Groß ist der Reformbedarf im Gesundheitswesen – mit Spannung werden die Vorschläge der FinanzKommission Gesundheit erwartet. Boehringer Ingelheim hat die Bilanzpressekonferenz genutzt, um der Politik ein paar Reformideen mit auf den Weg zu geben. Foto: ©iStock.com/designer491
Groß ist der Reformbedarf im Gesundheitswesen – mit Spannung werden die Vorschläge der FinanzKommission Gesundheit erwartet. Boehringer Ingelheim hat die Bilanzpressekonferenz genutzt, um der Politik ein paar Reformideen mit auf den Weg zu geben. Foto: ©iStock.com/designer491

Gesundheitsreform: „Mit und nicht an Arzneimitteln sparen“

Groß ist der Reformbedarf in deutschen Gesundheitswesen – mit Spannung werden die Vorschläge der FinanzKommission Gesundheit (FKG) erwartet, deren Aufgabe es ist, Vorschläge zur Stabilisierung der Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu erarbeiten. Das forschende Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim hat die Bilanzpressekonferenz genutzt, um der Politik ein paar Reformideen mit auf den Weg zu geben. „Wir brauchen einen Umbau des Systems“, sagte Deutschlandchef Médard Schoenmaeckers.

Die Fakten

  • Die Bruttowertschöpfung der Pharmaindustrie in Deutschland beträgt 30 Milliarden Euro pro Jahr.
  • Sie wächst stabil, ist krisenfest und strategisch relevant.
  • Sie schafft 133.000 Arbeitsplätze mit extrem hoher Wertschöpfung.
  • Sie ist so forschungsintensiv wie kaum eine andere Branche: Durchschnittlich 17 Prozent des Nettoumsatzes fließen direkt in die Forschung und Entwicklung.
Es ist ein Paradebeispiel für den Nutzen von Pharma-Forschung für Mensch und Gesellschaft: Boehringer Ingelheim hat an seinem Standort in Wien ein Lungenkrebsmedikament entwickelt – in rekordverdächtigen fünf Jahren. Es richtet sich gegen eine seltene genetische Mutation, weltweit sind im Jahr rund 40.000 Menschen betroffen. Der Tyrosinkinase-Inhibitor ist laut Boehringer Ingelheim „Präzisionsmedizin auf höchstem Niveau“; er kann den Tumor gezielt angreifen, das Fortschreiten verlangsamen, Symptome indirekt verbessern, Lebensqualität erhöhen und neue Hoffnung geben, wenn andere Therapien ausgeschöpft sind. Das gilt zumindest für die Betroffenen in den USA, China oder Japan. 
 
In Europa ticken die Uhren anders: „Um eine Bewertung im Rahmen des AMNOG-Prozesses zu bekommen, benötigen wir in Europa eine zusätzliche Phase-3-Studie“, sagt Schoenmaeckers. Das koste Zeit, ungefähr zweieinhalb Jahre, so der Geschäftsführer. „Das ist Zeit, die viele der Menschen mit dieser Erkrankung nicht haben.“ Europa sei zu kompliziert, müsse schneller werden. „Wir müssen uns die Frage stellen: Was ist uns Gesundheitsversorgung wert?“, so der Niederländer. Und mit Blick auf die laufenden Reformdiskussionen ergänzt er: „Wollen wir nur niedrige Arzneimittelpreise oder wollen wir Versorgungssicherheit?“
 

Arzneimittelversorgung: „Teil der nationalen Sicherheitspolitik“

Arzneimittelversorgung: „Teil der nationalen Sicherheitspolitik“
„Neues Gesundheitssystem“: Resilienz schaffen. Foto: ©iStock.com/howtogoto
Deshalb brauche es ein „neues Gesundheitssystem.“ Ein System, das Finanzierbarkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit gleichermaßen berücksichtige; das Abhängigkeiten reduziere, Resilienz schaffe. „Wir müssen die Arzneimittelversorgung, wir sollten die Pharmaindustrie, als Teil der nationalen Sicherheitspolitik verstehen“, so der Deutschland-Chef. Langfristig brauche es die Förderung eines neuen und nachhaltigen Gesundheitssystems, mittelfristig solle in Mechanismen investiert werden, die Innovationen unterstützen, und kurzfristig „brauchen wir die Wiederherstellung der grundlegenden Wettbewerbsfähigkeit.“ 
 
Dazu gehört aus seiner Sicht die Streichung von Preisrestriktionen, wie Herstellerrabatte, Preismoratorien, pauschale Abschläge auf Kombinationspräparate und dergleichen: Damit solle vermieden werden, dass zukünftig Markteinführungen zuerst in anderen Regionen der Welt stattfinden, weil dort die Refinanzierung von Forschung durch am medizinischen Nutzen orientierter Preisbildung möglich ist. Insgesamt brauche es mehr Prävention, mehr frühe Diagnosen, mehr frühe Behandlungen: „Das erlaubt uns, mit Arzneimitteln zu sparen – und nicht an Arzneimitteln.“ Schließlich leisten sie einen Beitrag, um teure Folgebehandlungen zu vermeiden; können indirekte Kosten von Krankheiten wie Arbeitsausfälle reduzieren.
 

Pharma-Standort Deutschland: Zurück an die Weltspitze

Schoenmaeckers setzt seine Hoffnungen auf den gerade stattfindenden Pharmadialog, setzt auf den Willen, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in diesem Bereich wieder herzustellen. Die Bundesregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten, dass sie den deutschen Pharmastandort wieder an die Weltspitze führen will. „Dazu brauchen wir mehr klinische Studien, schnellere Entwicklung, einfachere und schnelle Zulassungsverfahren, sowie eine innovationsfreundliche Modernisierung des AMNOG.“
 
Médard Schoenmaeckers, Boehringer Ingelheim.
Médard Schoenmaeckers, Boehringer Ingelheim. Foto: PF
Auch angesichts der globalen Verschiebungen sagt Schoenmaeckers: „Reden ist nicht genug. Wir müssen jetzt mal Gas geben.“ Dabei hat er vor allem die Entwicklungen auf der anderen Seite des Atlantiks im Blick: „Die USA sind heute nicht mehr bereit, die Innovation für die ganze Welt zu finanzieren. Vier Prozent der Weltbevölkerung sind verantwortlich für 65 Prozent des weltweiten Pharma-Umsatzes und finanzieren damit etwa 70 Prozent der globalen Pharma-Forschung.“ Das ist der Hintergrund, warum die US-Regierung das Most Favored Nation-Konzept (MFN) aus der Taufe gehoben hat, das vorsieht, dass die Amerikaner:innen nicht mehr für Arzneimittel zu bezahlen als andere wohlhabende Länder.
 
Gerade für Deutschland als Referenzland für Arzneimittelpreise könnte das tiefe Einschnitte bedeuten. Denn führt ein Unternehmen seine Arzneimittelinnovation zu niedrigem Preis ein, ist der seinerseits Referenz für den Erstattungspreis in den USA. Das aber würde bedeuten: Es geht um viele Milliarden Euro, die unter anderem bei der Finanzierung von Forschung und Entwicklung fehlen werden. „Wir brauchen ein neues Equilibrium, wo alle für Innovationen mitbezahlen“, so Médard Schoenmaeckers. „Wir müssen mehr für Innovationen ausgeben.“
 

Die Pharmaindustrie: ein „strategisches Asset“

Die Pharmaindustrie zu stärken, hält er für den richtigen Schritt. Sie ist „ein strategisches Asset.“ Das macht er an ein paar Zahlen fest:
Pharmastandort Deutschland
Herstellung von Medikamenten im Inland sorgt für Versorgungssicherheit. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff
  • Sie investiert durchschnittlich 17 Prozent des Nettoumsatzes in die Forschung. Bei Boehringer Ingelheim sind es sogar 27,4 Prozent.
  • Die Investitionen der Branche in den Standort steigen weiter; gleichzeitig sorgt die Herstellung von Medikamenten im Inland für Versorgungssicherheit.
  • Mehr als 133.000 Arbeitsplätze gibt es im Pharmabereich. Die Prognosen sagen für das laufende Jahr einen leichten Zuwachs voraus.
  • Die Bruttowertschöpfung der Industrie liegt bei 30 Milliarden Euro im Jahr. 
„Die Pharmaindustrie investiert“, sagt Schoenmaeckers. „Und sie hat eine Antwort auf die Frage, ob wir in Gesundheit und Vorsorge investieren wollen.“

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