Eine HIV-Diagnose war früher eine tödliche Erkrankung. Heute können Betroffene nahezu so lange leben, wie Menschen ohne das Virus. Foto: iStock.com / Andrea Migliarini
Eine HIV-Diagnose war früher eine tödliche Erkrankung. Heute können Betroffene nahezu so lange leben, wie Menschen ohne das Virus. Foto: iStock.com / Andrea Migliarini

Wie Innovation Krankheit besiegt: HIV

Es ist eine der großen pharmazeutischen Erfolgsgeschichten: Ab den späten 1980er-Jahren waren es antivirale Medikamente, die dem HI-Virus erstmals etwas entgegensetzen konnten. Davor galt: Eine HIV-Diagnose bedeutete eine tödliche Erkrankung, da es an wirksamen Therapiemöglichkeiten fehlte. Heute können Menschen mit dem Virus unter Behandlung fast so lange leben, wie Menschen ohne Virus.

Elke lebt seit 1982 mit einer HIV-Diagnose, wie sie im Interview erzählt. Die Nachricht traf sie zu einer Zeit, als die Medizin gegen das Virus machtlos war. Es gab noch keine Therapie; „erst 1989 habe ich das erste Medikament bekommen. Ich habe es vier Wochen genommen und dachte ´Dann sterbe ich lieber an Aids `, so unangenehm waren die Nebenwirkungen.“ Mit der Einführung der Kombinationstherapie Mitte der 1990er-Jahre sanken die Todesraten fast über Nacht: „Es hat sich wirklich eine Menge getan“, erzählt Elke, 63 Jahre alt. „Ich habe so gut wie keine Nebenwirkungen mehr und sehr viel mehr Lebensqualität als früher. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit HIV so lange lebe.“

Dr. Marion Heinzkill, Senior Director Medical Affairs HIV beim forschenden HIV-Spezialisten Gilead Sciences
Dr. Marion Heinzkill, Gilead Sciences. Foto: Gilead Sciences

Und davor? „Die Lage war ziemlich düster“, erzählt der argentinisch-kanadische HIV-Experte Julio Montaner. „Die News waren schlecht, wurden schlimmer und schließlich schrecklich.“ Die internationale Aids-Konferenz 1996 in Vancouver markierte eine Zäsur: In Kanada begann damals die Ära der antiretroviralen Therapie (ART). Mit einer Dreifachkombination war zwar keine Heilung möglich, aber ein Absenken der Viruslast unter die Nachweisgrenze. Das bedeutet: HIV ist im Blut mit gängigen Methoden nicht mehr nachweisbar. Das Krankheitsbild Aids – die Immunschwächekrankheit, die schließlich zum Tod führt – kann sich nicht entwickeln.

Trotzdem ging die Forschung weiter: Inzwischen stehen verschiedene Wirkstoffklassen zur Verfügung. „Die Anforderungen an eine moderne HIV-Therapie heute sind, nicht nur die Viruslast unter der Nachweisgrenze zu halten, sondern darüber hinaus für Menschen mit HIV individualisiert eine bestmögliche Lebensqualität zu gewährleisten, insbesondere durch einen langfristigen, nachhaltigen Therapieerfolg“, sagt Dr. Marion Heinzkill, Senior Director Medical Affairs HIV beim forschenden HIV-Spezialisten Gilead Sciences. „Das ist unser Anspruch an die Forschung, wie wir heute bereits gut verträgliche und wirksame Therapieoptionen – unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit HIV – noch besser machen und erweitern können.“ Denn Menschen mit HIV müssen nach derzeitigem Stand ihr ganzes Leben lang die Arzneimittel einnehmen.

HIV: Keine nachweisbare Viruslast? Keine Ansteckungsgefahr!

Die pharmazeutische Revolution bei HIV hat es in sich:

  • Wer früh diagnostiziert und schnell behandelt wird, kann nahezu mit einer Lebenserwartung rechnen, wie sie unter Menschen ohne HI-Virus möglich ist.
  • Wer medikamentös gut eingestellt ist, sodass die Viruslast unter der Nachweisgrenze ist, kann niemanden anstecken.
  • Eine werdende Mutter mit HIV kann dank antiretroviraler Therapie ihr Kind nicht anstecken; das Risiko einer Übertragung liegt bei unter einem Prozent.
  • Bis zu zwanzig Tabletten mussten Betroffene in den 1990er-Jahren täglich einnehmen, heute bestehen moderne orale Therapien aus einer Tablette. Oder es gibt erste länger wirksame Therapien, zum Beispiel als Injektion.
  • Antiretrovirale Arzneimittel können auch zur Präexpositionsprophylaxe (PrEP) oder Postexpositionsprophylaxe (PEP) eingesetzt werden – also vor oder nach einem Geschlechtskontakt – und sind so ein wichtiges Instrument, um Infektionsketten zu unterbrechen.

In den Laboren dieser Welt elektrisieren zurzeit breitneutralisierende Anti-HIV-Antikörper (bNAbs) die Forscher:innen; sie gelten als eine vielversprechende neue Klasse von Wirkstoffen, weil sie potenziell gleich mehrere HIV-Stämme neutralisieren können. Wer weiß? Vielleicht sind sie der Ansatz, um einen Impfstoff zu entwickeln oder HIV eines Tages heilen zu können.

Die Eliminierung von HIV ist machbar

Die Eliminierung von HIV ist machbar
HIV-Epidemie: Globale Gesundheitsbedrohung beenden. Foto: ©iStock.com/dusanpetkovic

In Deutschland gibt es rund 97.000 Menschen, die das Virus in sich tragen, auf rund 8.200 schätzt das Robert Koch-Institut die Zahl derer, denen ihre Infektion nicht bewusst ist. Bei der HIV-Diagnoserate schwächelt Deutschland; statt der von den Vereinten Nationen angestrebten 95 Prozent sind nur 92 Prozent der Betroffenen identifiziert. Weltweit sind rund 40 Millionen Menschen HIV-positiv; mehr als 30 Millionen von ihnen erhalten eine entsprechende Therapie.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Jahr 2015 das Ziel ausgegeben, die HIV-Epidemie bis 2030 als globale Gesundheitsbedrohung zu beenden – unter anderem soll bis dahin die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle deutlich reduziert werden. Tests, Therapien, Präventionsmöglichkeiten – alle Instrumente, um das zu erreichen, sind vorhanden. Ein Meilenstein könnte insbesondere ein neuer, langwirksamer HIV-Wirkstoff sein, der nur zweimal im Jahr gespritzt werden muss: Dessen Studiendaten sorgten auf der internationalen Aids-Konferenz in München 2024 für Begeisterung. Diese Präexpositionsprophylaxe war bis zu 100 Prozent wirksam. Auch ohne die Entwicklung eines Impfstoffes, an dem sich die Wissenschaft seit über 30 Jahren die Zähne ausbeißt, könnten solche innovativen Präventionsmaßnahmen einen erheblichen Beitrag zur Eliminierung von HIV leisten.

Das WHO-Ziel 2030: Nicht mehr erreichbar

Das WHO-Ziel ist eigentlich nicht mehr zu erreichen – vor allem nach dem die US-Regierung beschlossen hat, von heute auf morgen aus der internationalen HIV-Versorgung weitgehend auszusteigen. Hilfen gekürzt haben auch die großen europäischen Geber wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Viereinhalb Jahre vor dem möglichen Erreichen dieses großen Ziels – eine Welt, weitgehend ohne HIV – droht ein schwerer Rückschritt: Eine Studie, für die Daten aus 26 Ländern ausgewertet wurden, kam zu dem Ergebnis, dass es bei einem Rückgang der internationalen Unterstützung bis 2030 zu weiteren 4,43 Millionen bis 10,75 Millionen HIV-Neuinfektionen kommen könnte – darunter bis zu 880.000 bei Kindern. Im gleichen Zeitraum könnten 770.000 bis 2,93 Millionen Menschen zusätzlich an HIV-bedingten Ursachen sterben, wobei bis zu 120.000 dieser Todesfälle Kinder betreffen würden.

Dafür tritt pharmazeutische Forschung an: Lösungen zu finden, um Krankheiten wirksam und sicher zu bekämpfen. Ob diese Innovationen bei den Menschen ankommen, die sie brauchen, muss politisch geregelt werden. Im Falle HIV scheint der Wille dazu zurzeit wenig ausgeprägt zu sein.

Der Artikel ist Teil unserer Serie „Wie Innovation Krankheiten besiegt“: https://pharma-fakten.de/schlagworte/schlagwort/wie-innovation-krankheit-besiegt/. Sie basiert auf dem Report „Der Wert medizinischer Innovationen“ von LAWG Deutschland e.V.: https://lawg-deu.de/studie-wert-von-innovationen-vintura/.

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