
Es ist ein Zielkonflikt: Auf der einen Seite wird „der medizinisch-technische Fortschritt – zum Beispiel bei neuen Krebsmedikamenten oder Gentherapien – für immer mehr Patient:innen innovative Arzneimittel hervorbringen“, so der Sachverständigenrat für Gesundheit und Pflege (SVR) in seinem jüngsten Gutachten. Auf der anderen Seite werden die dafür einzusetzenden Mittel knapper: Großer Fortschritt trifft auf Endlichkeit der Ressourcen. Droht gar eine „Überforderung des Systems“ (O-Ton SVR)?
Die Frage, ob es in Zukunft diesen Fortschritt auf diesem Niveau noch geben kann, erscheint als der nächste logische Schritt. Aber das ist sie nicht – und sie zu diesem Zeitpunkt zu stellen ist verantwortungslos: Denn Geld ist da. Es wird aber nicht effizient verteilt.
Es gibt wenige Länder auf der Welt, die mehr Geld für Gesundheit ausgeben als wir – ein Fakt. Ebenfalls Konsens ist: Es hapert bei der Effizienz. Das kann man wahlweise im erwähnten SVR-Papier nachlesen, beim Bundesgesundheitsministerium oder in einem Gutachten des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), das feststellt, dass unser Gesundheitssystem „zwar enorm teuer ist, aber zu wenig für die langfristige Gesundheit der Bevölkerung tut.“ Conclusio: Das System braucht eine Rosskur. Es geht um etliche Milliardensummen, die durch konsequente Effizienzsteigerungen frei werden könnten – und dann für die Finanzierung von Fortschritt aller Art bereitstünden.
Neue Arzneimittel: Der Boom der Wissenschaft

Gleichzeitig erlebt die medizinische Wissenschaft einen Boom. Glaubt man denen, die mittendrin sind, ist das, was gerade in Form neuer Behandlungsmöglichkeiten in die Versorgung kommt, erst der Anfang; in den kommenden Jahren sind bahnbrechende Innovationen vorhersagt. Personalisierte Medizin oder Gentherapien werden die Erfolgschancen bei der Behandlung schwerer Erkrankungen auf den Kopf stellen. In vielen Indikationen werden uns die Behandlungsstandards von heute schon bald wie aus der Mottenkiste der Medizin vorkommen. Solche Paradigmenwechsel gab es bereits: Wer im Jahr 2015 eine Hepatitis-C-Infektion mit den Mitteln von 2013 behandelt hätte, wäre wohl für einen schweren Behandlungsfehler verantwortlich gemacht worden. Die direkt wirkenden antiviralen Medikamente hatten in der Behandlung der Lebererkrankung längst ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die Liste von neuen Arzneimitteln, die Behandlungsstandards neu definiert haben, ließe sich fortsetzen.
Ja, dieser Fortschritt wird Geld kosten. Die Forschung wird komplexer. Die Patient:innen-Gruppen werden kleiner, weil eine maßgeschneiderte Medizin per Definition kein Massenprodukt sein kann, was sich auf den Preis auswirkt. Und auch das lässt die Ausgaben steigen: Wenn Krankheiten behandelbar werden, die bisher nicht behandelbar waren. Auf der Habenseite – die wird bei der politischen Debatte über Arzneimittelpreise oft konsequent ausgeblendet – steht der Nutzen solcher Therapien: Menschen leben länger bei höherer Lebensqualität, können wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben und auf diese Weise auch ihren Beitrag leisten für den Wohlstand des Landes. Gesundes Altern ist kein „Nice-to-have“, sondern strategisches Muss: Deutschland ist eine der ältesten Gesellschaften weltweit. Schon daraus ergibt sich: Investitionen in die Gesundheit seiner Menschen sind für das Land Investitionen in seine Zukunft.
Die GKV braucht Reformen – jetzt

Wie nun den Zielkonflikt lösen? Dazu muss das Gesundheitssystem grundüberholt werden. Vorschläge dazu liegen auf dem Tisch, viele davon sind Konsens über alle demokratischen Parteien hinweg. Denn alle wissen: Ein ineffizientes Gesundheitssystem können wir uns definitiv nicht mehr leisten. Die GKV braucht Reformen. Sie braucht sie jetzt. Solange die nicht kommen, fordern Kassenmanger:innen gebetsmühlenartig niedrigere Preise für Arzneimittelinnovationen. Die aber würden nicht ohne negative Auswirkungen auf die Forschung und Entwicklung der Unternehmen bleiben – die Forschungsbudgets speisen sich ja schließlich auch aus den Einnahmen. Dieser Bremseffekt ist in vielen Untersuchungen belegt. Übrigens: Die patentgeschützten Arzneimittel sind für nicht einmal zehn Prozent der GKV-Gesamtausgaben verantwortlich.
Das ist das problematische an dieser Diskussion. Den fast 75 Millionen Versicherten der GKV – seit Jahren mit steigenden Beiträgen zur Kasse gebeten – wird ein Geldmangel vorgegaukelt, den es eigentlich gar nicht gibt. Denn der ist entweder politisch induziert – durch das Verlagern von milliardenschweren Sozialausgaben aus dem Bundes- in den GKV-Haushalt (die versicherungsfremden Leistungen). Oder er ist Folge eines Reformstaus. Auffallend bleibt auch im Jahr 2025 das mangelnde politische Interesse, eine der Säulen staatlicher Daseinsfürsorge so zu reformieren, dass die Menschen ihrer GKV wieder Vertrauen schenken.
Können wir uns den weiteren medizinischen Fortschritt leisten? Aktuell ließe sich erwidern: Wir versuchen es nicht mal. Denn dafür müssten die bestehenden Baustellen im GKV-System endlich gelöst sein. Erst wenn das passiert ist, erst dann können wir die Frage ernsthaft beantworten.
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