Poliomyelitis lähmte früher jedes Jahr hunderttausende Kinder. Heute ist eine weltweite Ausrottung der Krankheit in greifbarer Nähe – theoretisch. Foto: ©iStock.com/FotoDuets
Poliomyelitis lähmte früher jedes Jahr hunderttausende Kinder. Heute ist eine weltweite Ausrottung der Krankheit in greifbarer Nähe – theoretisch. Foto: ©iStock.com/FotoDuets

Polio „bleibt eine Bedrohung, solange es irgendwo auf der Welt existiert“

Poliomyelitis lähmte früher jedes Jahr hunderttausende Kinder und verbreitete auf dem ganzen Globus Angst und Schrecken. Dank weltweiter Impfprogramme sind die Fallzahlen „seit 1988 um 99,9 Prozent gesunken“, sagt Vismita Gupta-Smith, die bei der Weltgesundheitsorganisation die Kommunikationsabteilung leitet. In einer Folge der WHO-Videoreihe „Science in 5“ spricht sie mit dem Experten Dr. Jamal Ahmed über die mögliche Ausrottung der Krankheit.

Die Fakten

  • Die Polio-Fallzahlen sind seit 1988 um mehr als 99 Prozent gesunken.
  • Nur noch in 2 Ländern – Afghanistan und Pakistan – ist Polio endemisch.
  • 2025 gab es weltweit weniger als 50 Fälle mit dem Wildpoliovirus Typ 1; Wildpolio Typ 2 und 3 gelten als ausgerottet.
Vismita Gupta-Smith und Dr. Jamal Ahmed im Gespräch
Vismita Gupta-Smith & Dr. Jamal Ahmed im Gespräch. Screenshot: WHO’s Science in 5

2025 gab es weniger als 50 Fälle mit dem Wildpoliovirus – betroffen waren nur noch zwei Länder weltweit. Es ist ein enormer Fortschritt: Bis in die 1980er wurden hunderttausende Menschen jedes Jahr weltweit durch das Virus gelähmt. Fakt ist: „Polio ist eine schwerwiegende Krankheit, die keine Grenzen respektiert. […] Solange das Virus irgendwo auf der Welt existiert, sind Kinder überall gefährdet“, erklärt Vismita Gupta-Smith in einer aktuellen Folge von Science in 5. „Tatsächlich haben wir in den vergangenen Jahren Einschleppungen in Länder Afrikas und Europas gesehen.“ Polio ein für alle Mal beenden: Laut WHO würde das bedeuten, „dass kein Kind jemals wieder durch diese Krankheit gelähmt wird – und dass Gesundheitssysteme weltweit Milliarden einsparen.“

Möglich ist das: Impfstoffe spielen dabei eine entscheidende Rolle. „Bevor wir Impfungen hatten, war die Welt von Polio geprägt“, bestätigt Mediziner Dr. Jamal Ahmed, WHO-Direktor für die Polio-Ausrottung. „Es gab großflächige Ausbrüche in vielen Städten Europas, Nordamerikas und in zahlreichen anderen Regionen der Welt. Heute sehen die Menschen Polio nicht mehr. Es wirkt wie eine ferne Erinnerung.“ Doch insbesondere für ältere Menschen gilt: „Sie haben die langen Schlangen in Kinderkrankenhäusern gesehen, die Reihen von Lungenmaschinen, die den Erkrankten beim Atmen halfen, und die vielen Todesfälle. Die Impfstoffe haben die Welt verändert – ganz eindeutig.“

1988 hat sich die Weltgesundheitsversammlung in Genf darauf geeinigt, Polio bis zum Jahr 2000 ausrotten zu wollen. „Damals hatten wir mehr als 350.000 Fälle – das sind etwa tausend Fälle pro Tag“, weiß Dr. Ahmed. Die Eradikation gelang in fast allen der über 125 ehemals endemischen Länder. „Gegen Ende des Jahrhunderts blieben nur noch wenige Schlüsselstaaten übrig. Seitdem ist es ein langer, mühsamer Weg, die Epidemie und die Übertragung in diesen Ländern zu beenden. Viele haben es geschafft, doch zwei Länder sind geblieben.“

Polio-Ausrottung: Schwieriger als gedacht?

Polio-Ausrottung: Schwieriger als gedacht?
Impfkampagne: Polio ausrotten! Foto: ©iStock.com/Manjurul

Das ist auch geopolitisch bedingt, meint der Experte: „Unsicherheit, schwieriger Zugang, viele unterschiedliche Herausforderungen, die an einem sehr kleinen geografischen Punkt zusammenkommen – entlang der Grenze der beiden endemischen Länder Afghanistan und Pakistan.“ Gelingt die globale Eradikation nicht, wird Polio „massiv zurückkehren“, prognostiziert Dr. Ahmed. „All die Erfolge jahrzehntelanger harter Arbeit wären zunichte. Das wollen wir nicht. Wir sehen bereits gelegentliche Exporte aus diesen endemischen Gebieten. Vor einigen Jahren hatten wir zwei Wildpoliovirus-Ausbrüche im südlichen Afrika. Kürzlich gab es Nachweise in Deutschland. Die Welt ist nicht poliofrei, solange wir nicht alle poliofrei sind. Ausrottung bedeutet alles oder nichts. Entweder wir sind fertig – oder die Krankheit kommt mit voller Wucht zurück.“

Dr. Ahmed appelliert: „Stellen Sie sicher, dass Ihre Kinder […] vollständig geimpft sind. Zweitens: Fordern Sie Ihre Gemeinschaft, lokale Entscheidungsträger:innen und Ihre Regierung auf, den Schutz von Kindern – einschließlich Impfungen – zu priorisieren. Drittens: Setzen Sie sich aktiv für Impfungen und für das Polio-Ausrottungsprogramm ein, wo immer Sie können, damit wir dieses Ziel gemeinsam erreichen.“

In Deutschland hatten im Alter von 15 Monaten „96 Prozent der Kinder im Jahr 2024 eine Grundimmunisierung gegen […] Poliomyelitis (Kinderlähmung) begonnen“ – und auch die zweite Impfstoffdosis war mit 93 Prozent „weiterhin hoch“, so das Robert Koch-Institut. „Viele Kinder schließen die Grundimmunisierung jedoch nicht zeitgerecht ab.“ So waren mit 24 Monaten lediglich 75 Prozent vollständig gegen Poliomyelitis geimpft. Bis zum Alter von 6 Jahren waren es zuletzt 88 Prozent. Auch in der Bundesrepublik sind also viele Menschen nicht ausreichend vor der lebensbedrohlichen Erkrankung geschützt.

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