Die Zahl der hitzebedingten Todesfälle schätzt das RKI auf bisher 12.500. Es ist gegenüber den Vorjahren ein sprunghafter Anstieg. Foto: ©iStock.com/Liudmila Chernetska
Die Zahl der hitzebedingten Todesfälle schätzt das RKI auf bisher 12.500. Es ist gegenüber den Vorjahren ein sprunghafter Anstieg. Foto: ©iStock.com/Liudmila Chernetska

Hitze: Ein Gesundheitsrisiko erster Ordnung

Auf 12.500 hitzebedingte Todesfälle schätzt das Robert Koch-Institut (RKI) die bisherige Bilanz dieses Sommers – ein sprunghafter Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Die Aufregung darüber hält sich in überraschend engen Grenzen. Dabei gilt Europa als der sich am schnellsten erwärmende Kontinent; seit den 1980er-Jahren erwärmt er sich etwa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Setzt sich diese Tendenz fort, dürfte auch die Sterblichkeit durch Hitze deutlich steigen: Klimaanpassungsmaßnahmen sind das Gebot der Stunde.

Die Fakten

  • Hitze ist bereits heute das größte klimabedingte Gesundheitsrisiko.
  • Die WHO schätzt für den Zeitraum von 2000 bis 2019 weltweit durchschnittlich rund 489.000 hitzebedingte Todesfälle pro Jahr. Etwa 36 Prozent entfielen auf die WHO-Region Europa.
  • Bei Menschen ab 65 Jahren stieg die hitzebedingte Sterblichkeit zwischen 2000–2004 und 2017–2021 nach WHO-Angaben um ungefähr 85 Prozent.

Hitzephänomene haben ein mediales Problem: Es gibt wenig spektakuläre Bilder (wie nach einer Naturkatastrophe), es trifft vorwiegend ältere Menschen, die Zahl der Todesfälle ist eine statistische Berechnungsgröße, die Tendenzen aufzeigt, aber schwer emotionalisierbar ist, und sie werden als „Wetter“ bagatellisiert. Warme Tage, so spricht der geübte Klimakatastrophen-Skeptiker, gab es ja schon immer. Anders ist es kaum zu erklären, dass laut RKI allein in der 26. Kalenderwoche – der bisher heißesten des Jahres – zwar 9.600 Menschen verstarben, die allgemeine Aufregung aber eher bescheiden ist. Dabei lässt sich nüchtern feststellen: Sollte die Schätzung Bestand haben, die das RKI übrigens für konservativ hält, erleben wir in diesem Jahr nicht einfach eine unangenehme Hitzeperiode. Wir erleben ein Mortalitätsereignis von der Größenordnung einer schweren Naturkatastrophe – die normalerweise tagelang Nachrichtensendungen füllen würde.

Hitze tötet – direkt oder indirekt

„Die klimatischen Verschiebungen sind keine abstrakte Größe, sondern haben unmittelbare, gut quantifizierbare Folgen für die menschliche Gesundheit. Epidemiologisch bedeutsam ist die Kombination aus höherer Tageshitze und fehlender nächtlicher Erholung“, heißt es im G+G Wissenschaftsforum des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Bei Hitze muss der Körper mehr Blut zur Haut transportieren und durch Schwitzen Wärme abgeben. Dadurch steigen Flüssigkeitsverlust und Kreislaufbelastung. Mögliche Folgen reichen von Erschöpfung, Schwindel und Stürzen über akute Nierenschäden bis zum lebensbedrohlichen Hitzschlag. Gleichzeitig verschärft Hitze Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Stoffwechsel- und psychische Erkrankungen. Besonders gefährdet sind hochaltrige und chronisch kranke Menschen, Säuglinge, Schwangere, alleinlebende Personen, Menschen in schlecht gekühlten Wohnungen sowie körperlich Arbeitende. Was oft vergessen wird: Es gibt medizinische Faktoren, die Hitze gefährlicher machen. Manche Medikamente können zum Beispiel das Schwitzen verringern, den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen oder dazu führen, dass Hitze schlechter wahrgenommen wird. Auch Menschen mit Diabetes, psychischen oder neurologischen Erkrankungen sowie eingeschränkter Beweglichkeit sind stärker gefährdet. Gefährlich ist auch die Kombination aus Hitze und Luftschadstoffen.

Gesundheitsrisiko durch Hitze bald „katastrophal“?

Dass sich dieser Sommer als ein singuläres Wetterphänomen entpuppt, ist nicht wahrscheinlich. Die Europäische Umweltagentur bewertet das gegenwärtige Gesundheitsrisiko durch Hitze als kritisch und warnt, dass es ohne zusätzliche Anpassung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein katastrophales Niveau erreichen könnte. Bei der Geschwindigkeit der Erwärmung, Hitzewellen und Hitzesterblichkeit gehört Europa zu den weltweit am stärksten belasteten Regionen.

Meteorologe und Wettermoderator Karsten Schwanke erklärte anlässlich des Hitzeaktionstages 2026: „Wir erleben weltweit eine Beschleunigung der Erwärmung. 2024 wurde global das erste Mal die 1,5-Grad-Marke gerissen, schon in wenigen Jahren werden wir die 2-Grad-Marke überschreiten. Die Folgen für Deutschland: Eine weitere starke Zunahme von Hitzetagen (über 30 °C) und extremen Hitzetagen (über 35 °C). Die Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen wird zunehmen. Höchsttemperaturen von mehr als 40 Grad (im Schatten) werden wir immer häufiger erleben – selbst 45 Grad sind nicht mehr auszuschließen.“
Anhaltende Hitze hat auch Auswirkungen auf das Gesundheitssystem, wie das Beispiel Krankenhäuser zeigt. Im Pharma Fakten-Interview bezifferte die Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Professorin Henriette Neumeyer, den Investitionsbedarf für Deutschlands Allgemeinkrankenhäuser auf 36,6 Milliarden Euro, um sie hitzefest zu machen. Das sind über 20 Millionen Euro pro Haus – die wenigsten haben die Ertragskraft, eine solche Investition stemmen zu können. Die DKG schlägt vor, einen Krankenhaus-Klimafonds einzurichten, der von Bund und Ländern finanziert werden soll.

Hitzeschutz: Verbindlich im Katastrophenschutz integrieren

Hitzeschutz: Verbindlich im Katastrophenschutz integrieren
Bilanz des Sommers: ca. 12.500 hitzebedingte Todesfälle. Foto: ©iStock.com/Igor Barilo

Temperaturrekorde, die Menschen das Leben kosten, Ernteausfälle, nicht befahrbare Flüsse, Extremwetterereignisse oder kippende Seen: Was noch passieren muss, damit – neben dem eigentlichen Schutz des Klimas – Anpassungsmaßnahmen politisch priorisiert werden, bleibt ein Geheimnis. Mehr als 150 Organisationen aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft sehen Deutschland auf Extremhitze als Krisenlage nicht ausreichend vorbereitet. Am Hitzeaktionstag forderte Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer: „Längere und intensivere Hitzeperioden belasten insbesondere ältere, kranke und pflegebedürftige Menschen und stellen zugleich das Gesundheitswesen vor große Herausforderungen. Hitzeschutz muss deshalb verbindlich in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz integriert werden. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen müssen auch unter Extrembedingungen leistungsfähig bleiben.“ Grundlage war ein Extrem-Szenario, Hitzedom genannt: „Was passiert, wenn wir im Rheintal über 14 Tage Höchsttemperaturen bis zu 44 Grad haben, Rettungsdienste überlastet, Notaufnahmen überfüllt sind? Einzelne Pflegeheime evakuiert werden müssen?“ Das könnte in Deutschland zu zehntausenden Todesfällen innerhalb weniger Tage führen. Darauf wäre Deutschland nicht vorbereitet. Das Bündnis will den gesundheitsbezogenen Hitzeschutz in Deutschland konsequent und flächendeckend umzusetzen.

Vielleicht hoffen die Entscheidungsträger:innen darauf, dass es nun vorbei ist mit den Hitzetagen und dass das Thema noch mehr an medialer Bedeutung verliert. Es wäre wohl höchstens eine Verschnaufpause. Copernicus, das Erdbeobachtungsprogramm der EU, meldet Rekordtemperatur nach Rekordtemperatur. Und Expert:innen erwarten einen kräftigen El Niño – jenes Phänomen im Pazifik, das die globale Wetterküche noch einmal kräftig aufmischen kann und schon bewiesen hat, dass „der Junge“ der durch Treibhausgase erwärmten Erde einen zusätzlichen Temperaturschub geben kann.

Links:
RKI: Wochenbericht zur hitze­bedingten Mortalität, Kalenderwoche 31/2026 (27.07. bis 02.08.2026).
WIdO: G+G Wissenschaftsforum, Analysen – Schwerpunkt: Hitze und Gesundheit (03/2026)

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