Roland Werner, Leiter Gesundheitswirtschaft & Pharma bei PwC Deutschland, spricht von einer „Unsicherheit in der deutschen Bevölkerung“. Er denkt: „Erfahrungen wie Engpässe in der Medikamentenversorgung, Fachkräftemangel und Ärztestreiks schüren die Unzufriedenheit.“ Wie aus einer repräsentativen Befragung von PwC Deutschland unter 1.000 Bürger:innen hervorgeht, sieht nur noch knapp die Hälfte von ihnen (52 %) das hiesige Gesundheitssystem in den „Top 3“ weltweit. Es ist der niedrigste Wert seit Beginn der Befragungen.
Immerhin ist politisch einiges im Gange: Dauerbrenner sind die Diskussionen um eine Krankenhausreform und Veränderungen in der Pflege, das Gesundheitsdatennutzungsgesetz soll die digitalisierte Medizin vereinfachen, die Notfallreform 2025 starten, das Gesundheitsversorgungstärkungsgesetz diesen Sommer verabschiedet werden. Doch die PwC-Befragten zeigen sich skeptisch: Nur 8 Prozent sind „sehr zuversichtlich“, dass die angekündigten Reformen das System voranbringen werden. 25 Prozent sind „eher zuversichtlich“ – 62 Prozent zweifeln daran. Unterschiede gibt es nach Alter: Jüngere sind optimistischer – für die über 55-Jährigen stellt PwC hingegen „eine Art Reformmüdigkeit“ fest.
Gesundheitssystem: Personal- und Ressourcenmangel
Zu den größten Herausforderungen zählen drei Viertel der Deutschen den Fachkräftemangel – es folgen die Sicherung der Versorgungsqualität (51 %), Defizite im ländlichen Raum (47 %) und die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens (44 %).
„Personalknappheit und Zeitdruck machen sich auch in der Bewertung der ärztlichen Behandlungen bemerkbar“, heißt es bei PwC. „Die Zufriedenheit mit der Behandlungsqualität ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich leicht gesunken und liegt aktuell bei 35 Prozent […]. Der wesentliche Kritikpunkt: Ärzt:innen nehmen sich zu wenig Zeit“. Die Zufriedenheit mit der Krankenhausversorgung liegt momentan bei 52 Prozent.
Trotz gestiegener Zusatzbeiträge bekommen die Krankenversicherungen weiterhin hohe Anerkennung (87 %). Mehr als jede:r Zweite bewertet zudem die Kassen in Bezug auf Digitalisierung und Innovation als fortschrittlich. „Die eigentliche Bewährungsprobe“ stehe aber noch aus, so Thorsten Weber, Leiter Beratung GKV bei PwC Deutschland: „die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePa) ab Anfang 2025, in der alle Gesundheitsinformationen gebündelt sein werden“.
Innovationskraft der Pharmaindustrie
Die pharmazeutische Branche kann den Imagegewinn aus der Pandemie halten: „31 Prozent bewerten sie als innovative Unternehmen, die einen Beitrag zur Heilung von Krankheiten leisten“, heißt es. Vor allem jüngere Menschen erkennen demnach die Innovationskraft der Firmen an. Insgesamt sprechen sich 59 Prozent der Befragten dafür aus, dass die Unternehmen neue Präparate entwickeln, um den Patient:innen beste Heilungschancen zu bieten. Die Entwicklung von Generika als kostengünstige Nachahmerprodukte ist den Bürger:innen weniger wichtig. Gleichzeitig wollen immer mehr Menschen, dass Medikamente innerhalb Europas hergestellt werden.
Roland Werner, PwC, sagt: „Das Image der Pharmabranche, historisch gewachsen, verändert sich allmählich. Die Bürger:innen verstehen, dass es vor allem die Innovationskraft und die Forschungsleistung sind, die vergütet werden müssen. Bei der Entwicklung von neuen innovativen Medikamenten gehen die Unternehmen ein hohes Risiko ein, bei dem sie auch scheitern können.“
Gesundheitssystem zukunftsfit machen
„Die Ergebnisse unserer Befragung zeigen, dass die Menschen in Deutschland sich ein echtes Zukunftskonzept für die Gesundheitsversorgung wünschen, das den Namen verdient. Den Krisenmodus müssen wir hinter uns lassen. Die wesentlichen Eckpfeiler: eine bessere Verzahnung des ambulanten und stationären Sektors oder die konsequente Nutzung von Telemedizin und Digitalisierung“, betont Michael Ey, Co-Lead Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland.
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