
Diabetes Typ 2 trifft immer mehr junge Menschen. Warum ist das so?
Dr. Jörg-Markus Paul: Teilweise haben schon Kinder einen Typ 2-Diabetes. Sie bewegen sich heute im Schnitt weniger und ernähren sich ungesünder als noch vor einigen Jahren. Zu viele zuckerhaltige Getränke, stark verarbeitete Lebensmittel, Fast Food – das sind Dinge, die zu Übergewicht und Diabetes bereits im jungen Alter führen können. Hinzu kommen Umweltfaktoren, aber auch Stress, Schlafmangel und psychische Einflussfaktoren.
Welche Folgen hat das für die Diabetes-Therapie?
Paul: Weil die Menschen früher krank werden und länger mit dieser Erkrankung leben, ist es besonders wichtig, sie frühzeitig und intensiv zu behandeln – und dabei die gesamte kardiometabolische Gesundheit, also von Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System, in den Blick zu nehmen.
Früher war es das übergeordnete Ziel der Diabetes Typ 2-Therapie, den Blutzuckerspiegel zu senken. Ist das also nicht mehr so?
Paul: Ein glukozentrisches Vorgehen, bei dem der Blutzucker allein im Mittelpunkt steht, gilt als überholt. Wir haben ein viel tiefergehendes Verständnis für die pathophysiologischen Zusammenhänge als früher – Diabetes kann Organe wie das Herz schädigen und erhöht das Risiko für schwere Folgeerkrankungen, etwa des Herz-Kreislauf-Systems; und wir können besser einschätzen, welchen Einfluss Risikofaktoren wie Übergewicht bzw. Adipositas und Bluthochdruck auf die Gesundheit der Menschen mit Diabetes haben. Der Fokus auf die gesamte kardiometabolische Gesundheit dient dazu, Organschäden zu verringern oder im besten Fall sogar zu verhindern. Das ist das Ziel einer modernen Diabetes-Therapie.
Wie sieht das konkret aus?
Paul: Am Beginn stehen weiterhin eine Ernährungsmodifikation sowie mehr Bewegung. Gewichtsreduzierende Strategien gehören zur Basistherapie von Menschen mit Adipositas und Typ 2-Diabetes, um kardiovaskuläre Folgeerkrankungen möglichst zu verhindern. Insulin spritzen – das ist im Therapiealgorithmus inzwischen ganz weit hinten. Stattdessen fängt man heute in der Regel frühzeitig mit modernen Therapien an – darunter Inkretine, die zum Beispiel die Darmhormone GLP-1 oder GIP adressieren, oder SGLT-2-Inhibitoren. Denn es ist bekannt, dass eine Reduktion von über 10 Prozent des Körpergewichts einen krankheitsmodifizierenden Einfluss haben kann, bis hin zur Diabetes-Remission. Das heißt: Bei manchen Menschen kann Abnehmen den Blutzuckerspiegel wieder normalisieren.
Und innovative Wirkstoffklassen leisten dazu einen Beitrag?
Paul: Die SGLT-2-Inhibitoren beispielsweise können den Blutzuckerspiegel senken und zudem eine leichte Gewichtsreduktion bewirken. Und nicht nur das: Vor rund 10 Jahren gab es eine bahnbrechende Studie, die gezeigt hat, dass eine frühzeitige Therapie mit diesen Medikamenten die kardiovaskuläre Sterblichkeit – etwa durch Herzinsuffizienz – signifikant reduziert. Diese Erkenntnis hat damals sehr schnell Einzug in entsprechende Therapiealgorithmen und medizinische Leitlinien genommen. Seitdem hat sich viel getan. Gewichtsreduzierende Effekte lassen sich heute insbesondere auch durch sogenannte Inkretin-Agonisten erzielen. Inkretine ahmen die Wirkung von Darmhormonen, z.B. GLP-1 und GIP, nach. Diese Darmhormone haben auf unterschiedliche Art und Weise Einfluss auf den Stoffwechsel. Eine Therapie bei Typ-2-Diabetes mit Inkretinen kann den HbA1c-Wert – also den Langzeitblutzucker – deutlich reduzieren, bis in einen Bereich hinein, der bei stoffwechselgesunden Menschen gesehen wird. Zudem haben Studien gezeigt, dass eine Gewichtsabnahme von bis zu 12 Prozent möglich ist.
Woran arbeitet aktuell die Forschung im Bereich des Typ 2-Diabetes?
Paul: Die Diabetes-Therapie wird auch künftig die kardiometabolische Gesundheit in den Blick nehmen und dazu möglichst patientenindividuell, also auf die jeweils vorliegenden Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder bestimmte Fettstoffwechselstörungen zugeschnitten, sein. Dazu arbeitet die Forschung unter anderem an weiteren Inkretin-basierten Arzneimitteln. In Entwicklung sind auch Mehrfach-Agonisten, die neben den Darmhormonen GLP-1 und GIP weitere zusätzliche Angriffspunkte haben – in der Hoffnung, dass sie noch wirksamer sind. Außerdem wird an weiteren Applikationsformen gearbeitet – sodass zum Beispiel ein Medikament, das bisher nur als Spritze verfügbar war, in Zukunft womöglich als Tablette eingenommen werden kann. Und auch moderne Technologien unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz werden mittel- und langfristig eine Verbesserung der Patientenversorgung bringen.

Der medizinische Fortschritt hat einiges verändert: Diabetes-Patient:innen können heute ein weitgehend normales Leben führen. Was für Folgen hat das für die Gesellschaft?
Paul: Werden Menschen mit Diabetes entsprechend der medizinischen Leitlinien konsequent frühzeitig therapiert, ist anzunehmen, dass sie ein gesünderes Leben mit höherer Lebensqualität führen und damit auch einen weiteren positiven Beitrag im Sozialsystem leisten können. Das hat große Auswirkungen auf die Gesellschaft, schließlich sind rund zehn Millionen Menschen in Deutschland von Diabetes betroffen – zunehmend viele bereits in relativ jungem Alter. Wir bei Lilly wollen einen Beitrag leisten, dass diese Menschen ein möglichst normales Leben führen können. Die Chancen dafür stehen so gut wie noch nie. Mit den therapeutischen Innovationen von heute lässt sich die gesamte kardiometabolische Gesundheit der Menschen mit Diabetes adressieren. Man kann sogar die kardiovaskuläre Sterblichkeit deutlich beeinflussen – das sind wirklich sehr ermutigende Erkenntnisse. Voraussetzung ist, dass die Menschen leitliniengerecht behandelt werden.
Und auch die Prävention ist eine wichtige Stellschraube, oder?
Paul: Definitiv. Gerade eine gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung als Weichenstellung im jungen Alter spielen eine erhebliche Rolle.
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