
Den Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) fliegen ihre Finanzen um die Ohren – das ist nicht neu, sorgfältig analysiert und eigentlich auch abwendbar. Geld ist da – in kaum einem Land der Welt wird mehr für Gesundheit ausgegeben. Doch das System ist auf „Reparatur“ gepolt. Es gibt viel zu wenig für Prävention aus, um Krankheiten zu vermeiden, bevor sie teuer behandelt werden müssen. Und es lässt die Chancen, die sich zum Beispiel durch gezielt durchgeführte Gesundheitsprogramme gerade bei den – teuren – Volkskrankheiten ergeben, einfach links liegen. Mehr Effizienz in der Zusammenarbeit der Akteur:innen im System, eine konsequente Digitalisierung und weniger Bürokratie würden auch helfen. Hinzu kommen milliardenschwere Belastungen in Form der so genannten versicherungsfremden Leistungen, was de facto heißt, dass das Geld, das GKV-Versicherte und Arbeitgeber:innen in das System einzahlen, für sozialpolitische Leistungen ausgegeben – eigentlich: missbraucht – wird.
In merkwürdigem Kontrast zum GKV-Finanzdrama steht dazu das politische Handeln: Da wird auf Kommissionen verwiesen, die erstmal erarbeiten sollen, wie es weitergehen soll. Aber die Konstruktionsfehler im System könnte man schon jetzt beheben. Wann, wenn nicht jetzt, wo sich die Regierung mit dreistelligen Milliardenkrediten versorgt hat, könnten die ordnungspolitischen Vergehen der Vergangenheit einmal glattgezogen werden? Stattdessen: Kredite für ein marodes System, obwohl jede:r weiß, dass die GKV sie nicht wird bedienen können. Mittlerweile sind die Reserven auch weg. Würde ab heute kein Geld mehr fließen, könnten die Ausgaben im Gesundheitssystem noch genau drei Tage gedeckt werden, heißt es. Beruhigend ist anders.
Arzneimittelausgaben: Rezepte von gestern für die Probleme von heute
Weil Reformen ausbleiben, werden munter die Rezepte von gestern aus der Schublade geholt; Rezepte, die auch gestern nicht funktioniert haben, und – glaubt man den Expert:innen – auch morgen nicht funktionieren werden. Diskutiert werden zum Beispiel Ausgabenmoratorien (wie hier im Handelsblatt). Die aber werden das System nicht retten, sondern nur die Leistung verschlechtern.

Die Verzweiflung ist offenbar groß – das zeigt das Interview mit Oliver Blatt. Dass die Krankenkassen nicht zimperlich sind, wenn es darum geht, öffentlichkeitswirksam den Untergang des Arzneimittel-Abendlandes an die Wand zu werfen, haben wir bei Pharma Fakten schon öfter beschrieben. Um 74 Prozent seien die Arzneimittelausgaben in den vergangenen zehn Jahren gestiegen, hieß es zum Beispiel im November 2024. Betrachtet man die Zahl inflationsbereinigt, bleiben in dem Jahrzehnt vielleicht noch rund 40 Prozent übrig. Im Vergleich mit anderen Leistungsbereichen der GKV – Ausgaben für Honorare, die Kliniken, Heilmittel und dergleichen – ist der Ausgabenzuwachs bei Medikamenten eher unterdurchschnittlich.
Jetzt also ein Anstieg bei den Patentgeschützten um 180 Prozent seit 2012, wie es der Vorsitzende des Spitzenverbands behauptet? Die gesamten Arzneimittelausgaben sollen im selben Zeitraum um 50 Prozent zugenommen haben. Entspräche dies nur ansatzweise der Realität, müssten sich die Anteile der Arzneimittelausgaben – aufgeteilt nach generischen und neuen Wirkstoffen – in den vergangenen Jahren erheblich verschoben haben. Das aber geben weder die Daten aus dem Arzneiverordnungs-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK noch die Zahlen des Pharmaverbandes vfa her; es ist interessengeleitetes Zahlenjonglieren auf erschreckendem Niveau. Vielmehr gilt als Faustregel: Patentgeschützte und nicht-patentgeschützte Arzneimittel machen seit Jahren jeweils etwa die Hälfte der Arzneimittelausgaben aus – je nach Berechnungsgrundlage schwanken die Anteile grob gesagt um die 50 Prozent.
Arzneimittelausgaben: GKV-Anteil seit Jahren stabil
Mit „alternativen“ Fakten soll argumentativ der Boden für Spargesetze zulasten der forschenden Industrie bereitet werden. Dabei wird unterschlagen, dass die Industrie erheblich zur Stabilisierung der GKV beiträgt (laut vfa im Jahr 2024: 25 Milliarden Euro) und dass der Anteil des gesamten Arzneimittelmarkts an den GKV-Gesamtausgaben seit vielen Jahren stabil ist (s. Grafik). Übrigens: Der Anteil der Patentarzneimittel an den GKV-Ausgaben (ohne Mehrwertsteuer, Apotheken- und Großhandelsmarge), der bei den forschenden Unternehmen ankommt, liegt bei rund sieben Prozent.
Kurzfristig mag das weitere Drehen an der Preisschraube für Arzneimittelinnovationen dem System zunächst Entlastung verschaffen. Mit dem so genannten GKV-Finanzstabilisierungsgesetz von Ende 2022 ist das schon einmal nach hinten losgegangen, weil es zwar die Erstattungsbedingungen für neue Arzneimittel erheblich verschlechtert, dafür aber wenig bis gar nichts zur nachhaltigen Stabilisierung beigetragen hat. Die Folgen dieser Sparpolitik: Viele Studien belegen, dass Spargesetze letztlich Innovationen ausbremsen, weil sie direkten Einfluss auf Forschungsbudgets haben. Das Problem: Ein milliardenschweres Finanzloch ist greifbar. Ein nicht entwickeltes neues Medikament, um eine Krankheit behandeln oder besser behandeln zu können, ist es nicht – weshalb man fälschlicherweise glaubt, sich diese Sparpolitik leisten zu können. Sie geht aber zu Lasten einer besseren Medizin von morgen. Und das, weil die Kraft zu Reformen fehlt?
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Arzneimittelausgaben: Real gesunken
Auch die „AMNOG-Daten 2024“ des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zeigen es wieder: Medikamente und Impfstoffe sind nicht der Grund für die prekäre Finanzlage der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), wie oftmals propagiert. Zuletzt sind die Arzneimittelausgaben inflationsbedingt, also real, sogar gesunken.

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