Deutschland ist geteilt: In der einen Welt ist die Lungenkrebstherapie hochpersonalisiert. Sie basiert auf umfassender molekularer Diagnostik, nutzt zielgerichtete und Immuntherapien, setzt Operation und Radiochemotherapie präzise ein und wird durch interdisziplinäre Tumorboards in „State-of-the-Art“-Netzwerken gesteuert. Das gilt vor allem beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC). In der anderen Welt beherrscht noch die Chemotherapie das Therapiegeschehen. Auch in Fällen, wo das gar nicht nötig wäre oder schlicht nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entspricht. Zusammen mit führenden Expert:innen aus Medizin, Ökonomie und mit einer starken Beteiligung von Patient:innen-Seite ist deshalb ein 10-Punkte-Papier entstanden – unterstützt vom forschenden Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo.
Eine Bestandsaufnahme: In Deutschland erkranken jährlich etwa 23.655 Frauen und 32.922 Männer an Lungenkrebs, 18.349 Frauen und 26.614 Männer versterben daran. „Trotz medizinischer Fortschritte – vor allem durch Prävention, Früherkennung und neuartige, immunonkologische und zielgerichtete Therapien, zählt Lungenkrebs weiterhin zu den häufigsten und tödlichsten Krebsarten weltweit“, heißt es in der Publikation.
Lungenkrebs: Luft nach oben bei Prävention und Früherkennung
Vor allem in der Prävention lässt Deutschland viele Chancen liegen – Stichwort Tabakkontrolle. Die Raucherprävalenz stagniert im internationalen Vergleich auf relativ hohem Niveau – und Rauchen ist nun mal einer der effizientesten Wege, um an Lungenkrebs zu erkranken: „Bei Männern lassen sich 87 Prozent und bei Frauen 86 Prozent der Lungenkrebsfälle auf das Rauchen zurückführen“, ist im Papier zu lesen. Das Präventionspotenzial bleibt weitgehend ungenutzt und verursacht fast 100 Milliarden Euro an gesamtgesellschaftlichen Kosten. Rund zehn Prozent der Betroffenen haben jedoch in ihrem Leben nie geraucht – auch für sie müssen wirksame Angebote der Früherkennung, moderner Diagnose und zielgerichteter Therapie zur Verfügung stehen. „Lungenkrebs ist die häufigste Krebstodesursache weltweit“, sagt Dr. Anna Kron, die die Geschäftsstelle des nationalen Netzwerkes Genomische Medizin Lungenkrebs (nNGM) in Köln leitet.
In Sachen Sekundärprävention gilt: Früherkennungsmaßnahmen werden nur zögerlich umgesetzt. Das ist im Falle von Lungenkrebs besonders tragisch, da die Erkrankung in frühen Stadien meist symptomlos verläuft und deshalb bei etwa 70 Prozent der Betroffenen erst im fortgeschrittenen Verlauf diagnostiziert wird – oft zu spät für eine Behandlung mit Heilungschancen. Immerhin: Das Vorhaben, Raucher:innen eine Niedrigdosis-CT anzubieten – also ein computertomografisches Lungenbild, wodurch Tumore deutlich früher zu erkennen sind – ist beschlossene Sache. Es sollte „nun auch schnell und flächendeckend implementiert werden. Die Einführung ist für das Jahr 2026 geplant und erste Zentren haben bereits die Zulassung beantragt“, schreiben die Autor:innen des Positionspapiers. Dr. Anna Kron erklärt: „So hoffen wir, dass wir künftig mehr Patient:innen in den frühen Stadien detektieren können.“ Studien zeigen, dass die Zahl der Todesfälle durch dieses Verfahren bei konsequenter Umsetzung um bis zu 24 Prozent reduziert werden kann. Es gilt als eines der wirksamsten Krebs-Screenings überhaupt und wird in anderen Ländern bereits erfolgreich eingesetzt.
Arzneimittelinnovationen: Wendepunkt in der Krebstherapie
Das Jahr 2009 gilt in der Behandlung des NSCLC als eine Art Wendepunkt – die ersten molekular zielgerichteten Therapien erblicken das Licht der medizinischen Welt. Sie zielen auf spezifische genetische Veränderungen im Tumor ab „und können für definierte Patientengruppen deutliche Überlebensvorteile bringen“, heißt es im Positionspapier dazu. Vor rund zehn Jahren kamen dann die Immuncheckpoint-Inhibitoren. Sie sorgen dafür, dass das körpereigene Immunsystem in der Lage ist, Tumorzellen gezielt zu bekämpfen. Darüber hinaus bieten neue zielgerichtete Therapiekonzepte wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC) und immunologische Ansätze zusätzliche Optionen mit teils hoher Wirksamkeit auch bei vorbehandelten Patient:innen.
Doch Grundvoraussetzung für diese Therapien ist eine molekulare Diagnostik. Durch sie werden Treibermutationen erkannt, durch sie kann das Team der Behandler:innen über das richtige Vorgehen entscheiden – erst das ermöglicht hochwirksame zielgerichtete Therapien und verhindert Fehltherapien: Überleben und Lebensqualität verbessern sich. Die molekulare Diagnostik ist wie ein Navigationssystem, sodass durch die genaue Analyse des Tumor-Erbguts die richtige Therapie-Route freigeschaltet werden kann.
Allerdings wird die Testung noch nicht flächendeckend eingesetzt – die Testraten variieren stark. Das zu ändern, dafür tritt unter anderem das nNGM an: Es sorgt dafür, dass Lungenkrebspatient:innen Zugang zu exzellenter molekularer Diagnostik, maßgeschneiderter Therapie und innovativen Studien haben. Warum das wichtig ist? Die 5-Jahres-Überlebensrate ist bei einer Lungenkrebstherapie im hochprofessionellen Netzwerk-Setting deutlich höher. Dr. Anna Kron: „Es muss das Maß aller Dinge sein, dass alle Patient:innen unabhängig von Wohnort gleich gut behandelt werden.“ Deshalb müssten auch mehr klinische Studien in Deutschland durchgeführt werden – als zusätzliche Therapiemöglichkeiten, wenn andere Behandlungen bereits gescheitert sind.
Lungenkrebs: Der 10-Punkte-Plan von Vision Zero
Um das Vision Zero-Ziel zu erreichen und möglichst alle vermeidbaren Krebs-Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern, haben die Expert:innen einen 10-Punkte-Plan vorgelegt:

- Erhöhung der Tabaksteuer, um Menschen vom Einstieg abzuhalten sowie Raucher:innen zum Aufhören zu motivieren; außerdem Schutz vor Passivrauch im öffentlichen Raum durch weitere Rauchverbote;
- Einführung einer Präventionsabgabe: zweckgebundene Finanzierung bundesweiter Aufklärungskampagnen, Entwöhnungsprogramme und Budgetentlastung der GKV;
- strategisch ausgerichtete, kontinuierliche, bundesweite Aufklärungskampagnen: stärker auf junge Menschen zugeschnitten, um Umgehungen von Werbeverboten in sozialen Medien zu begegnen;
- Aus-, Fort- und Weiterbildung in den Gesundheitsberufen systematisch stärken;
- schnelle, flächendeckende Implementierung eines nationalen Lungenkrebs-Früherkennungsprogramms;
- Auf- und Ausbau bundesweit verzahnter, digital vernetzter und qualitätsgesicherter Experten-Netzwerkstrukturen nach dem Vorbild der zertifizierten Krebszentren und des nNGM, um flächendeckend eine schnellere und präzisere Diagnose, leitliniengerechte Therapie und einen effizienten Innovationstransfer in die Versorgung zu gewährleisten;
- schnellere Implementierung von Innovationen in der klinischen Routine, um die bestehende Translationslücke in Deutschland zu schließen; Fehlanreize, die nicht-innovative Therapien bevorzugen, müssen abgeschafft werden. Der Standort für klinische Studien ist gezielt zu stärken.
- Etablierung national harmonisierter Qualitätsstandards, insbesondere für molekulare Testungen und interdisziplinäre Behandlungswege, um wohnortunabhängig eine gleichwertige Versorgung zu sichern; und: verbindliche Integration von Nachsorge- und Supportangeboten als fester Bestandteil des Behandlungspfades mit gesicherter Finanzierung;
- Digitalisierungsoffensive im Gesundheitswesen zur Nutzung von Real-World-Daten für eine optimierte „Echtzeit“-Versorgung; Diskussion über die Anpassung der Methodik der frühen Nutzenbewertung (AMNOG) an den medizinischen Fortschritt und komplexe Therapiemöglichkeiten;
- Erstellung einer gesundheitsökonomischen Gesamtrechnung, die nicht nur direkte und indirekte Krankheitskosten, sondern auch die Produktivitätsverluste berücksichtigt, die der Volkswirtschaft entstehen;

Fazit: Es scheint, dass in Deutschland der Hinweis, dass Rauchen eine Schneise von Leid und Tod durch die Gesellschaft zieht, immer noch für Überraschung sorgt. Die Realität aber sieht so aus: Alle 12 Minuten verliert jemand im Land den Kampf gegen den Lungenkrebs. Die meisten dieser Fälle wären vermeidbar. Die Erkrankung ist zudem eine der teuersten überhaupt. Die Potenziale von Prävention, Früherkennung, zielgerichteter Therapie und Nachsorge zu heben, ist deshalb auch eine interessante Rechenaufgabe für diejenigen, die darüber nachdenken, wie das Gesundheitssystem in Zukunft finanziell nachhaltig aufgestellt werden kann.
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Die Kosten des Rauchens: 97.200.000.000 Euro
Ob jemand raucht oder nicht, ist eine persönliche, eine private Entscheidung – und fällt unter die allgemeine Handlungsfreiheit, die das Grundgesetz festgeschrieben hat. Für die Folgen des Rauchens gilt das nicht, denn sie sind aus vielen Gründen ein öffentliches Problem. Jede fünfte Krebsneuerkrankung ist die Folge von Tabakkonsum und die volkswirtschaftlichen Schäden kratzen an der 100 Milliarden Euro-Marke – pro Jahr. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat eine Strategie vorgelegt, nach der Rauchen in Deutschland 2040 so gut wie keine Rolle mehr spielen soll.

Bessere Behandlung durch Präzisionsmedizin
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Diagnose Lungenkrebs: Weshalb es Hoffnung gibt
Bei kaum einer anderen Krebsart schreitet der medizinische Fortschritt so rasch voran wie beim nichtkleinzelligen Lungenkrebs. Aber: Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten kommen nicht bei allen Patient:innen an. Das Patienten-Netzwerk Zielgenau e. V. möchte das ändern. Bärbel Söhlke, Lungenkrebs-Patientin und Vorstandsmitglied bei Zielgenau, erklärt im Interview, was Betroffene tun können, um die bestmögliche Lungenkrebs-Therapie zu erhalten.
