Die Fakten
- Krankheiten schaden den Menschen, der Gesellschaft, der Wirtschaft. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht für 2024 von 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen in Deutschland aus. Die volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle belaufen sich auf 134 Milliarden Euro.
- In mehr Gesundheit investieren: Das lohnt sich. Eine Studie des WifOR-Instituts zeigt zum Beispiel: Steckt Deutschland 1 Million Euro in Krebsprävention, könnte das über drei Jahre 2 Millionen Euro an volkswirtschaftlichem Nutzen generieren.
Krankheit schadet. Sie schadet den betroffenen Menschen. Sie schadet den Angehörigen, die einen Teil der Last (und Pflege) mittragen. Sie schadet der Gesellschaft, indem sie soziale Teilhabe einschränkt. Sie schadet dem GKV-System, denn Arzt- und Krankenhausbesuche sind teuer. Und sie schadet der Wirtschaft, etwa in Form von Erwerbsminderung: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin geht für 2024 von 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen in Deutschland aus. Die dadurch verursachten volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle belaufen sich auf 134 Milliarden Euro. Gleichzeitig altert die Bevölkerung – ein großer Teil der Gesellschaft wird schon bald in Rente gehen, darunter immer mehr „Baby-Boomer“.
Gesundheit: Voraussetzung für Wohlstand
Der Wirtschafts- und Unternehmensethiker Prof. Dr. Dr. Alexander Brink, Unternehmensberater Dr. Markus Groß-Engelmann, Gesundheitsrechtler Prof. Dr. Thomas Schlegel und die Wirtschafts- und Sozialforscherin Dr. Sandra Zimmermann haben dazu passend ein Positionspapier veröffentlicht: „Die großen Transformationsprozesse des 21. Jahrhunderts stellen die Soziale Marktwirtschaft vor eine neue Grundsatzfrage: Wie lassen sich Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt dauerhaft sichern, wenn gesundheitliche Belastungen, demografischer Wandel und psychosoziale Risiken kontinuierlich zunehmen?“
Eine Antwort lautet: mit mehr Gesundheit. Die vier Fachleute plädieren „für einen Paradigmenwechsel von der Krankheitsbewältigung zur Präventionsgesellschaft.“ Soll heißen: Deutschland muss lernen, Krankheiten nicht erst zu behandeln, wenn sie schon da sind – sondern das Augenmerk verstärkt auf Vorbeugung und Früherkennung richten. „Prävention muss als Investition in Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz verstanden werden“. Denn: „Gesunde Menschen sichern Arbeitsfähigkeit, Innovationskraft und gesellschaftliche Teilhabe.“ Mit ihrem Positionspapier richten sich die Autor:innen an Entscheidungsträger:innen aus Politik, Wirtschaft, Gesundheits-, Versicherungs- und Bildungswirtschaft sowie an Akteur:innen der Zivilgesellschaft.
Gesundheit: „Fundament sozialer Nachhaltigkeit im 21. Jahrhundert“

„Krankheit, Arbeitsunfähigkeit und soziale Exklusion müssen stärker präventiv verhindert werden“, fordern sie in dem Papier. „Gesundheit entsteht dabei nicht erst im Gesundheitssystem selbst, sondern bereits in Bildung, Arbeitsorganisation, Führung, sozialer Sicherheit und gesellschaftlicher Teilhabe.“ Die zentrale Zukunftsfrage laute „daher nicht mehr, wie Krankheiten finanziert werden, sondern wie gesunde, resiliente und teilhabefähige Gesellschaften dauerhaft gestaltet werden können.“ Brink, Groß-Engelmann, Schlegel und Zimmermann sehen die Gesundheitswirtschaft, die Versicherungswirtschaft und die Bildungswirtschaft dabei als wichtige Schlüsselbranchen: Denn erstere „sichert Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe“, zweitere „organisiert Resilienz, indem sie gesundheitliche und soziale Risiken absichert und wirtschaftliche Stabilität ermöglicht“, und letztere „befähigt Menschen, mit den gesundheitlichen und technologischen Herausforderungen der Transformation umzugehen“.
Prävention: „Voraussetzung für Produktivität und Wirtschaftswachstum“
Krankheit – das ist in den Augen der vier Expert:innen „wie eine stille Rezession im Innern der Wirtschaft“. Prävention müsse daher „Teil moderner Standort- und Wirtschaftspolitik werden“; es gilt, gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen gezielt zu fördern – „durch starke Anreize für Unternehmen, Kommunen und Sozialversicherungsträger“. Das lohnt sich: „Eine Studie des WifOR-Instituts zeigt, dass in Deutschland bereits eine Investition von 1 Million Euro in Krebsprävention über drei Jahre 2 Millionen Euro an volkswirtschaftlichem Nutzen generieren und 32 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen kann.“ Noch ein Beispiel: Erwachsenen-Impfprogramme. „In Europa erzeugen sie Studien zufolge für jeden investierten Dollar rund vier US-Dollar an zukünftigem wirtschaftlichem Nutzen“. Manche Analysen gehen sogar von deutlich höheren Renditen aus (Pharma Fakten). Öffentliche und private Investitionen in Prävention sollten „konsequent als Zukunftsinvestitionen bewertet und steuerlich sowie regulatorisch begünstigt werden“, finden Brink, Groß-Engelmann, Schlegel und Zimmermann. Zudem müsse der wirtschaftliche Nutzen präventiver Maßnahmen „stärker in politische und unternehmerische Entscheidungsprozesse einfließen.“ Firmen und Politik sollten „Gesundheit systematisch als Produktivitätsfaktor messen und fördern.“
Großes Potenzial steckt laut dem Papier in der Stärkung der Gesundheitswirtschaft: 2025 erzeugte sie fast 500 Milliarden Euro an direkter Bruttowertschöpfung. „Für jede 100 Euro direkter Wertschöpfung werden weitere 82 Euro in der Gesamtwirtschaft generiert.“ Das betrifft auch den Arbeitsmarkt: „Die Beschäftigung von zwei Personen in der Gesundheitswirtschaft schafft einen weiteren Arbeitsplatz in anderen Wirtschaftsbereichen.“ Das ist wohl ein Grund, weshalb die vier Autor:innen das Konzept von „Health in All Policies“ befürworten: Gesundheit ist demzufolge als Wirtschaftsfaktor in allen Politikfeldern zu verankern. Im Prinzip heißt das: Gesundheit ist nicht nur Aufgabe des Gesundheitsministeriums – sondern auch entscheidend für andere Ministerien und Abteilungen. „Darüber hinaus ist eine datenbasierte Gesundheitsökonomie notwendig, die Gesundheits- und Wirtschaftsdaten besser verknüpft, um Maßnahmen gezielt zu steuern und Erfolge messbar zu machen. Auch Bildung und Arbeitswelt sollten stärker gesundheitsorientiert gestaltet werden, vom Schulcurriculum bis zur Arbeitsplatzgestaltung.“
Betriebliche Vorsorge: „wirkmächtiges Präventionssetting“
Eine Herausforderung bei Präventionsangeboten ist, alle Menschen zu erreichen: „Gerade diejenigen Menschen, die aufgrund besonderer gesundheitlicher oder sozialer Risiken am stärksten von präventiven Maßnahmen profitieren könnten, werden von bestehenden Angeboten häufig nur unzureichend erreicht.“ Insbesondere „Personen mit niedriger Bildung und einem erhöhten Risiko einer späteren Erwerbsminderung“ seien unterrepräsentiert, heißt es. Den Arbeitgeber:innen bzw. Unternehmen komme „eine besondere Rolle zu, da sie im Arbeitsalltag einen unmittelbaren Zugang zu den Menschen haben.“
Insgesamt sollten Firmen „ermutigt und gezielt unterstützt werden, ihre gesundheitsbezogenen Maßnahmen wirkungsorientiert weiterzuentwickeln.“
Deutschland braucht neue Strukturen für Gesundheit

Klar ist: Soll all das Realität werden, braucht die Bundesrepublik Strukturreformen. „Der Wandel von einer krankheitsorientierten Versorgung zu einem gesundheitsorientierten Versorgungssystem ist keine Option mehr, sondern eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit“, sind die Expert:innen überzeugt. Es gilt, die regulatorischen Voraussetzungen zu schaffen, um Gesundheit erhalten zu können, bevor Krankheit entsteht: Dazu gehört unter anderem, dass Prävention „als gleichrangiges Ziel neben Diagnostik und Therapie“ im Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V) verankert wird. Das SGB V enthält Regelungen zur gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland – etwa mit Blick auf die Aufgaben der Krankenkassen und die medizinischen Leistungen.
„Die Herausforderungen des demografischen Wandels, der steigenden Morbiditätslast und der Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft lassen sich mit den bestehenden sektoralen Strukturen des Gesundheitswesens nicht dauerhaft bewältigen“ – so lautet die Warnung der Fachleute. „Gesundheit muss künftig stärker als strategische Ressource für Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und soziale Nachhaltigkeit verstanden werden. Das ist die Kernaussage unseres Positionspapiers. Prävention ist dabei kein ergänzendes Politikfeld, sondern eine zentrale Investition in die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Sie stärkt die Resilienz von Menschen, Unternehmen und Institutionen und trägt dazu bei, die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats langfristig zu sichern.“
Weiterführender Link: „Prävention und Produktivität – Gesundheit als strategische Ressource einer Sozialen Marktwirtschaft“, Alexander Brink, Markus Groß-Engelmann, Thomas Schlegel, Sandra Zimmerman
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„Gönnt uns Gesundheit“
„Gesundheit ist die Grundlage für alles, was unsere Gesellschaft stark macht: wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, bessere Bildungschancen, mehr soziale Teilhabe, demokratische Stabilität, Zukunftsfähigkeit, Klimaschutz und schlicht ein besseres Leben“, schreibt der Dachverband der Betriebskrankenkassen (BKK) in einem Impulspapier. Aber: Die Themen Prävention und Gesunderhaltung werden in Deutschland „noch immer viel zu stiefmütterlich behandelt“. Die Folge: Menschen werden krank, die nicht krank sein müssten.

Erwachsenen-Impfungen: 1 Euro ausgegeben, 19 Euro gewonnen
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Sechs, setzen: Die deutsche Präventionspolitik im Vergleich
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