zwangsläufig: Neue Therapien werden im Zweifel nach Kassenlage und nicht nach ihrem Nutzen erstattet – und damit ist die Finanzierung von Forschung und Entwicklung schwierig. Der Kostendruck von heute definiert, wie gut wir morgen in der Lage sind, Krankheiten bekämpfen. Notwendig sind deshalb umfassende Reformen, um die GKV-Finanzen langfristig auf stabile Beine zu stellen. Das ist im politischen Berlin längst erkannt.

Das Projekt: Der Wert medizinischer Innovationen

M. Heinzer, General Manager von Amgen Deutschland & LAWG-Vorstand
M. Heinzer, General Manager von Amgen Deutschland & LAWG-Vorstand. Foto: MARLIN BASEL / Amgen GmbH

Deshalb braucht es einen holistischen Blick. Einen Blick, der nicht nur Preisschilder aufruft, sondern auch den hohen individuellen Nutzen moderner Therapien und die gesamtgesellschaftlichen Werte aufzeigt, die zwangsläufig mit einer modernen Medizin einherkommen. Dafür hat LAWG Deutschland, ein Verein, in dem 17 weltweit agierende, forschungsorientierte Arzneimittelunternehmen organisiert sind, das Projekt „Der Wert medizinischer Innovationen“ gestartet. „Innovationen stiften einen hohen individuellen Nutzen für Patientinnen und Patienten, durch höhere Überlebensraten, Linderung von Symptomen, Verbesserung der Lebensqualität oder Prävention von Erkrankungen – das ist das Wichtigste,“ fasst Manfred Heinzer, General Manager von Amgen Deutschland und Vorstand der LAWG zusammen. „Darüber hinaus resultieren sie aber auch in Finanz- und Ressourceneinsparungen für das Gesundheitssystem, z.B. durch Vermeidung von späteren Behandlungskosten, Krankenhausaufenthalten, sowie den Arbeitsmarkt durch Erhalt der Arbeitskraft und Steigerung der Produktivität.“

Deshalb gilt: Den Preis einer Innovation losgelöst von ihrem Nutzen zu betrachten, ergibt keinen Sinn; ihr Wert ergibt sich erst aus ihrem Nutzen.

Noch einmal Manfred Heinzer: „Die Entwicklung eines Arzneimittels ist mit enormem Aufwand verbunden. Durchschnittlich 13,5 Jahre dauert es, einen Wirkstoff zu identifizieren, ihn durch die klinischen Studien zu bekommen und eine Zulassung zu erreichen.“ Bei solchen Entwicklungshorizonten brauche es langfristig verlässliche, planbare und innovationsoffene Rahmenbedingungen – nur mit einer soliden Geschäftsgrundlage lasse sich das Potential der Medizinforschung für Mensch und Gesellschaft ausschöpfen.

Der Nutzen einer Medizin, der es immer besser gelingt, Krankheiten zu behandeln oder zu vermeiden, lässt sich beispielhaft an ein paar wenigen Zahlen ablesen (s. Grafik). Seit 1960 ist die durchschnittliche Lebenserwartung um rund 17 Prozent gestiegen – von 70 auf 81 Jahre. Die Wissenschaft geht davon aus, dass dafür zu 60 Prozent die öffentliche Gesundheit und Versorgung verantwortlich sind und zu 40 Prozent die Versorgung mit sicheren und wirksamen Arzneimitteln. Medizinische Durchbrüche haben dabei eine große Rolle gespielt:

  • Im Jahr 2023 sind in Deutschland 0,02 Prozent der Menschen an Infektionskrankheiten gestorben. 1950 waren es noch mehr als sieben Prozent. Ein Grund sind Antibiotika; gegenüber 1950 ist die Zahl der Toten um 99 Prozent zurückgegangen.
  • Krebserkrankungen sind nach Herzkreislauferkrankungen der Killer Nummer 2. Doch heute leben mehr als 60 Prozent der Krebspatient:innen länger als 10 Jahre – Gründe sind die Fortschritte durch medizinische Forschung (s. Krebs in Europa: Die Überlebensraten steigen).
  • Beeindruckend sind auch die Fakten zu Herzkreislauf-Erkrankungen – das Risiko, vorzeitig an Herzinfarkt, Schlaganfall und Co. zu sterben, liegt heute um 75 Prozent niedriger als 1950.
  • Impfstoffe sind die Königsklasse in Sachen Krankheitsvermeidung. Laut der multilateralen Organisation OECD wurden in den vergangenen 50 Jahren durch weltweite Impfmaßnahmen rund 154 Millionen Menschenleben gerettet – das sind sechs Menschenleben pro Minute und Jahr. Die überwiegende Mehrheit – 101 Millionen – waren Säuglinge. In Europa sind 1,4 Millionen Menschen nicht an Covid-19 gestorben, weil sie geimpft waren.

Die Liste ist nicht ansatzweise vollständig. Multiple Sklerose? Betroffene haben heute eine in etwa gleich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne MS. Diabetes? Die Zahl verlorener Lebensjahre durch Typ 2-Diabetes bei den ab 18-Jährigen ist seit 1945 um 70 Prozent gesunken. Hepatitis C? Fast 100 Prozent Heilungsrate ist mit antiviralen Arzneimitteln möglich. Oder Brustkrebs? Gut 85 Prozent der Patientinnen versterben heute nicht mehr.

Die gesundheitlichen Herausforderungen steigen

Die gesundheitlichen Herausforderungen steigen
Die gesundheitlichen Herausforderungen werden nicht kleiner. Foto: ©iStock.com/SARINYAPINNGAM

Der Punkt ist: Die gesundheitlichen Herausforderungen sind trotzdem nicht kleiner geworden. Dabei spielt die Erfolgsmeldung „gestiegene Lebenserwartung“ eine entscheidende Rolle. Krebs-, Herzkreislauf- oder Demenzerkrankungen nehmen im Windschatten einer immer älter werdenden Bevölkerung zu – und das zum Teil dramatisch. Mit bis zu 2,7 Millionen Demenzerkrankten rechnet die Deutsche Alzheimergesellschaft im Jahr 2050, wenn es nicht gelingt, Therapie und Prävention deutlich zu verbessern; heute sind es rund 1,8 Millionen.

Klimakrise und wachsende Erdbevölkerung sind Schmelztiegel für Krankheitserreger, die niemand auf dem Schirm hat (z.B. im Fall von Pandemien) oder die in Breitengraden auftreten, wo sie bisher höchstens in den Medien präsent waren (z.B. Dengue oder Malaria). Gesundheit ist längst einer der wichtigsten Standortfaktoren für die Wirtschaft geworden. Nur eine Gesellschaft, in der gesundes Altern als Zukunftsstrategie begriffen wird, wird Wohlstand halten oder vermehren können. Gesundheit ist der Schlüssel zu einer leistungsfähigen Gesellschaft, wird aber in der Politik immer noch zu sehr als Nischenthema behandelt.

Deshalb ist es entscheidend, dass die medizinische Forschung ungebremst weitergeht. Im Jahr 2024 haben allein die 15 größten Pharmaunternehmen 190 Milliarden Euro in die Forschung investiert – insgesamt dürften es weltweit rund 300 Milliarden Euro sein. Es sind gewaltige Summen, die sich auszahlen: In den vergangenen fünf Jahren wurden 381 Arzneimittel auf der Basis neuer Wirkstoffe verfügbar. Das sind 381 neue Möglichkeiten, Krankheiten zu behandeln.

Pharma: Die Forschung muss ungebremst weitergehen

Die Botschaft des LAWG-Projekts und damit der Appell an die neue Bundesgesundheitsministerin lautet: Die Bewertung von neuen Arzneimitteltherapien muss sich am Nutzen für Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft orientieren. Einseitige Kostendebatten und daraus folgende innovationsfeindliche Gesetze setzen Impulse, die am Ende dafür sorgen werden, dass die medizinische Versorgung leidet. Und dann wird der Sparkurs erst richtig teuer.

Dieser Artikel bildet den Auftakt der Serie „Wie Innovation Krankheit besiegt“: https://pharma-fakten.de/schlagworte/schlagwort/wie-innovation-krankheit-besiegt/.

Weiterführende Links:

https://lawg-deu.de/positionen/

LAWG, Wert von Innovationen, Gesamtpräsentation

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