
Deutschland – „der kranke Mann Europas?“ Dr. Carola Reimann, Chefin des AOK-Bundesverbandes (AOK-BV) macht das an zwei Fakten fest. Kein Land Europas gibt mehr Geld für Gesundheit aus; vergleicht man aber die durchschnittliche Lebenserwartung verschiedener europäischer Länder, liegt das Land mittlerweile knapp unter dem EU-Durchschnitt. Woran das liegt, zeigt der erste Public Health Index (PHI): „Jeder zweite Erwachsene über 65 leidet hierzulande an mindestens zwei chronischen Krankheiten“, so Reimann. Der Report ist ein Ranking zum Umsetzungsstand wissenschaftlich empfohlener Präventionsmaßnahmen in 18 Ländern Europas. „Pionierarbeit“, nennt Reimann den PHI; er ist der erste seiner Art und soll künftig alle zwei Jahre aktualisiert werden. Abgebildet sind die vier Faktoren Tabakkonsum, ernährungsbedingte Risiken, hoher Alkoholkonsum und Bewegung – und was in den Ländern umgesetzt wird, um für mehr Gesundheit zu sorgen. Denn es sind insbesondere diese „Big Four“, die für eine erhöhte Krankheitslast einer Gesellschaft verantwortlich sind.
Deutschland: Schlusslicht der Präventionspolitik
In der Gesamtauswertung ist das Ergebnis niederschmetternd, eigentlich: peinlich. Nur die Schweiz tut noch weniger. Am besten abgeschnitten haben das Vereinigte Königreich, Finnland und Irland. Deutschland zählt zum Schlusslicht der wissenschaftlich empfohlenen Präventionspolitik.
Alarmierend findet Carola Reimann, dass die jüngeren Generationen wieder höhere Krankheitsbelastungen aufweisen als ihre Vorgänger: „Wir sehen keine Morbiditätskompression, sondern eine Morbiditätsexpansion. Diese jüngeren Erwachsenen erkranken eher früher im Lebenslauf und verbringen mehr Jahre mit beeinträchtigter Gesundheit als ihre Eltern. Dieser Trend ist in Deutschland besonders ausgeprägt, Treiber sind Adipositas und Diabetes.“
Zu billig: Rauchen in Deutschland

Thema Rauchen – auch hier belegt die Bundesrepublik den vorletzten Platz. Hier sind es vor allem die Indikatoren „Preis“ und „rauchfreie Umgebung“, die den Konsum zu einfach machen. Spitzenreiter Irland geht einen anderen Weg: Der Steueranteil pro Packung Zigaretten liegt bei 76,1 Prozent (D: 64,5 %), ein Rauchverbot gilt schon seit 2004 an allen öffentlichen Räumen, Werbung ist verboten und die Packungen haben nicht nur Warnhinweise, sondern sind auch produkt-neutral gestaltet. Carola Reimann sagt: „Während in den Niederlanden schon die erste rauchfreie Generation angestrebt wird, diskutieren wir hierzulande noch das Rauchen im Auto bei Anwesenheit von Kindern.“ Dabei ist Rauchen unter anderem eine schwere volkswirtschaftliche Belastung; die direkten und indirekten Kosten der Rauchfolgen summieren sich auf fast 100 Milliarden Euro. Die Folgen von Adipositas summieren sich auf 63 Milliarden, die des Alkoholkonsums auf 57 Milliarden Euro.
Alkohol: Norwegen macht vor, wie es gehen kann

Beim Alkohol sieht es nicht besser aus: Deutschland teilt sich mit Österreich den vorletzten Platz und setzt damit auch in diesem Bereich auf verpasste Präventionschancen. Die Besteuerung ist vergleichsweise gering; ein großes Problem ist aber vor allem die Verfügbarkeit: „Wenn eine Sache in Deutschland flächendeckend und zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar ist, dann ist das Alkohol“, sagt Oliver Huizinga, Abteilungsleiter Prävention beim AOK-BV. Norwegen, Spitzenreiter bei dem Versuch, die gesundheitlichen Folgen von Alkoholkonsum einzudämmen, verkauft Getränke ab 4,7 Vol.-Prozent nur in lizensierten Geschäften mit geregelten Öffnungszeiten. Alkohol gibt es erst ab dem Alter von 20 Jahren. Reimann: „Während in Norwegen oder Litauen Werbung für Alkohol landesweit untersagt wurde und die schädlichen Auswirkungen eingepreist werden, diskutieren wir hierzulande noch das ´begleitete Trinken` ab 14 Jahren. Alkohol ist so erschwinglich wie in keinem anderen Land in der EU und wir lassen sogar Werbung für Spirituosen im öffentlichen Raum zu.“
Bei der Ernährungspolitik setzt der Gesetzgeber hierzulande auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Das gilt etwa für den Zuckeranteil bei Softdrinks oder für die Qualität von Schulverpflegung. Needless to say: Deutschland belegt auch hier nur das Ende des Rankings. Das Besondere ist aber: Von den sechs Indikatoren – darunter neben Steuern auch Nährwertkennzeichnungen oder Werbebeschränkungen – hat das Land nicht einen einzigen verbindlich umgesetzt: „Gibt entsprechend null Punkte“, so Huizinga. Immerhin ins Mittelfeld hat es die Bundesrepublik bei der Bewegungspolitik geschafft (Platz 10) – hier geht es z. B. um Schulsport oder das Vorhandensein von Rad- und Fußverkehrsplänen. Allerdings beruht dieser Faktor auf den Angaben der Regierungen selbst.
Fazit von Mitautor Huizinga: „Viele evidenzbasierte Maßnahmen werden hier nicht umgesetzt.“ Einige Länder erreichen in dem PHI ein hohes Ranking, weisen aber eine vergleichsweise niedrige Lebenserwartung auf (z. B. Großbritannien, Litauen). Das ist für ihn kein Widerspruch, da dort die hohe Krankheitslast durch chronische Erkrankungen gerade der Anlass für Regierungen gewesen sei, umfassende Maßnahmen zu beschließen.
Prävention: 40 Prozent der Krebsneuerkrankungen verhindern

Das Potenzial von Prävention bei Krebserkrankungen zeigte Prof. Dr. Michael Baumann auf. „Von Krebs sind pro Jahr rund 500.000 Menschen betroffen – und mit ihnen ihre Familien, ihre Freunde“, so der Vorstandsvorsitzende des DKFZ. 40 Prozent dieser Neuerkrankungen wären nach heutigem Wissen „komplett verhinderbar.“ Allein 20 Prozent gehen direkt auf das Konto Rauchen. „Das bedeutet: 165.000 unserer Mitbürger erleiden pro Jahr ein Krebserkrankung aufgrund nicht vorhandener oder nicht umgesetzter Präventionsmaßnahmen.“ Natürlich beginne Prävention bei jedem selbst: „Wir können unseren Lebenstil ändern. Das reicht aber nicht aus. Wir brauchen auch klare Verbesserungen in unserem Umfeld, um uns das leichter zu machen.“ Der Wissenschaftler sieht das als eine Gemeinschaftsaufgabe unserer Gesellschaft: „Wir brauchen Verhältnisprävention ; wir müssen gesellschaftliche Maßnahmen gesetzgeberisch fördern.“ Sprich: Die Politik ist gefordert. Gedacht werden müsste das Ganze ressortübergreifend, weil sich das Thema über viele Facetten unseres Lebens – etwa von der Gesundheit über die Schulpolitik bis hin zur Arbeitswelt – erstreckt. „Wir brauchen mehr politischen Willen und mehr Mut, diese Präventionsmaßnahmen anzugehen.“ Es gehe darum, das Gesundheitswesen in ein modernes Gesundheitswesen der Gesunderhaltung und eben nicht nur der Reparatur umzuwandeln.
Mehr Lebenswartung? Nur durch eine stringente Public-Health-Politik

Für den Präsidenten der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt ist „eine vernünftige Public Health-Politik der nächste Schritt, wenn wir überhaupt daran interessiert sind, gesunde Lebensjahre zu gewinnen.“ Er verweist auf die USA, dem ersten Industrieland, in dem erstmals die Lebenswartung wieder rückläufig ist. „Wenn wir jetzt nicht anfangen, uns diesen Themen mit Herz und mit Mut zu widmen, dann werden auch wir in einigen Jahren eine Stagnation oder einen Rückgang der Lebenserwartung erleben.“ Auch er plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz: „Annähernd jede politische Entscheidung hat einen Einfluss auf unsere Gesundheit, unabhängig davon, ob es um Verkehrs-, Bildungs-, Landwirtschafts- oder Energiepolitik geht. Konsequenterweise bedeutet dies, dass alle Gesetzesvorhaben auf Bundes- und Landesebene auf ihre gesundheitlichen Auswirkungen hin analysiert und bewertet werden müssten.“
Eigentlich ist es ganz einfach: Die Maßnahmen für mehr öffentliche Gesundheit sind bekannt, wissenschaftlich evaluiert und haben in vergleichbaren Ländern gezeigt, dass sie funktionieren. Sie umzusetzen, helfe am Ende allen, so Carola Reimann, „den Menschen, die länger gesund bleiben und mehr Lebensqualität haben, und der Volkswirtschaft – durch weniger Krankheitslast.“ Sie sieht in einer gesundheitsförderlichen Gesamtpolitik „den größten Hebel zur langfristigen Stabilisierung des Solidarsystems. Wenn sich der gesundheitsschädliche Konsum nur um zehn Prozent verringern und die Alltagsbewegung nur um wenige Minuten am Tag steigern ließen, locken bereits Potenziale in Milliardenhöhe.“ Aber: „Eine gesündere Bevölkerung lässt sich nicht allein auf der individuellen Verhaltensebene erreichen, hierzu ist die Politik gefordert, systematisch gesunde Umgebungen zu schaffen. Deutschland lässt hier zu viel Präventionspotenzial ungenutzt.“
In Sachen Prävention herrscht in Deutschland sowas wie Arbeitsverweigerung.
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