
2012 war es so weit: In diesem Jahr erhielten SGLT2-Hemmer erstmals eine Zulassung. Ursprünglich wurden diese Arzneimittel für die Behandlung von Diabetes-Typ-2 entwickelt: Denn sie wirken Blutzucker senkend. Doch inzwischen verschreiben sie auch Mediziner:innen aus anderen Fachgebieten. Der Grund: Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass diese Wirkstoffklasse sehr viel mehr kann als einst gedacht – etwa eine Gewichtsreduktion bewirken. Und nicht nur das: „Vor rund 10 Jahren gab es eine bahnbrechende Studie, die gezeigt hat, dass eine frühzeitige Therapie mit diesen Medikamenten die kardiovaskuläre Sterblichkeit – etwa durch Herzinsuffizienz – signifikant reduziert“, so Dr. Jörg-Markus Paul, Medizinischer Leiter Kardiometabolische Gesundheit bei Lilly Deutschland, im Pharma Fakten-Interview.
Die Daten aus drei Real-World-Studien bestätigen laut IQVIA Deutschland nun: Moderne Antidiabetika wie die SGLT2-Inhibitoren haben über die glykämische Kontrolle hinaus viele positive Effekte – sogar auf die Nervenfunktionen.
„Die erste Studie mit 38.000 eingeschlossenen Patientinnen und Patienten in einem Nachbeobachtungszeitraum von fünf Jahren zeigt, dass die Therapie mit SGLT2-Inhibitoren bei älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes mit einem signifikant geringeren Risiko für die Entwicklung einer Demenz einhergeht“, schreibt IQVIA. Verglichen wurde hier die Wirkung von SGLT2-Hemmern mit sogenannten DPP-4-Inhibitoren. IQVIA-Forscher Prof. Dr. Karel Kostev fasst zusammen: „Unsere Ergebnisse liefern starke Hinweise auf einen potenziellen neuroprotektiven Effekt von SGLT2-Inhibitoren“. Er und die Mitautor:innen der Studie fordern daher weitere Studien, um die kausalen Zusammenhänge von SGLT2 und neurodegenerativen Erkrankungen zu untersuchen.
Moderne Diabetes-Therapie: Mehr als nur Blutzuckersenkung
Einer zweiten Studie mit 58.000 Patient:innen zufolge ist der Einsatz von SGLT2-Hemmern bei Menschen mit Typ-2-Diabetes zudem mit einem 18 Prozent geringerem Risiko für Vorhofflimmern, eine Herzrhythmusstörung, assoziiert. Moderne Antidiabetika können demnach „auch kardioprotektive Wirkung“ haben, erklärt Prof. Kostev. Vor dem Hintergrund steigender Diabetesraten sowie einer zunehmenden Zahl an Herzpatient:innen „ergeben sich durch die kardiometabolischen Effekte von SGLT2-Inhibitoren womöglich neue therapeutische Ansätze“, denkt er.

Eine dritte Studie nahm 56.000 Patient:innen mit Fokus auf das Auftreten eines Eisenmangels unter die Lupe. Eisenmangel tritt bei Typ 2-Diabetes relativ häufig auf – er führt zu Müdigkeit, bringt Risiken für das Herzkreislauf-System mit sich und kann zum Fortschreiten diabetischer Komplikationen führen, so IQVIA. Den Daten zufolge können SGLT2-Hemmer potenziell das Risiko für eine Eisenmangelanämie senken. Dr. Theresia Sarabhai von der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel an der Universitätsmedizin Essen, die das mit Prof. Kostev untersucht hat, sagt: „Unsere Forschungsergebnisse deuten auf einen hämatologischen Zusatznutzen hin, der über die bekannten kardiometabolischen Effekte von SGLT2-Inhibitoren hinausgeht. Auch dies könnte neue Perspektiven für individuellere und gezieltere Therapien von Menschen mit Typ-2-Diabetes eröffnen.“
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