Die Leber ist ein echtes Multitalent: Bei den Stoffwechselprozessen im menschlichen Körper übernimmt sie zentrale Aufgaben; sie baut Substanzen ab oder wandelt sie um; sie wirkt regulierend im Energiehaushalt; sie spielt eine Rolle für die Verdauung und den Hormonhaushalt. „Die Funktion der Leber beeinflusst unter anderem Haut, Augen, Kreislauf, Energielevel, Entgiftung, Vitaminspeicherung und -aufnahme“, sagt Ramy Younes, medizinischer Experte zum Thema Lebergesundheit beim forschenden Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. „Eine geschädigte Leber hat somit Auswirkungen auf den gesamten Körper.“
Überraschend ist das nicht: Die menschlichen Organe sind über zahlreiche Prozesse miteinander verbunden. So arbeitet beispielsweise die Leber mit der Bauchspeicheldrüse bei der Regulierung des Blutzuckers zusammen, mit den Nieren bei der Ausscheidung von Stoffwechselprodukten und mit dem Herzen bei der Versorgung des Körpers mit Nährstoffen und Energie. Gerät in diesem Zusammenspiel etwas aus dem Gleichgewicht, kann das Folgen haben, die weit über ein einzelnes Organ hinausgehen.
Adipositas und Fettleber: Wenn Krankheiten zusammenhängen

Ein Beispiel: Eine Erkrankung wie Adipositas betrifft weit mehr als das Körpergewicht; sie geht häufig mit Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels einher. Auch in der Leber kann sich vermehrt Fett einlagern. Potenzielle Folge: eine metabolisch Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD). Bei einem Teil der Betroffenen entwickelt sich daraus eine schwerere Form: eine metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis (MASH). Dabei entzündet sich die Leber, Leberzellen werden geschädigt und das Organ kann mit der Zeit vernarben. Im schlimmsten Fall drohen Leberzirrhose oder -krebs. Schätzungen zufolge hat etwa ein Drittel der Menschen mit Adipositas gleichzeitig eine MASH; und etwa 60 bis 80 Prozent der Menschen mit MASH leben mit Adipositas.
Damit nicht genug: Die Leber ist „eng mit Volkskrankheiten wie Adipositas, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs verknüpft“, schreiben verschiedene Fachgesellschaften und Organisationen aus Gastroenterologie, Adiposiologie, Diabetologie, Kardiologie und Ernährungsmedizin in einem Strategiepapier. Sie fordern darin, dass die Lebergesundheit fest in der nationalen Präventionsstrategie verankert wird. Denn die Prävention der Fettleber sei „immer auch Prävention zahlreicher weiterer chronischer Erkrankungen.“
Leber, Herzkreislauf, Niere und Stoffwechsel zusammendenken
Einzelne Organe und Erkrankungen isoliert betrachten? Das entspricht nicht mehr dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Eine Erkrankung wie Adipositas erhöht unter anderem auch das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf- und Nierenschäden. Eine chronische Nierenerkrankung? Sie belastet das Herz-Kreislauf-System. Umgekehrt kann eine eingeschränkte Herzfunktion die Durchblutung und Funktion der Nieren beeinträchtigen.
Fachleute sprechen daher auch von kardiovaskulär-renalen-metabolischen (CRM-)Erkrankungen. Gemeint sind Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren und des Stoffwechsels, die häufig gemeinsame Risikofaktoren und Krankheitsmechanismen haben. Auch Leberleiden wie MASLD zählen zum metabolischen System und sind daher eng damit verknüpft. All diese Erkrankungen treten oft zusammen auf, können sich gegenseitig verstärken und weitere gesundheitliche Probleme begünstigen. Weltweit sind rund eine Milliarde Menschen davon betroffen. Eine wirksame Behandlung, die schwere Verläufe vermeiden hilft, ist angesichts dieser Zahlen auch ein Wirtschaftsfaktor: Denn sie verursachen rund ein Drittel aller weltweiten Kosten für stationäre Klinikaufenthalte (s. Quellen).
Prävention, Früherkennung und Behandlung dieser Erkrankungen müssten daher koordinierter erfolgen, als das bisher der Fall ist. Das könnte die Versorgung der Betroffenen deutlich verbessern: MASLD oder MASH zum Beispiel bleiben oft lange Zeit unerkannt, weil sie zunächst kaum Beschwerden verursachen. Würde bei Menschen mit Adipositas oder Typ-2-Diabetes jedoch das Risiko einer Fettleber stärker berücksichtigt, könnten womöglich Vorbeugemaßnahmen getroffen und die Betroffenen früher diagnostiziert und behandelt werden – bevor schwere Schäden entstehen. Dafür sind einfach Screenings möglich. Und: Die wirksame Behandlung der einen CRM-Erkrankung kann sich im besten Fall positiv auf die anderen auswirken.
Moderne Medizin: Behandlung ganzheitlicher gestalten

Sinnbild dafür sind die sogenannten SGLT2-Inhibitoren: Ursprünglich wurden sie entwickelt, um bei Menschen mit Typ-2-Diabetes den Blutzuckerspiegel zu senken. Später zeigte sich in Studien, dass diese Medikamente zusätzlich Herz und Nieren schützen können. Heute werden sie deshalb unter anderem zur Behandlung von Herzinsuffizienz und chronischen Nierenerkrankungen eingesetzt – auch bei Menschen ohne Diabetes.
Die Arzneimittelforschung geht in diese Richtung weiter: So arbeitet die pharmazeutische Industrie etwa an sogenannten dualen GCGR/GLP-1-Rezeptor-Agonisten – unter anderem für Menschen mit Adipositas. Dieser Ansatz kombiniert zwei unterschiedliche Wirkmechanismen in einem einzigen Präparat: Indem es auf den Rezeptor für das Hormon GLP-1 abzielt, soll es den Appetit unterdrücken, die glykämische Kontrolle verbessern und die Gewichtsreduktion fördern. Gleichzeitig soll die Aktivierung des Glukagonrezeptors (GCGR) u. a. zur Reduktion von Leberfett beitragen. Das Potenzial wird in klinischen Studien untersucht: Inwiefern wirkt ein solcher Wirkstoff nicht nur bei Adipositas, sondern adressiert auch die Fettverteilung im Körper und Begleiterkrankungen wie MASH? Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend.
Dahinter steht eine simple Idee: Wer effektiv behandeln will, muss den Menschen als Ganzes betrachten. Das wachsende Verständnis für das Zusammenspiel von Organen und Stoffwechselprozessen schafft die Grundlage für umfassendere Therapiekonzepte, die unterschiedliche Erkrankungen und ihre Wechselwirkungen berücksichtigen und sich gezielter an den individuellen Bedürfnissen der Patient:innen orientieren. Ramy Younes unterstreicht zudem: Die Leber ist „der Schlüssel zu unserem Stoffwechsel und damit zu unserem Körper als Ganzes. Deshalb ist es so wichtig, sie gut zu behandeln“.
Weiterführender Link:
https://www.aerzteblatt.de/infocenter/metabolische-gesundheit-kompakt-2fc12c67-0db0-4710-b75f-006db8cdcd50
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