Die globale HIV-Versorgung befindet sich in einer Finanzierungskrise – mit potenziell verheerenden Folgen. Der Umbruch bietet aber auch eine Chance, findet Pharma Fakten-Redakteurin Alina Massari. Foto: ©iStock.com/Natali_Mis
Die globale HIV-Versorgung befindet sich in einer Finanzierungskrise – mit potenziell verheerenden Folgen. Der Umbruch bietet aber auch eine Chance, findet Pharma Fakten-Redakteurin Alina Massari. Foto: ©iStock.com/Natali_Mis

HIV-Versorgung am Wendepunkt: Jetzt entscheidet sich, wie es weitergeht

Es sind turbulente Zeiten für die weltweite HIV-Versorgung: Medizinische Innovationen eröffnen neue Möglichkeiten für die Prävention und Therapie. Gleichzeitig ist die internationale Finanzierung unter enormen Druck geraten; die Folgen davon können verheerend sein. Doch der Umbruch bietet auch die Chance, die HIV-Versorgung langfristig neu aufzustellen – und sie nachhaltiger und widerstandsfähiger zu gestalten. Ein Kommentar von Pharma Fakten-Redakteurin Alina Massari.
Alina Massari, Redakteurin bei Pharma Fakten.
Alina Massari, Redakteurin

Es ist das „wirkungsvollste Instrument zur HIV-Prävention, das wir je hatten“: Mit diesen Worten beschreibt Peter Sands, Direktor des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ den medizinischen Fortschritt. Er spricht dabei über den für die HIV-Prävention zugelassenen Wirkstoff Lenacapavir, der in den maßgeblichen klinischen Studien bei halbjährlicher Anwendung eine Schutzwirkung von nahezu 100 Prozent zeigte, und über ein weiteres Präparat, das seinen Angaben zufolge 2028 auf den Markt kommen könnte.

Gut möglich, dass die Menschen rückblickend einmal sagen werden, dass in diesen Jahren die Weichen für die HIV-Versorgung der Zukunft gestellt wurden. Nicht nur wegen der medizinischen Fortschritte. Sondern auch, weil sich gerade verändert, wie der weltweite Kampf gegen HIV organisiert wird.

HIV: Finanzierungsarchitektur im Umbruch

HIV: Finanzierungsarchitektur im Umbruch
Verheerende Folgen? Internationale Finanzmittel für die HIV-Bekämpfung sinken. Foto: ©iStock.com/Natali_Mis

Die internationalen Finanzmittel für die HIV-Bekämpfung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sanken von 8,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 7,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. Laut UNAIDS ist das der niedrigste Stand seit fast zwei Jahrzehnten. Die Folgen können verheerend sein: In Subsahara-Afrika beispielsweise stammten in der Vergangenheit rund 80 Prozent der Mittel für HIV-Prävention aus internationaler Entwicklungshilfe. Wenn Präventionsangebote, Gesundheitsversorgung und communitybasierte Beratungs- und Versorgungsangebote wegbrechen, stehen die gesundheitlichen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte und Menschenleben auf dem Spiel. Das legt eine Schwäche des bisherigen Systems schonungslos offen: Schon die Entscheidungen einzelner Staaten können ganze Versorgungsstrukturen ins Wanken bringen, wenn sich die Finanzierung stark auf große Geber wie die USA konzentriert.

Umso wichtiger ist eine Entwicklung, die für die Zukunft wegweisend sein könnte: Inzwischen bringen Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen 59 Prozent der dort insgesamt zur Verfügung stehenden HIV-Finanzmittel selbst auf – aus öffentlichen wie privaten Quellen. 2025 stiegen diese nationalen Beiträge um vier Prozent. Auch der Privatsektor spielt eine wachsende Rolle: Das zeigt sich beim Globalen Fonds, einem der wichtigsten internationalen Finanzierungsinstrumente im Kampf gegen HIV. Anlässlich der achten Wiederauffüllungsrunde mobilisierten Unternehmen, Stiftungen und Philanthropen 1,34 Milliarden US-Dollar, „bemerkenswert“, wie der Globale Fonds schreibt.

Das kann die entstandenen Finanzierungslücken nicht einfach schließen. Zudem wäre es fatal, den Schluss zu ziehen, zwischenstaatliche Solidarität werde künftig weniger gebraucht. Gleichzeitig darf eine geringere Abhängigkeit von einzelnen staatlichen Gebern nicht in eine neue Abhängigkeit von wenigen privaten Geldgebern münden. Aber die aktuellen Entwicklungen zeigen, wohin die Reise gehen könnte: hin zu einer insgesamt breiter aufgestellten Finanzierungsbasis. Das könnte die HIV-Versorgung langfristig stabiler machen – gerade dann, wenn sich einzelne Geber zurückziehen. Eine Innovation wie Lenacapavir verändert erst dann etwas, wenn sie bei den Menschen, die sie brauchen, verlässlich ankommt.

Gemeinsam den Zugang zu HIV-Innovationen ausweiten

Apropos Lenacapavir: Es ist die erste Innovation zur Prävention von HIV, die Menschen in Ländern mit niedrigem und hohem Einkommen im selben Jahr erreichte. Der Globale Fonds, PEPFAR und weitere Organisationen wie PAHO weiten den Zugang zu dieser sogenannten Präexpositionsprophylaxe (PrEP) schrittweise aus. Dazu arbeiten sie eng mit Regierungen, Zivilgesellschaft, Stiftungen, Pharmaunternehmen sowie weiteren Partnern wie UNAIDS zusammen. Gilead Sciences, der Hersteller von Lenacapavir, hat bereits vor den ersten regulatorischen Entscheidungen sechs nicht exklusive, lizenzgebührenfreie Vereinbarungen mit Generikaherstellern geschlossen. Sie sollen einen langfristigen und bezahlbaren Zugang in 120 Ländern mit hoher HIV-Inzidenz und begrenzten Ressourcen ermöglichen. Bis die Generikaproduktion den Bedarf decken kann, stellt das Unternehmen Lenacapavir über Partnerschaften mit dem Globalen Fonds und PEPFAR ohne Gewinn für Gilead zur Verfügung.

Es ist ein Beispiel dafür, dass Innovation allein nicht ausreicht: Es geht nicht nur darum, ein Arzneimittel bereitzustellen; gefragt sind zugleich Aufklärung, niedrigschwellige Testungen, geschultes Gesundheitspersonal, verlässliche Lieferketten und communitybasierte Angebote, die Menschen erreichen, ohne dass Stigmatisierung oder Diskriminierung ihnen den Zugang erschweren. Kurz: Es braucht viele Akteur:innen, um den medizinischen Fortschritt zu den Menschen zu bringen.

Das gilt nicht nur für die PrEP. 2010 erhielten 7,6 Millionen Menschen eine antiretrovirale Therapie, 2025 waren es 32,1 Millionen. Laut UNAIDS sind das rund 78 Prozent der 41 Millionen Menschen, die weltweit mit dem Immunschwächevirus leben. Eine Versorgung in dieser Größenordnung muss über Länder, Gesundheitssysteme und Lieferketten hinweg organisiert werden. Diese Dimensionen machen deutlich, was die über Jahrzehnte aufgebauten Strukturen leisten können, auch wenn noch viel zu tun ist. Doch während die medizinischen Möglichkeiten nie größer waren als heute, führt die Finanzierungskrise vor Augen, wie verletzlich das System ist, das diesen Fortschritt zu den Menschen bringen soll.

Kampf gegen HIV: Auch Bundesregierung in der Verantwortung

Vielleicht werden wir tatsächlich einmal auf diese Jahre als Wendepunkt zurückblicken. Wenn es jetzt gelingt, die Finanzierung breiter aufzustellen und internationale Unterstützung so zu gestalten, dass nationale Strukturen und Kapazitäten langfristig stärker und unabhängiger werden, könnte die globale HIV-Versorgung widerstandsfähiger aus dieser Krise hervorgehen.

Das geht nicht von heute auf morgen. Mehr denn je braucht es daher Verlässlichkeit – insbesondere von Ländern wie Deutschland. Die Bundesregierung jedoch hat ihren Beitrag zum Globalen Fonds für die Jahre 2026 bis 2028 gegenüber der vorherigen Finanzierungsrunde von 1,3 Milliarden auf eine Milliarde Euro reduziert. Das passt nicht zu dem eigenen Anspruch, HIV bis 2030 als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit zu beenden.

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