Die Behandlung von Menschen mit Diabetes hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Das liegt vor allem an der Entwicklung von neuen Arzneimitteln und Arzneimittelklassen. Foto: iStock.com / DGLimages
Die Behandlung von Menschen mit Diabetes hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Das liegt vor allem an der Entwicklung von neuen Arzneimitteln und Arzneimittelklassen. Foto: iStock.com / DGLimages

Wie Innovation Krankheit besiegt: Diabetes

Die Behandlung von Menschen mit Diabetes hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Das liegt vor allem an der Entwicklung von neuen Arzneimitteln und Arzneimittelklassen, die neben der Kontrolle des Blutzuckers auch die Folge- und Begleiterkrankungen vermindern helfen. In der Pharma Fakten-Serie „Wie Innovation Krankheit besiegt“ geht es diesmal um die Stoffwechselerkrankung Diabetes.

Sie gilt als der erste historisch belegte Mensch mit Diabetes Mellitus Typ 2: Hatschepsut, die ca. 1479–1458 v. Chr. als Pharaonin Ägypten regierte. Untersuchungen ihrer Mumie deuten auf Übergewicht, Diabetes und Krebs hin. Sie war wohl eine der faszinierendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit; statt gewaltsamer Eroberungen setzte sie auf Handel und Diplomatie; ihre Regentschaft steht für Frieden und Wohlstand. Nach ihrem Tod versuchten die (männlichen) Nachfolger ihre Spuren in der Geschichte zu tilgen: Feministische Außenpolitik stand schon damals nicht hoch im Kurs.

Heute, 3.500 Jahre später, ist Typ 2-Diabetes so etwas wie der Prototyp einer Volkserkrankung. 8,9 Millionen Fälle sind in Deutschland dokumentiert, auf weitere zwei Millionen wird die Zahl derer geschätzt, die nicht wissen, dass sie krank sind. Jedes Jahr kommen 450.000 Neudiagnosen hinzu; jährlich erkranken allein 50.000 Frauen an Schwangerschaftsdiabetes. Die Krankheit hinterlässt deutliche Spuren: „Etwa jeder fünfte Todesfall in Deutschland (16 Prozent) ist mit einem Typ-2-Diabetes assoziiert“, schreibt das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung (DZD). Und auch das ist Diabetes: Mehr als 37.000 Kinder und Jugendliche sowie 340.000 Erwachsene haben einen Typ-1-Diabetes.

Schaut man sich die globalen Zahlen an, zeigt sich: Diabetes ist heute eine „Weltkrankheit“, eine Epidemie globalen Ausmaßes. Auf 820 Millionen Menschen (2022) wird die Zahl der Betroffenen geschätzt. Eine weitere Studie zur Inzidenz-Entwicklung zeigt, dass diese Krankheit mittlerweile eines der größten Gesundheitsprobleme weltweit ist – Tendenz steigend.

Neue Arzneimittel gegen Diabetes – den ganzen Menschen im Blick

Dr. Ludwin Ley, Medizinischer Leiter des Therapiegebietes für Herzkreislauf-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen beim forschenden Unternehmen Boehringer Ingelheim in Deutschland
Dr. Ludwin Ley, Boehringer Ingelheim in Deutschland. Foto: BI

Die gute Nachricht ist: Ein Mangel an Therapiemöglichkeiten ist keine Hürde, um Diabetes und die Folgen einzudämmen. Das geht aus der Publikation „Der Wert medizinischer Innovationen“ hervor, die LAWG Deutschland – ein Verein, in dem 17 weltweit agierende Pharmaunternehmen organisiert sind – veröffentlicht hat. Seit dem Jahr 2006 sind gezielt wirkende Antidiabetika zur Behandlung des Typ 2 in die Apotheken gekommen, die das Ergebnis aufwändiger pharmazeutischer Forschung sind. Heute stehen vier neue Arzneimittelklassen zur Verfügung: die DPP-4-Inhibitoren, die GLP-1-Agonisten, SGLT2-Inhibitoren und die doppelten GIP/GLP-1-Analoga (s. Grafik).

„Bei der Therapie von Typ-2-Diabetes hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre ein grundlegender Wandel vollzogen; insbesondere auch, weil inzwischen neue Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen“, sagt Dr. Ludwin Ley, Medizinischer Leiter des Therapiegebietes für Herzkreislauf-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen beim forschenden Unternehmen Boehringer Ingelheim in Deutschland. Denn die neuen Arzneimittel haben die Art und Weise, Diabetes zu behandeln, fundamental verändert: „Diese neuen Therapien helfen nicht nur bei der Kontrolle des Blutzuckers, sondern schützen bzw. unterstützen darüber hinaus auch Herz und Nieren.“ Das bedeutet: „Der Entwicklung schwerwiegender Folgeerkrankungen des kardio-renalen Systems, etwa eine chronische Herzinsuffizienz oder eine chronische Nierenkrankheit (CKD), kann entgegengewirkt werden bzw. kann eine bestehende Erkrankung positiv beeinflusst werden.“

Moderne Diabetes-Therapie: Organkomplikationen reduzieren

Dr. Jörg-Markus Paul, Medizinischer Leiter Kardiometabolische Gesundheit beim forschenden Unternehmen Lilly
Dr. Jörg-Markus Paul, Lilly. Foto: Lilly Deutschland

Dr. Jörg-Markus Paul, Medizinischer Leiter Kardiometabolische Gesundheit beim forschenden Unternehmen Lilly ergänzt: „Wir sind weg von einer rein glukozentrischen Perspektive, die primär auf die Senkung des Blutzuckerspiegels abzielte, hin zu einer Therapie, die die gesamte kardiometabolische Gesundheit der Menschen mit Diabetes im Fokus hat.“ Das Ziel: Durch eine frühe Therapie mit hochwirksamen Medikamenten sollen Organkomplikationen reduziert bzw. verhindert werden. „Diese Entwicklung wurde maßgeblich durch die großen kardiovaskulären Outcome-Studien zu SGLT-2-Inhibitoren und später auch zu Inkretinen vorangetrieben. Heute orientieren sich im Prinzip alle Leitlinien an diesen Erkenntnissen.“

Bessere Behandlungsmöglichkeiten und Früherkennung dürften vor allem dafür verantwortlich sein, dass die Sterblichkeit aufgrund von Diabetes und seinen Folgeerkrankungen seit 1945 um 71 Prozent abgenommen hat; Menschen mit Diabetes, deren Blutzucker gut eingestellt ist und die auf ihre Gesundheit achten, haben heute eine annährend gleich hohe Lebenserwartung wie Menschen ohne die Krankheit. Vor allem für die Arzneimittelinnovationen der vergangenen Jahre gilt, dass sich das Risiko für schwere kardiale Ereignisse und Nierenversagen stark vermindert hat.

Trotz der Erfolge: Die Forschung ist noch lange nicht zu Ende. Noch einmal Dr. Paul von Lilly: „Aufgrund neuer Medikamente, aktueller Studien im Bereich Adipositas sowie eines vertieften Verständnisses der Rolle von Übergewicht bei Typ-2-Diabetes rückt die Gewichtsreduktion […] zunehmend in den Fokus. Zunehmend stärkere gewichtsreduzierende Effekte lassen sich durch multiple Inkretin-Agonisten erzielen“ – darunter etwa ein innovativer Wirkstoff, der die Wirkung zweier Darmhormone gleichzeitig nachahmt.

Diabetes: Hoffnung auf Heilung?

Die Hoffnung ist, dass es in Zukunft möglich sein wird, neben solch doppelt wirksamen Agonisten auch solche zur Marktreife zu bringen, die dreifach wirken. Sie sollen in der Lage sein gleichzeitig drei Hormonrezeptoren zu aktivieren, die beim Glukose- und Energiestoffwechsel eine zentrale Rolle spielen. Studien dazu laufen bereits und die bisher bekannten Ergebnisse sind vielversprechend.

Das wäre dann – wer weiß – die nächste Generation von neuen Medikamenten gegen Diabetes. Und – wer weiß – der Einstieg in eine Welt, in der die Stoffwechselerkrankungen ganz zurückgeführt werden könnte (Remission). Hoffnung auf Heilung nährt außerdem die Forschung mit Gentherapien, deren Ziel es ist, bei Menschen mit Typ-1-Diabetes die Insulinproduktion genetisch wiederherzustellen.

Führt unbehandelt zu schweren Komplikationen: Diabetes

Diabetes mellitus ist eine Erkrankung, die zur Folge hat, dass der Blutzuckerspiegel dauerhaft erhöht ist. Er muss von den Betroffenen daher selbst reguliert werden – etwa durch Medikamente. Schlecht eingestellte Blutzuckerwerte können schwere gesundheitliche Komplikationen nach sich ziehen – die Palette reicht von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Arteriosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall, Bluthochdruck) über Neuropathie (Taubheit, gestörte Schmerzwahrnehmung, Muskelschwäche, Erektionsstörungen) bis hin zu Augenerkrankungen (Grauer und Grüner Star, Gefahr der Erblindung).

Der Artikel ist Teil unserer Serie „Wie Innovation Krankheit besiegt“: https://pharma-fakten.de/schlagworte/schlagwort/wie-innovation-krankheit-besiegt/.

Weiterführender Link:
https://lawg-deu.de/studie-wert-von-innovationen-vintura/

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