Krebsforschung: Fortschritt, von dem die ganze Gesellschaft profitiert
Die Geschichte der Krebsmedizin ist die Geschichte eines immer tieferen Verständnisses der Erkrankung. Es begann damit, Tumore zu entfernen. Der nächste Schritt war, die Krebszellen im ganzen Körper zu bekämpfen. Als die Forschung erkannte, dass auch Krebszellen molekulare Schwachstellen haben, entwickelte sich die zielgerichtete Therapie. Schließlich kamen die Medikamente, die nicht mehr den Krebs bekämpfen, sondern dem Immunsystem zeigen, wie das geht. Und heute? Darüber spricht Dr. Niko Andre, Mediziner und Leiter des Onkologie-Bereiches beim forschenden Pharmaunternehmen AstraZeneca in Deutschland, in einem Podcast.
Die Entwicklung der Krebsmedizin ist eine Erfolgsgeschichte. Wir Menschen haben ein Interesse daran, dass das so bleibt, denn die Zahl der Tumorerkrankungen steigt und wird altersbedingt weiter steigen. „Im Laufe des Lebens erkrankt fast jeder zweite Mann (49 %) und mehr als zwei von fünf Frauen (43 %) an Krebs“, schreibt das Robert Koch-Institut. Dr. Niko Andre begleitet diese Geschichte seit rund zwanzig Jahren mit: als Arzt, als klinischer Forscher, als Topmanager in der forschenden Pharmaindustrie. Das gesamte Interview ist zu hören bei „Inside the Client“ – eine Podcast-Reihe von und mit Daniel Richartz.
Dr. Niko Andre, Leiter des Onkologie-Bereiches bei AstraZeneca in Deutschland. Foto: AstraZeneca GmbH
„Ich war zu einer Zeit klinisch tätig, in der wir in der Krebsmedizin gerade diesen substanziellen Umschwung erlebten“, erzählt Andre. Es ging weg von einem Ansatz á la „Wir-haben nur relativ unpräzise Chemotherapie, mit der wir alle behandeln und nur sehr selten wirklich sehr überzeugende Ergebnisse sahen“ hin zu: „Wir haben die Krebsbiologie so gut verstanden, dass wir diese sehr unterschiedlichen Tumorerkrankungen zielgerichtet behandeln können.“ Er erinnert sich noch sehr gut an einen Patienten, „ein wahnsinnig netter Mann, der sehr, sehr schwer erkrankt war“ und dessen Tumor weit fortgeschritten war: „Wir testeten eines dieser neuen, hochinnovativen Medikamente – einen Antikörper, der Gefäßneubildung am Tumor hindert.“ Damit gelang es, „diesen Tumor fast komplett zurückzudrängen. Das ist für einen selbst und in dieser Gemeinschaft mit den Patienten ein wunderbares Erlebnis.“
Die Entwicklung der Krebsmedizin
Die Entwicklung der Krebsmedizin lässt sich am besten als eine Abfolge von Erkenntnissprüngen erzählen:
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wird Krebs im Wesentlichen als lokale Erkrankung verstanden; es dominieren Chirurgie und später Strahlentherapie. Ist der Tumor begrenzt, kann Heilung gelingen; bei metastasierter Erkrankung sind die Möglichkeiten gering.
Ab den 1940er-Jahren entsteht die Chemotherapie, in den 1960er-/70er-Jahren folgen Kombinationstherapien. Aus: „Krebs-wird-lokal-behandelbar“ wird „Krebs-ist-systemisch-behandelbar.“ Der Fortschritt: Selbst Erkrankungen, bei denen sich der Tumor ausgebreitet hat, können zunehmend medikamentös zurückgedrängt und teilweise geheilt werden.
Der nächste große Schritt sind Krebsmedikamente, die Krebszellen gar nicht angreifen. Die Immuntherapie weiß aber, wie es das Immunsystem zu einer sehr scharfen Waffe gegen Tumore macht: Die Checkpoint-Inhibition sind ein fundamental anderes Prinzip, Tumorerkrankungen nachhaltig zurückzudrängen. Langanhaltende Remissionen sind die erkennbare Folge.
Und heute?
Krebs wird zunehmend individualisiert und dynamisch behandelt. Das Credo lautet: die richtige Intervention zum richtigen Zeitpunkt für den richtigen Tumor. Dazu werden unter anderem molekulare Diagnostik, Immuntherapie, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, bispezifische Antikörper, CAR-T-Zellen, Radioliganden, Liquid Biopsy, MRD-Diagnostik und digitale Technologien herangezogen. Die Therapieentscheidungen werden immer individueller und die Präzisionsmedizin soll als Maß aller Dinge bei Menschen mit Tumorerkrankungen ankommen.
„Die Meilensteine dieses Fortschritts sind gerade in den letzten 15 Jahren substanziell“, weiß Andre. „All das zusammen greift so, dass wir heute in einer viel besseren Position sind, für viele Tumorerkrankungen den Patientinnen und Patienten deutlich bessere Therapieoptionen anbieten zu können. Das ist großartig.“
Krebsforschung: Die Riesen-Chance der KI
„Pattern Recognition“: Das Erkennen von Mustern in einem großen Datenwust. Foto: iStock.com / ipopba
Große Chancen, die Krebsmedizin weiter voranzubringen, sieht der Mediziner mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI). Die „Pattern Recognition“, also das Erkennen von Mustern in einem großen Datenwust, „ist heute Realität“. Längst bewiesen sei, dass die KI besser in der Auswertung von Labordaten, CT- oder Röntgenbildern ist als Menschen. „Diese Technologie erlaubt es uns Dinge zu sehen, die wir vorher gar nicht sehen und interpretieren konnten. Das ist ein Wahnsinns-Fortschritt.“ Das gleiche gelte für die Forschung: „Wir können Labor- und Behandlungsdaten, auch genetische Daten mit diesem Mustererkennungsprozess verknüpfen und das hilft uns Muster und Interpretation zu finden, die wir sonst wahrscheinlich übersehen würden.“ So genutzt, sei KI ein Beschleuniger und ein Verbesserer. Aber natürlich brauche es immer die Endkontrolle durch den Menschen: „Wir sagen deshalb bei AstraZeneca: We keep the human in the loop.“
KI kann, so betont er, zur Optimierung der Behandlung beitragen: „Als ich 2005 in der Klinik war, da gab es vielleicht drei oder fünf validierte Biomarker – heute geht das in die Tausende.“ Auch wenn man nur klinisch validierte und tatsächlich für Therapieentscheidungen etablierte Biomarker berücksichtigt, sind es immer noch sehr viele und vor allem ist das Forschungsgebiet hochdynamisch. Die KI kann also helfen, die „substanzielle Überforderung durch die Informationsflut“ zu steuern. Niko Andre rät deshalb auch dazu, dass sich Betroffene in einem der zertifizierten Krebskompetenzzentren behandeln lassen: „Das ist gerade für die Krebsmedizin erwiesenermaßen ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor.“ Untersuchungen zeigen Überlebensvorteile, wenn die Behandlung in einem solchen Kompetenzzentrum stattfindet.
Deutschland hat im internationalen Vergleich eine sehr gute Krebsmedizin. Doch gerade bei der Digitalisierung sieht Mediziner Andre noch Nachholbedarf. Zwar gingen die verabschiedeten Gesetze in die richtige Richtung – damit meint er vor allem das Digital-Gesetz (DigiG) und das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG). „Der größte Bottleneck ist aber für mich die isolierte Erhebung in einzelnen Krankenhaus-Netzwerken, die nicht verbunden, nicht standardisiert sind.“ Er ist jedoch „guter Dinge. Ich sehe, dass die Zeichen erkannt wurden.“
Krebstherapien und die Frage nach dem Geld
Neue Therapie kosten Geld – eine besonders in Deutschland emotional geführte Diskussion. Niko Andre hält sie für verkürzt. Er plädiert dafür, die Ausgaben für Medikamente in den Zusammenhang ihres gesamtgesellschaftlich messbaren Gesamtnutzens zu stellen – also wieviel Gesundheitswert, wieviel Zeit- und Qualitätsgewinn, auch Folgetherapiefreiheitsgewinn entstehe. Dann seien die neuen Therapien „aus volkswirtschaftlicher Sicht ein absolut sinnvolles Investment. Überhaupt ist der Anteil der GKV-Ausgaben für neue Arzneimittel an den gesamten Leistungsausgaben der GKV konstant.
„Wir müssen Forschung, Investition, Wirtschaftsstandort und Gesundheitsstandort gesamtheitlich betrachten und die Zusammenhänge sehen. Wenn wir uns nur auf die Kosten beschränken, werden wir die Investitionssicherheit aus den Augen verlieren, die wir brauchen, um den gesundheitlichen Fortschritt zu ermöglichen.“ Denn das ist es, worauf forschende Pharmaunternehmen angewiesen sind: Planungs- und damit Investitionssicherheit. „Die Rahmenbedingungen für Europa haben sich verschlechtert“, sagt er und betont: „Es ist ein nationales und europäisches Interesse, eine starke, eine hoch profitable, eine hochinnovative pharmazeutische Industrie zu fördern – als eine der ganz wenigen überhaupt noch wachstumsfähigen Industrien.“ Aber: „Wenn wir über Rahmenbedingungen reden, müssen wir auch über Preise reden: Das ist ganz einfach Mathematik.“ Dazu gehöre, dass die forschende Arzneimittelindustrie Preise erzielen kann, „die die sehr teure, aufwendige und risikoreiche Forschung auch weiterhin ermöglichen können.“ Investition und Innovation müssten belohnt werden.
„Sichere Versorgung chronisch erkrankter Menschen – für ein gutes Leben!“ Das ist in diesem Jahr das deutsche Motto für den Welttag der Patientensicherheit. Die Initiative Vision Zero e.V. nimmt den 17. September zum Anlass, um umfassende Reformforderungen an die Politik zu stellen. Angesichts der wachsenden Zahl von Krebslangzeitüberlebenden braucht es demnach einen Paradigmenwechsel in der Onkologie: Patientenzentrierter, vernetzter, datengetriebener, präventiver muss sie sein, damit Innovationen von der Diagnose bis zur Nachsorge schneller und flächendeckend verfügbar sind.
Da ist sie wieder – die angekündigte Sprengung der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Diesmal sollen es neue Krebsmedikamente sein, die die GKV „in den Kollaps“ treiben. „Auch, weil Pharmakonzerne das deutsche System maximal ausreizen“, wie der SPIEGEL schreibt. Eine steile These, kommentiert Florian Martius.
Sind Krebserkrankungen bald die häufigste Todesursache in Europa und lösen die Herzkreislauf-Erkrankungen als Killer Nr. 1 ab? Davon geht das renommierte Swedish Institute for Health Economics (IHE) aus. Schon heute ist fast jeder vierte Todesfall in Europa (23 Prozent) auf eine Tumorerkrankung zurückzuführen – Tendenz steigend. Das zeigt: Die Länder müssen ihre Anstrengungen in den Bereichen Prävention, Früherkennung, Diagnose und Behandlung verstärken. Das Geld wäre gut investiert.