Es steht viel auf dem Spiel: Die Klimakrise bedroht die Gesundheit und Existenz von Menschen weltweit. Dabei geht es auch um Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Foto: ©iStock.com/AndreyPopov
Es steht viel auf dem Spiel: Die Klimakrise bedroht die Gesundheit und Existenz von Menschen weltweit. Dabei geht es auch um Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Foto: ©iStock.com/AndreyPopov

Klimakrise: Ungesund und ungerecht

„Die Klimakrise ist wohl die größte Bedrohung für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen“, sagt Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Höheres Risiko für Pandemien, veränderte Krankheitsausbreitung, tödliche Hitzewellen: Bei einer Veranstaltung des RKI machten Fachleute deutlich, wie groß die Gefahr und wie sozial ungerecht die Situation ist.

Über 33 Millionen Menschen betroffene Menschen, bis zu ein Drittel des gesamten Landes unter Wasser: „Dies ist nicht mehr der normale Monsun – dies ist eine Klima-Dystopie vor unserer Haustür“, erklärte Klimaschutzministerin Sherry Rehman angesichts der Flutkatastrophe in Pakistan. Doppelt so viel Regen wie üblich gab es in diesem Jahr – in manchen Provinzen weit mehr (s. Berliner Zeitung). Laut „Klima-Risiko-Index“ der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch gehört Pakistan zu den zehn Ländern, die in den vergangenen 20 Jahren am stärksten von Wetterextremen betroffen waren. Da ist nicht nur der Starkregen. Hinzu kommt: Pakistan hat über 7.000 Gletscher – die bei steigenden Temperaturen zunehmend abschmelzen und Überschwemmungen verursachen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) befürchtet, dass sich in der momentanen Situation Krankheiten schneller ausbreiten. Medien wie der Berliner Kurier titeln: „Die Klimakrise schlägt zu“.

Planetare Notfallsituation: Eine Gesundheitskrise

Planetare Notfallsituation: Eine Gesundheitskrise
Die Menschheit zerstört ihre eigenen Lebensgrundlagen. Foto: CC0 (Stencil)

Diesen Eindruck vermittelt auch eine Veröffentlichung des RKI: Zu lesen sind dort Abstracts von den Vorträgen mehrerer Expert:innen, die im Rahmen des Robert Koch Colloquium 2022 im Mai und Juni zu „Climate Change und Public Health“ gehalten wurden.

„Wir sind in einer planetaren Notfallsituation“, diagnostizierte Univ.-Prof. Dr. Dr. Sabine Gabrysch vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Wir überschreiten mehrere planetare Belastungsgrenzen und nähern uns gefährlichen Kipppunkten im Erdsystem. Die Menschheit zerstört ihre eigenen Lebensgrundlagen auf dem Planeten Erde, gefährdet seine Bewohnbarkeit und das Überleben unserer Zivilisation“. Die Klimakrise verstärke „Wetterextreme mit tödlichen Hitzewellen und Überflutungen. Dürren führen zu Missernten und Hungersnöten. Die Zerstörung natürlicher Lebensräume macht Pandemien wahrscheinlicher.“

Ärzt:innen, die die Erde als Patientin hätten, würden „drei Leitsymptome finden: 1.) Erhitzung des Klimas, 2.) Verschmutzung von Luft, Wasser und Land und 3.) einen massiven Verlust von Biodiversität. Verursacher ist der Mensch, der seine Bevölkerungszahl und seinen Ressourcenverbrauch in kurzer Zeit vervielfacht hat.“

Planetary Health: Gesundheit von Mensch, Tier und Erde

Bedroht ist die „Planetary Health“: Dabei geht es, so Gabrysch, „um die Gesundheit der Menschen und anderer Lebewesen, der Populationen und Ökosysteme und des gesamten Planeten Erde, in dem Verständnis, dass alles Leben untrennbar miteinander verbunden ist.“

Arturo Casadevall von der Johns Hopkins School of Public Health in Baltimore, USA, verwies etwa auf das mögliche Auftreten neuer Pilzkrankheiten, „wenn sich Pilzarten an eine wärmere Welt anpassen“. In den vergangenen Jahren wurde zum Beispiel darüber berichtet, dass es gehäuft zu Erkrankungen aufgrund des gefährlichen Hefepilzes „Candida auris“ kommt – 2009 wurde er erstmals entdeckt. Es scheint, dass er sich aufgrund der Klimakrise an einer höhere Umgebungstemperatur gewöhnt hat – und erst dadurch im menschlichen Körper bei rund 37 Grad gedeihen kann (s. scinexx.de).

Planetary Health: Gesundheit von Mensch, Tier und Erde
Wärmere Temperaturen: Fortpflanzungsfähigkeit der Zecken wird erhöht. Foto: ©iStock.com/Christian Horz

Lyle R. Petersen, Karen Holcomb und Charles B. Beard von den „U.S. Centers for Disease Control and Prevention“ erklären außerdem, dass sich die Klimakrise „bereits auf das Auftreten und die Verbreitung von durch Vektoren übertragene Krankheiten in den USA und Europa ausgewirkt hat und dies auch weiterhin tun wird.“ Mit „Vektoren“ sind Überträger wie Mücken oder Zecken gemeint. So werden etwa Zecken der Gattung Ixodes, Überträger von Borreliose und FSME, von Temperatur und Niederschlag beeinflusst. „Wärmere Temperaturen erhöhen die Fortpflanzungsfähigkeit der Zecken, verlängern die Saison und fördern die Wirtssuche, während eine höhere Luftfeuchtigkeit die Überlebensrate erhöht. […] Klimabedingte Temperaturerhöhungen im Norden der USA und in Europa haben zu einer dramatischen Ausbreitung von Zecken der Gattung Ixodes im Norden und einer damit einhergehenden Zunahme der Krankheitshäufigkeit geführt.“ Es ist nur ein Beispiel von vielen: Auch Erreger wie das durch Mücken übertragbare, tropische West-Nil-Virus sieht man inzwischen in Regionen, die die Krankheit zuvor nicht kannten (s. SWR).

Klimakrise verstärkt soziale Ungerechtigkeiten

Doch wie kann die Menschheit „in kürzester Zeit eine radikale Umgestaltung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise, eine große Transformation unserer Gesellschaft“ (O-Ton Gabrysch) schaffen? „Wir müssen verstehen, dass […] unsere Gesundheit, unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft letztlich von einer intakten Natur, von einem stabilen Klima abhängen“, meint Gabrysch. Dabei geht es auch um Gerechtigkeitsfragen. „Die Reichen verursachen das Problem und die Armen und künftige Generationen tragen die Hauptlast.“ Oder anders gesagt: Diejenigen, die am wenigsten zur Klimakrise beitragen, leiden am meisten. Siehe Pakistan:  Das Land stößt weniger als ein Prozent der weltweiten klimaschädlichen CO2-Emissionen aus – und ist den Folgen der Klimakrise doch besonders massiv ausgesetzt (s. Handelsblatt).

Klimakrise verstärkt soziale Ungerechtigkeiten
Soziale Ungleichheit: Die Klimakrise trifft insbesondere vulnerable Gruppen. Foto: ©iStock.com/AndreyPopov

Und auch in Europa trifft es die Menschen am stärksten, die eh schon zu den vulnerablen Gruppen gehören. Aleksandra Kazmierczak von der European Environment Agency in Kopenhagen, Dänemark, schreibt: „So sind beispielsweise ältere Menschen, Kinder, Menschen, die in Armut leben, Menschen mit schlechtem Gesundheitszustand oder mit Behinderungen tendenziell anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels als die Allgemeinbevölkerung. Darüber hinaus hängt die Fähigkeit der Menschen, Klimagefahren zu vermeiden oder sie zu bewältigen, von ihren finanziellen Ressourcen, dem Umfang ihrer sozialen Netzwerke, Wohneigentum und anderen Faktoren ab.“

Selbst bereits bestehende „Klimaanpassungsmaßnahmen kommen nicht allen Menschen in gleichem Maße zugute“, kritisiert sie. „So haben beispielsweise die am stärksten gefährdeten Gruppen in der Regel weniger Zugang zu Grünflächen und sind am wenigsten in der Lage, für eine Hochwasserversicherung oder die Hochwassersicherheit ihrer Häuser zu zahlen.“ Die Folge: Bestehende Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft verstärken sich.

Chance für globale Gesundheit?

Bei der Frage, wann, wie, welche Maßnahmen gegen die Klimakrise und ihre Folgen ergriffen werden, geht es also immer auch um soziale Gerechtigkeit und öffentliche Gesundheit. Mit den richtigen Strategien kann aber eine „Win-win-Situation“ entstehen, ist Gabrysch überzeugt: „Viele Lösungen nutzen Synergien, gut für den Planeten und gut für unsere Gesundheit. […] Wenn wir zum Beispiel aufhören, fossile Energien zu verbrennen, könnte das Millionen Todesfälle durch Luftverschmutzung vermeiden. Städte fahrrad- und fußgängerfreundlich zu gestalten, lädt Menschen zu mehr Bewegung ein. Und weniger Fleisch und dafür mehr Gemüse zu essen, wäre ein enormer Gewinn für Klima, Biodiversität und die Gesundheit von Menschen und Tieren.“ Sie betont die besondere Verantwortung und Glaubwürdigkeit von Menschen in Gesundheitsberufen: Sie „können eine wichtige Rolle spielen in der öffentlichen Debatte über die planetare Krise“. Denn Sie können vor Gefahren warnen, „aber auch auf die langfristigen und die kurzfristigen Vorteile für die Gesundheit hinweisen.“

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