Die beste Krankheit ist die, die man nicht bekommt. Impfstoffe können genau das leisten. Doch das Land leistet sich viel ungenutztes Präventionspotenzial.
Die beste Krankheit ist die, die man nicht bekommt. Impfstoffe können genau das leisten. Doch das Land leistet sich viel ungenutztes Präventionspotenzial.

Impfen: Ungenutztes Potenzial für mehr Gesundheit

Die beste Krankheit ist die, die man nicht bekommt. Impfstoffe können genau das leisten. Doch bei einigen Impfungen gehen die Quoten zurück, bei anderen stagnieren sie – insgesamt zeigen die Zahlen viel ungenutztes Präventionspotenzial. Clever ist eigentlich anders – weshalb Expert:innen aus dem Gesundheitswesen auf dem TAGESSPIEGEL Impfgipfel nach Lösungen suchten, das zu ändern. Eine Diskussion über Chancen und Auswirkungen von Impfpolitik, über Strukturen, Daten und Bürokratie. Und Frust.

Die Fakten

  • Nur rund ein Drittel (34,5 %) der Menschen ab 60 Jahren ist gegen Grippe geimpft. Medizinisch sinnvoll wären 75 Prozent (2024/25).
  • Gegen Pneumokokken ist nur jeder Fünfte geimpft: Die Impfquote bei 60- bis 69-Jährigen ohne impfrelevante Grunderkrankung lag bei 21 Prozent (2025).
  • Gegen HPV sind fast zwei Drittel der Jungen nicht vollständig geimpft. Bei den 15-Jährigen waren nur 36 Prozent der Jungen und 55 Prozent der Mädchen vollständig gegen Humane Papillomviren geimpft (2024).
  • Mehr als jedem fünften Kleinkind fehlt die zweite Masern-Impfung. 78 Prozent der Kinder hatten bis zum zweiten Geburtstag beide Masernimpfungen erhalten (2024).
  • Drei von vier Älteren sind nicht vollständig gegen Gürtelrose geimpft; nur 24 Prozent erhielten die zweite Dosis (2025).
Dr. Andreas Philippi, Gesundheitsminister in Niedersachsen
Dr. Andreas Philippi, Gesundheitsminister in Niedersachsen

Dr. Andreas Philippi, Gesundheitsminister in Niedersachsen hat zum Sparen bei wirksamer Prävention eine klare Haltung: „Impfungen verhindern nicht nur Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalte, sondern in vielen Fällen auch langfristige Kosten.“ Deshalb sollten sie, so der SPD-Politiker, nicht primär als Ausgaben, sondern als Bestandteil einer nachhaltigen Gesundheitspolitik betrachtet werden. „Eine erfolgreiche Impfpolitik braucht keine spektakulären Einzelmaßnahmen. Sie braucht vor allem gute Aufklärung, verlässliche Strukturen, Zusammenarbeit aller Beteiligten und den konsequenten Blick auf den gesundheitlichen Nutzen.“ Klingt erstmal einfach.

Um zu begreifen, warum es das nicht ist – dazu muss man nur ein paar Minuten Dr. Thomas Fischbach zuhören. Der Kinderarzt und Vorstandsmitglied des Nationalen Aktionsbündnisses Impfen (NABI) spricht über Impfhindernisse, die am Ende dafür sorgen, dass Menschen ungeschützt sind. So dauerte es im Gebiet der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KV) Nordrhein anderthalb Jahre, bis die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur Meningokokken B (MenB) als Standardimpfung für alle Säuglinge in der dortigen Schutzimpfungsrichtlinie Niederschlag fand. Die aber ist entscheidend dafür, dass eine Impfung in der Fläche ankommt; sie regelt die Erstattung durch die GKV. Eine MenB-Infektion ist zwar selten, kann aber innerhalb weniger Stunden zu einem lebensbedrohlichen Notfall werden. Rund acht Prozent der invasiven Erkrankungen enden tödlich, doch Bürokratie sorgt dafür, dass Viele nicht geschützt sind, obwohl ein Vakzin verfügbar ist. Ähnlich gelagert ist der Fall, so Fischbach, bei der Prophylaxe gegen das RS-Virus – in diesem Fall kein Impfstoff, sondern ein Antikörper, der möglichst bald nach Geburt verabreicht werden sollte. Nur: Im zweiten Monat ihres Lebens sind Neugeborene oft noch nicht krankenversichert – auch hier ist es die Bürokratie, die Bremsspuren zieht. Pädiater:innen, die trotzdem impfen, riskieren, auf den Kosten sitzenzubleiben. „Neugeborene“, sagt er, „müssen von Anfang an versichert sein.“

Lange geplant, bisher nicht umgesetzt: Der digitale Impfpass

Dr. Thomas Fischbach, Kinderarzt.
Dr. Thomas Fischbach, Kinderarzt.

Fischbach fordert außerdem höhere Honorare für die Ärzteschaft – „auch wegen der immer intensiveren Impfaufklärung.“ Wie sehr das Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) auch seine Zunft mit Einsparungen betrifft, könne man dabei noch gar nicht absehen. Als entscheidendes Instrument für ein besseres Impfmanagement in Deutschland, das zog sich wie ein roter Faden durch den TAGESSPIEGEL Impfgipfel, sieht auch Fischbach in der Einführung eines digitalen Impfausweises. „Das hier ist jetzt der 7. Impfgipfel. Wir fordern den E-Ausweis damit zum siebten Mal. Er würde uns tatsächlich helfen.“

Der aber hat in Deutschland eine ungewöhnlich lange Inkubationszeit – das Land leistet sich Impf- und Digitalisierungslücken. Sein Datenformat ist schon seit 2021 festgelegt, er wird aber frühestens in 2027, wohl eher ein Jahr später kommen. Dabei gilt der E-Ausweis als ein hochwirksames Instrument, um Impflücken zu erkennen und Menschen rechtzeitig an Auffrischimpfungen zu erinnern.

Han Steutel, Chef des Pharmaverbandes vfa
Han Steutel, Chef des Pharmaverbandes vfa

Das sieht nicht nur Han Steutel, Chef des Pharmaverbandes vfa, so („Sollte für Gesundheitsminister Linnemann die oberste Priorität sein“), sondern auch Dr. Julian Witte vom Beratungsunternehmen Vandage. Dieser brachte das Beispiel einer 75-jährigen Patientin mit Herzinsuffizienz, die in der vergangenen Grippesaison 6-mal bei der Hausärztin, 1-mal beim Kardiologen, 2-mal in der Apotheke und 1-mal in der Klinik war. „Sie ist nicht einmal geimpft worden. Dabei wissen wir, dass mehr als 50 Prozent aller 60-jährigen, die nicht geimpft werden, mehr als fünf Arztkontakte in der Saison haben.“ Nicht-Impfen ist richtig teuer.

Deshalb stellt Witte sich viele Fragen: „Nutzen wir alle Impfmöglichkeiten und -chancen?“ Wohl eher nicht; bei der Betriebsmedizin, in den Kliniken und Pflegeheimen, bei den Seniorenverbänden sieht er Luft nach oben. Aber auch hier muss erst der digitale Impfausweis her, damit es „einen sauberen Datenfluss“ geben kann. Außerdem, so Witte, müsse mehr über Impfangebote kommuniziert werden: „Wo kann ich mich impfen lassen? Das muss alles aufs Handy.“

Impfen als politische Priorität

Das Impfen leichter machen – das wollten alle Teilnehmer:innen auf dem Gipfel in Berlin. Der Gesundheitspolitiker der Grünen, Dr. Johannes Wagner, will dazu die Schulen verstärkt miteinbeziehen, nach dem Motto: Kommen die Menschen nicht zur Impfung, muss die Impfung halt zu den Menschen kommen. Professor Hendrik Streeck von der CDU und wie Wagner ebenfalls Arzt, hofft darauf, dass nach der Politisierung von Vakzinen im Zuge der Pandemie das Thema nun wieder mehr vom medizinischen Nutzen her gedacht wird.

Dass Impfen weit über das rein Gesundheitliche hinausgeht, darüber sprach Han Steutel. Bisher war das Land mit Produktionskapazitäten relativ gut versorgt: Impfstoffwerke stehen etwa in Marburg, Idar-Oberstein und Dresden. Dort aber wird nicht mehr produziert oder – wie im Fall Dresden – der Betrieb bald zugemacht. Steutel hofft nun auf Investoren; es geht ihm dabei auch um Versorgungssouveränität: „Für Europa wäre ganz schlecht, wenn diese Produktionskapazität verschwindet.“ Steutel gibt aber auch zu bedenken, dass das BStabG mit seinen Einsparungen „nicht gerade ein Investitionssignal ist“. In dem Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit des Gesundheitswesens, dem Kostendruck und dem Zugang zu Innovationen machte er deutlich: „Die Ausgaben für Impfstoffe stabilisieren? Das ist das Letzte, das wir tun sollten. Die Ausgaben müssen steigen; die Impfquoten sind dramatisch niedrig.“

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