Adipositas ist eine komplexe Erkrankung. Oft brauchen die Betroffenen eine multimodale Therapie. Doch häufig verhindert Stigmatisierung, dass sie die Versorgung bekommen, die ihnen zusteht. Foto: Screenshot / Pharma Fakten
Adipositas ist eine komplexe Erkrankung. Oft brauchen die Betroffenen eine multimodale Therapie. Doch häufig verhindert Stigmatisierung, dass sie die Versorgung bekommen, die ihnen zusteht. Foto: Screenshot / Pharma Fakten

Adipositas ganzheitlich denken: Das ist „wirklich notwendig“

Bei einer chronischen Erkrankung wie Rheuma oder Asthma ist allen klar: Die Patient:innen brauchen eine gute, umfassende Behandlung. Warum ist das bei Adipositas anders? Vorurteile, fragwürdige Ratschläge und Stigmatisierung verhindern bis heute, dass Betroffene die medizinische Versorgung erhalten, die sie brauchen. Dabei ist die Vorstellung von Adipositas als reines Lifestyle-Problem wissenschaftlich gesehen längst überholt. Darüber sprachen mehrere Fachleute auf der F.A.Z. Konferenz Gesundheit & Ernährung 2026.

Die Fakten

  • Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland lebt mit Adipositas. Auch 6 Prozent der Kinder sind betroffen. Die Fallzahlen steigen.
  • Die gesamtgesellschaftlichen Kosten werden auf 63 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.
  • Adipositas gilt als Ursache für 13 Krebsarten – und das Risiko steigt auch für zahlreiche andere Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden und Leberschäden.
  • Erst seit 2020 ist Adipositas in Deutschland als eine eigenständige Krankheit anerkannt. Bis heute leiden Betroffene unter Stigmatisierung und der Vorstellung, ihre Erkrankung sei ein reines „Lifestyle“-Problem.
Claudia Catacchio, Senior Consultant ten4 Consulting GmbH, lebt seit über 20 Jahren mit Adipositas. Foto: Screenshot / Pharma Fakten
Claudia Catacchio, Senior Consultant ten4 Consulting GmbH, lebt seit über 20 Jahren mit Adipositas. Foto: Screenshot / Pharma Fakten

Claudia Catacchio lebt seit über 20 Jahren mit Adipositas, einst wog sie 165 Kilogramm, heute sieht man ihr die Erkrankung nicht an. „Seit 2018 geht es mir entscheidend besser. Bei mir war eine Operation der Weg zu einer guten Einstellung und zu einem guten Leben damit. Ich habe sehr wenige Nebenwirkungen oder sonstige Probleme und meine Lebensqualität hat sich stark verbessert. Ich bin ein fast zu perfektes Beispiel, wie es gut laufen kann. Aber ich würde nie sagen, dass ich keine Adipositas mehr habe.“

Auf der F.A.Z. Konferenz Gesundheit & Ernährung bestätigte das Prof. Dr. Jörg Bojunga aus medizinischer Perspektive: „Adipositas ist chronisch“, man könne also eine sogenannte „Remission“ erreichen, aber keine Heilung. Bojunga ist stellvertretender Direktor am Uniklinikum Frankfurt und Leiter der Schwerpunkte Endokrinologie, Diabetologie und Ernährungsmedizin. Er weiß: Adipositas ist eine sehr komplexe Erkrankung. „Und das hat so unterschiedliche Aspekte, dass man unterschiedliche medizinische Angebote machen kann.“ Nicht nur kann, sondern muss: Adipositas ganzheitlich denken – das sei „wirklich notwendig“.

An der Unimedizin Frankfurt wurde in diesem Sinne eine „Metabolic Unit“ eröffnet. Das neue Zentrum bündelt internistische, chirurgische und psychiatrische Expertise unter einem Dach – für eine auf die Patient:innen zugeschnittene Versorgung. „Es gibt Menschen, die eine so ausgeprägte Adipositas haben, dass nichts mehr hilft außer eine Operation“, erklärte Bojunga. Für manche kommen womöglich medikamentöse Therapien in Frage – sie seien „sehr effektiv“, müssten aber überwacht werden. Und dann gibt es viele weitere individuelle Faktoren. Bis zu 40 Prozent der Menschen mit Adipositas leiden zum Beispiel unter Depressionen. „Auch das kann man behandeln.“ Das Ziel der Metabolic Unit: das richtige Therapiekonzept für jede:n Einzelne:n.

Stigmatisierung bei Adipositas

Prof. Dr. Jörg Bojunga. Foto: Screenshot / Pharma Fakten
Prof. Dr. Jörg Bojunga. Foto: Screenshot / Pharma Fakten

Das ist wichtig, weil Adipositas kein reines „Lifestyle“-Problem ist, wie es so oft heißt. Die Erkrankung ist unter anderem genetisch veranlagt. Und trotzdem erhalten Betroffene immer wieder fragwürdige Ratschläge rund um Bewegung und Ernährung. „Diese Tipps sind oft nicht nur nicht hilfreich, sondern auch einfach falsch, weil es dauerhaft nichts nutzt“, so Bojunga. „Niemand sucht sich aus, adipös zu sein.“ Das Gehirn ist die Schaltzentrale, welche die Nahrungsaufnahme steuert – vieles davon läuft automatisch und ohne willentliche Kontrolle ab.

Doch selbst unter Ärzt:innen habe sich „noch nicht überall rumgesprochen, dass die Schuldfrage nicht beim Patienten zu suchen ist“, weiß Catacchio aus eigener Erfahrung. „Problematisch ist, wenn zum Beispiel unterschätzt wird, wieviel der Patient an Mühe, Aufwand, Leidenschaft schon reingelegt hat, um das Problem zu bekämpfen – und es dann immer noch bagatellisiert wird.“ Was sie sich wünscht: eine „gemeinschaftliche Herangehensweise an diese extrem komplexe, chronische Erkrankung.“ Und, „dass die Stigmatisierung weggeht“ und die Vorstellung, „dass es ein simples, schnell zu lösendes Problem sei“ – denn das ist Adipositas nicht.

Adipositas: Es braucht eine multimodale Therapie

Helena Kühnemund, Associate Director External Engagement bei Lilly Deutschland. Foto: Screenshot / Pharma Fakten
Helena Kühnemund, Associate Director External Engagement bei Lilly Deutschland. Foto: Screenshot / Pharma Fakten

Helena Kühnemund vom forschenden Pharmaunternehmen Lilly Deutschland GmbH ergänzte, dass Adipositas „langfristig behandelt werden muss wie viele andere chronische Erkrankungen auch.“ Medikamente können dabei „je nach Ausgangslage und Patientenbedürfnissen eine Rolle spielen und sind Teil eines ganzheitlichen Ansatzes.“ Den Begriff „Abnehmspritze“ hält sie für falsch, ist er doch „Ausdruck von einer unheimlich starken Stigmatisierung den Patienten gegenüber“. Denn er suggeriert, dass die Betroffenen in Folge ihrer vermeintlich mangelnden Disziplin einen angeblich einfachen Weg suchen. Das sei „zu kurz gegriffen“ und „deplatziert“, findet Kühnemund. „Es sollte normal sein, dass wir über Adipositas-Medikamente sprechen wie in jedem anderen Krankheitsbild auch.“ Moderatorin Johanna Kuroczik, F.A.Z.-Redaktion, verwies beispielhaft auf Medikamente wie GLP-1-Analoga bzw. duale GIP/GLP-1-Rezeptor-Agonisten, „die zu einem deutlichen Gewichtsverlust“ von zum Beispiel etwa 15 oder 20 Prozent führen können. Laut Mediziner Bojunga beläuft sich die Langzeiteffektivität von sogenannten Basismaßnahmen wie mehr Bewegung und Ernährungsumstellung auf etwa bis zu 3 Prozent Gewichtsabnahme. Soll heißen: Das macht durchaus Sinn – aber „löst das Problem Adipositas nicht“.

Doch mit Blick auf die medikamentöse Therapie gibt es „im Moment die Problematik der Zwei-Klassen-Gesellschaft“, kritisierte Kühnemund. Adipositas sei „die einzige chronische Erkrankung, bei der die Patienten die Medikamentenkosten selbst übernehmen müssen.“ Vor vielen Jahren wurde per gesetzlicher Regelung im § 34 SGB V festgelegt, dass unter anderem Arzneimittel zur Gewichtsreduktion oder Appetitzügelung von der Erstattung über die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ausgeschlossen sind. „Das hat vielleicht nach damaligem Stand der Wissenschaft Sinn gemacht. Jetzt haben sich aber Wissenschaft, Evidenz und Therapiemöglichkeiten so deutlich verändert in den letzten 30 Jahren, dass dieser Paragraf einfach nicht mehr zeitgemäß ist.“

Flächendeckende Versorgung bei Adipositas?

Dr. med. Angela Smith, AOK Hessen (links) und Marion Rung-Friebe, Adipositas Verband. Foto: Screenshot / Pharma Fakten
Dr. med. Angela Smith, AOK Hessen (links) und Marion Rung-Friebe, Adipositas Verband. Foto: Screenshot / Pharma Fakten

Und: Der Paragraf widerspricht letztlich auch der Anerkennung von Adipositas als eigenständige Krankheit durch den Deutschen Bundestag im Jahr 2020. Zudem konterkariert er Bemühungen, die flächendeckende Versorgung der Betroffenen zu verbessern: Dazu hatte der Gemeinsame Bundesausschuss Disease-Management-Programme (DMP) – also strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen – beschlossen: Ein DMP für Erwachsene ist im Juli 2024 in Kraft getreten. Ein DMP für Kinder und Jugendliche wurde im November 2024 verabschiedet. Dr. Angela Smith, Stabsstellenleiterin AOK Hessen, erklärte: „Es gibt zu vielen Themen DMPs, die jetzt freigegeben wurden. Die müssen dann in jeder Region mit den kassenärztlichen Vereinigungen verhandelt werden. Da brauchen wir noch ein bisschen Geduld.“

Das Problem mit der Geduld: Solange die Versorgung von Menschen mit Adipositas nicht flächendeckend sichergestellt ist, wird es wohl vielen Patient:innen so ergehen, wie es Marion Rung-Friebe vom Adipositas-Verband selbst kennt: „Ich habe sehr viel Hilfe gesucht, bis ich irgendwann aufgegeben habe, weil diese Hilfe nicht kommt.“

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