Diabetes in Europa: Tod alle 46 Sekunden

In der EU stirbt alle 46 Sekunden ein Mensch als Folge einer durch Diabetes ausgelösten medizinischen Krise. Diabetes ist eine stille Epidemie mit verheerenden Folgen für die Betroffenen, aber auch für Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialsysteme. Verschiedene Fachgesellschaften mit Unterstützung des europäischen Pharmaverband EFPIA fordern die Politik auf, mit konzertierten Aktionen gegenzusteuern.

Zunächst die Fakten. 31,6 Millionen Menschen in der EU leiden an Diabetes – das entspricht der Bevölkerungszahl von Portugal, Kroatien und den Niederlanden zusammen. Außerdem verlieren 686.000 Menschen im Jahr ihr Leben als Folge einer Diabetes-Erkrankung bzw. einer durch sie bedingten Komplikation. „Das ist vollkommen inakzeptabel“, heißt es im „Diabetes Community Pledge“ – ein „Versprechen“, in dem 8 Fachgesellschaften und in der EFPIA organisierte forschende Pharmaunternehmen sowie der Medizintechnik-Verband MedTech Europe der Politik in den Mitgliedsländern 15 konkrete Handlungsempfehlungen an die Hand geben, um Diabetes gezielt und koordiniert zu bekämpfen. „Vor dem Hintergrund belasteter Gesundheitssysteme und stetig steigender Krankheitslast müssen politische Entscheidungsträger sich auf allen Ebenen verpflichten, Maßnahmen gegen Diabetes zu ergreifen“, schreiben Stefano del Prato und Bart Tobeyns vom European Diabetes Forum. „Nur durch entschlossenes Handeln können wir den Verlust von Menschenleben und die oft verheerenden Komplikationen verhindern.“ Nur so könne „das Leben von Menschen mit Diabetes erheblich verbessert und Europas Gesundheitssysteme nachhaltiger und widerstandsfähiger gemacht werden.“

Diabetes: Jetzt ist Zeit zu handeln
Gleichberechtigten Zugang zu Arzneimitteln und Technologien. Foto: ©iStock.com/Suriyawut Suriya
  • Weil rund ein Drittel der Menschen mit Diabetes gar nichts von der Krankheit weiß, muss die Früherkennung gestärkt werden. Dazu sollten die EU-Mitgliedsländer entsprechende Gesundheits- und Monitoring-Programme implementieren. Eine frühe Behandlung kann die Behandlungsergebnisse deutlich verbessern, die Menschen beim Management ihrer Erkrankung unterstützen und Gesundheitssysteme entlasten.
  • „Zu wenig, zu spät“ – Menschen mit Diabetes bekommen ihre Therapie oft zu spät und oft nicht nach den neuesten Standards – was zu unnötigen Folgekomplikationen führen und der Lebensqualität schaden kann. In der „Pledge“ fordern die Autor:innen gleichberechtigten und bezahlbaren Zugang zu Arzneimitteln sowie Technologien wie Blutzuckermessgeräten oder anderen digitalen Unterstützern (Gesundheits-Apps). Es sollten entsprechende Patientenpfade entwickelt werden, um eine qualitätsgesicherte und lernende Versorgung umzusetzen.
  • Diabetes zu managen ist ein „full-time job“, heißt es in dem Papier. Deshalb sollten Betroffene dazu befähigt werden, ihre Erkrankung selbständig in die Hand nehmen zu können; medizinische Fachkräfte sollten sie dazu ermutigen. Gesundheitskompetenz ist ein Schlüssel zu einer besseren Versorgung.
  • Und schließlich müssten vermehrt neue Technologien eingesetzt werden, um die Krankheit besser zu verstehen; hier vor allem: Technologien der Digitalisierung. Die Sammlung, Verknüpfung und Interpretation sicherer Gesundheitsinformationen – Daten aus klinischen Studien und aus dem Versorgungsalltag – unterstützen ein lernendes System, sodass Menschen mit Diabetes schneller und besser versorgt werden können. Außerdem fordern die Autor:innen, dass die EU Forschungsprogramme auflegt, bei denen die Sicht der Menschen mit Diabetes eine wichtige Rolle spielen müsse.

Diabetes: Jetzt ist Zeit zu handeln

Schon heute hinterlässt die Krankheit verheerende Spuren: Ein Drittel aller Menschen mit Diabetes entwickeln eine Sehstörung; ihr Risiko, eine kardiovaskuläre Krise zu erleiden, ist 3-mal höher als bei Gesunden, die Gefahr einer Nierenfunktionsstörung sogar 10-fach erhöht – und alle 30 Sekunden muss irgendwo auf der Welt eine untere Gliedmaße amputiert werden, weil die Durchblutung nicht mehr ausreichend funktioniert. Angesichts dieser Fakten sagen die Autor:innen des Papiers: Jetzt ist es Zeit zu handeln.

Weiterführende Links:

Diabetes Community Pledge

European Diabetes Forum

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