
Nicht nur die Herausforderungen besprechen – auch der vielen Opfer gedenken: Das ist im Kern die Idee des Welt-Aids-Tages, der seit 1988 im Kalender steht. Daran erinnerte Dr. Silke Heinemann, Abteilungsleiterin im Bundesgesundheitsministerium, in ihrem Impuls. Für Viele ist heute wahrscheinlich nicht mehr nachvollziehbar, was eine HIV-Infektion in den 1980er Jahren bedeutete: Damals, so berichten Zeitzeug:innen in dem Podcast „I will survive“, starben die Menschen „wie die Fliegen“. Autor Phillip Syvarth sagt: „Das ist der Satz, den ich in den Gesprächen immer wieder gehört habe. Die Realität für queere Menschen war damals: Sie waren jedes Wochenende auf einer anderen Beerdigung.“ Das ist heute anders. „Wir sind Niedrig-Prävalenzland“, so Heinemann. Soll heißen: Die Verbreitung der Krankheit ist dauerhaft niedrig. „Aber ich will nichts beschönigen. Jeder Einzelfall ist einer zu viel. Jeder zu spät erkannte Einzelfall ist einer zu viel. Deshalb sollten wir in unserem Kampf nicht nachlassen.“
Wo also stehen wir? Aktivistin und Schauspielerin Annabelle Mandeng fasst zusammen: „Die Versorgung von Menschen mit HIV in Deutschland ist grundsätzlich gut, teilweise hervorragend. 99 Prozent der bekannten HIV-Infektionen werden behandelt und über 96 Prozent dieser Therapien sind erfolgreich. HIV ist heute eine gut behandelbare chronische Infektion. Wer rechtzeitig diagnostiziert und behandelt wird, kann ein langes, gesundes und selbstbestimmtes Leben führen. Und: Unter erfolgreicher Therapie ist HIV nicht übertragbar!“ Für Professor Christoph Spinner, Oberarzt am Münchner Klinikum Rechts der Isar und einer der führenden HIV-Experten, ist es „die Erfolgsgeschichte der Medizin überhaupt. Wir können nicht nur den Fortschritt von HIV hemmen, sondern auch dafür sorgen, dass man damit normal leben kann, und wir haben mit der Präexpositionsprophylaxe die Möglichkeit, Infektionen zu vermeiden.“
Die HIV-Lücke: Rund 8.000 Menschen wissen nicht, dass sie HIV haben

Alles gut also? Nein, denn viele der heute behandelnden HIV-Ärzt:innen stehen kurz vor dem Ruhestand, so Mandang. Vor allem auf dem Land drohten Versorgungsengpässe. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen mit HIV – „weil die Therapie so gut ist und die Menschen deutlich länger leben.“ Eine steigende Nachfrage nach spezialisierter Versorgung trifft auf ein schrumpfendes Angebot. Vor allem aber: „Etwa 8.000 Menschen in Deutschland wissen nichts von ihrer HIV-Infektion.“ Unbehandelt aber führt eine HIV-Infektion praktisch immer zu einer Aids-Erkrankung, und diese verläuft ohne Behandlung tödlich. Zwei von drei Neudiagnosen finden im fortgeschrittenen Stadium statt – mit dem Risiko erheblicher gesundheitlicher Schäden.
Was ist zu tun? Christoph Spinner sagt: „Wir haben eigentlich alle Tools. Wir setzen sie nur nicht wirksam genug ein: Jeder Arzt kann bei Verdacht testen. Die, die nicht versichert sind, können zum Öffentlichen Gesundheitsdienst oder zu Community-Beratungsstellen gehen. Zwei von drei Diagnosen in Deutschland sind bei Personen mit Migrationshintergrund. Jede dritte Diagnose ist im fortgeschrittenen Stadium. Wir wissen ganz genau, wo wir suchen müssen.“
HIV-Versorgungshürde Stigma

Doch in der real existierenden Welt gibt es Hürden. Diskriminierung und Stigma verbauen vielen Menschen mit HIV immer noch den Zugang zu einer guten Versorgung. Das lässt sich belegen; die Studie „positive stimmen 2.0“ der Deutschen Aidshilfe hatte genau das untersucht. Demnach machen die Hälfte der Menschen mit HIV Diskriminierungserfahrungen und sogar 60 Prozent berichteten von negativen Erfahrungen im Gesundheitswesen. „Da steht es schwarz auf weiß“, so Cora Döhn, Referentin für Frauen und Trans* & Selbsthilfe bei der Berliner Aidshilfe. „Es gibt wahnsinnig viel Diskriminierungserfahrung.“ Annabelle Mandeng weiß: „Noch immer wird HIV-positiven Menschen eine Behandlung verweigert oder erschwert. Das ist nicht nur unprofessionell. Es ist medizinisch völlig unbegründet.“
Ist Deutschland also gut aufgestellt für den Zieleinlauf für das Jahr 2030? „Wir müssen wachsam bleiben“, gibt Professor Spinner zu bedenken. „Innovative Lösungen wie die Injektionspräparate, die in den USA erhältlich sind, stehen in Deutschland nicht mehr regelhaft zur Verfügung“, so der Experte und verweist auf „ein Präparat, das zu hundert Prozent vor Neuinfektionen schützt und alle sechs Monate injiziert wird“, aber in Deutschland nicht eingeführt ist (s. „HIV-Prävention weltweit: Ein Präparat in den Schlagzeilen“). „Wir müssen Sorge tragen, dass wir auch in Zukunft Zugang zu innovativen Präparaten haben.“ Er nehme wahr, dass „wir für einige Präparate in Deutschland keinen Marktzugang mehr sehen.“
„Gamechanger“ – in der deutschen HIV-Versorgung nicht verfügbar
Eine Sorge, die auch die Arzneimittelentwickler umtreibt. Nicole Stelzner, die beim forschenden Pharmaunternehmen Gilead Sciences als Direktorin für die politische Arbeit zuständig ist, sagt: „Wir sehen beim Nutzenbewertungsverfahren AMNOG das Problem, dass gerade die Fortschritte bei den Infektionserkrankungen nicht mehr abgebildet werden.“ Das bedeutet, dass die Methodik des AMNOG den medizinischen Fortschritt nicht erkennt. Weil das direkt auf die zu verhandelnden Preise der Präparate durchschlägt, lassen sich für die Entwickler die hohen Forschungskosten nicht mehr gegenfinanzieren. „Wir brauchen diese neuen Arzneimittel aber“, so Stelzner – unter anderem für die Menschen, bei denen durch die lebenslange Therapie eine Resistenzentwicklung nicht auszuschließen ist und denen dann keine wirksamen Medikamente mehr zur Verfügung stehen.

Ihren großen Stellenwert haben die lang- und hochwirksamen Präparate vor allem in den Gegenden der Welt, wo HIV-Infektionen ein großes Gesundheitsproblem darstellen. „Wir sehen uns in der Verantwortung auch hier die Versorgung sicherstellen“, so Nicole Stelzner. „Das tun wir auch und teilweise sogar schneller als in den Industrieländern – einfach, weil der Bedarf so groß ist.“ Die Versorgung der Menschen mit HIV im globalen Süden ist schon seit Jahren getragen durch das System von freiwilligen Lizenzvereinbarungen, bei dem forschende Unternehmen wie Gilead global agierenden Generikaunternehmen die Möglichkeit geben, ihre patentgeschützten Präparate auf Lizenz herzustellen und zu vertreiben. Anders wäre die Versorgung von 31,6 Millionen Menschen, die weltweit eine antiretrovirale Therapie bekommen, gar nicht möglich. Nur Geld verdienen lässt sich damit nicht. „Wenn wir dann aber in den Industrieländern diese Innovationen gar nicht mehr bringen können, dann funktioniert das ganze System nicht mehr.“ Soll heißen: Eine Arzneimittelinnovation, in der Jahrzehnte von Forschung stecken und die in der Szene als Durchbruchsinnovation gilt, hat eigentlich keine Geschäftsgrundlage mehr. Diese Botschaft, das ließ der CDU-Politiker Sascha van Beek durchklingen, ist in der Politik angekommen. Er verwies auf den Pharma-Dialog, „mit dem wir den Pharmastandort stärken wollen“. Er soll Raum schaffen für „Gamechanger“ wie sie gerade in der HIV-Forschung – aber nicht nur dort – entwickelt worden sind.
Wo stehen wir im Jahr 2030? Die Expert:innen des Tagesspiegel-Panels waren trotz der Herausforderungen optimistisch. „Wir werden die Ziele erreichen.“ Ein Selbstläufer ist es nicht.
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