Die Zufriedenheit von Patient:innen stand im Mittelpunkt einer großen OECD-Studie – die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit spricht im Interview über die Ergebnisse.
Die Zufriedenheit von Patient:innen stand im Mittelpunkt einer großen OECD-Studie – die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit spricht im Interview über die Ergebnisse.

Bessere Gesundheitsversorgung durch Mitsprache der Patient:innen

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat mehr als 100.000 Patient:innen in 19 Ländern dazu befragt, wie zufrieden sie mit ihrer Gesundheitsversorgung sind. Doch Menschen aus Deutschland konnten nicht an dieser Studie teilnehmen. Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende im Aktionsbündnis Patientensicherheit, zeigt sich entsetzt – wir haben mit ihr gesprochen.
Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende im Aktionsbündnis Patientensicherheit
Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende im Aktionsbündnis Patientensicherheit

Worum ging es bei der OECD-Studie „Patient reported Indicator Survey Study (PaRIS)?

Dr. Ruth Hecker: Bei dieser Studie haben Wissenschaftler 107.000 Patienten in 19 Ländern befragt, die älter als 45 Jahre waren und von mindestens einer chronischen Erkrankung betroffen sind. Es ging darum, anhand von insgesamt 10 Kriterien herauszufinden, wie zufrieden die Patient:innen mit ihrer Gesundheitsversorgung sind und wo es Ansätze für Verbesserungen geben könnte. Letztlich soll durch PaRIS ein Dialog zwischen politischen Entscheidungsträgern, Gesundheitsdienstleistern und Patienten gefördert werden – insbesondere darüber, wie die Leistung und die Kundenzentrierung der Gesundheitsversorgung verbessert werden können.

Was genau wurde abgefragt?

Hecker: Es ging um so genannte PROMs und PREMs, um fünf Patient-Reported Outcome Measures und fünf Patient-Reported Experience Measures, also um die Auswirkungen auf verschiedene gesundheitliche Aspekte und um die grundsätzlichen Erfahrungen im Gesundheitssystem. Zu den PROMs zählen etwa körperliche und psychische Gesundheit, die Möglichkeit zu sozialen Interaktionen oder das grundsätzliche Wohlbefinden. Bei den PREMS ging es um die Erfahrungen mit dem und das Vertrauen in das Gesundheitssystem, auch um die Kommunikation mit den Behandelnden oder die Koordination der Gesundheitsversorgung.

Welches sind die wichtigsten Ergebnisse?

Hecker: Ich möchte hier den OECD-Generalsekretär Mathias Cormann zitieren: „Menschen, die mit chronischen Erkrankungen leben, berichten von einer besseren körperlichen Gesundheit, psychischen Gesundheit und einem besseren Wohlbefinden, wenn sie eine Gesundheitsversorgung erhalten, die sich auf ihre Bedürfnisse konzentriert. PaRIS zeigt auch, dass Länder, die mehr für Gesundheit ausgeben, zwar tendenziell bessere Gesundheitsergebnisse erzielen, es aber möglich ist, eine starke Leistung auch mit niedrigeren Gesundheitsausgaben zu erzielen.“ Sehr aufschlussreich finde ich auch einige Detail-Ergebnisse.

Welche?

Hecker: Zum Beispiel die deutlichen Unterschiede je nach Geschlecht: 74 Prozent der Männer, aber nur 65 Prozent der Frauen mit chronischen Erkrankungen fühlen sich bei guter körperlicher Gesundheit – obwohl die Frauen länger leben. Das kann auch daran liegen, dass Frauen sensibler sind, wenn etwas nicht stimmt und deshalb von schlechterer Gesundheit sprechen. Ein anderes Ergebnis: Von den Menschen, die sagen, ihr Hausarzt verbringe genug Zeit mit ihnen, vertrauen 64 Prozent dem Gesundheitssystem. Bei den Menschen, die finden, ihr Hausarzt wende zu wenig Zeit für sie auf, sind es nur 34 Prozent. Ein weiteres wichtiges Ergebnis betrifft die Digitalisierung.

Das heißt?

Hecker: Digitale Technologien werden nur unzureichend genutzt. So berichten nur 7 Prozent der Patient:innen, dass sie schon mal in einer Videosprechstunde waren und nur 17 Prozent haben schon einmal online auf ihre Krankenakten zugegriffen. Beim Thema Digitalisierung und Telemedizin gibt es in den meisten Ländern noch viel Luft nach oben.

Welche Länder haben am besten abgeschnitten?

Hecker: Patient:innen in den Niederlanden und der Schweiz fühlen sich am besten versorgt. In Frankreich wird die Versorgungsqualität als hoch wahrgenommen, aber es wird dort zu selten nicht-ärztliches Personal hinzugezogen. Auch Australien liegt weit vorne, allerdings gilt das dort nicht für alle Regionen. Bei den PREMS schnitten Australien, Belgien, die Schweiz und die USA überdurchschnittlich ab, bei den PROMS lagen die Schweiz, die USA und Kanada vorne.

Und wo liegt Deutschland?

Hecker: Deutschland hat an dieser großen und wichtigen Studie nicht teilgenommen. Frankreich, Italien und Spanien waren dabei, Australien, die USA und Kanada, sogar Saudi-Arabien – aber in Deutschland gab es wohl methodische Bedenken, weshalb das BMG, das Bundesgesundheitsministerium, davon Abstand nahm, Patient:innen in Deutschland an der Befragung zu beteiligen.

Sie machen Witze, richtig?

Hausarzt vor Facharzt
Patient:innen mit einbeziehen: Bessere Gesundheitsversorgung. Foto: iStock.com / gorodenkoff

Hecker: Leider nein. Ich stand zu dieser Frage nicht im Kontakt mit dem BMG – ich war nur entsetzt, dass wir als Deutschland nicht teilgenommen haben. Ich denke, wenn man etwas nicht will, dann findet man auch Gründe – aber ich würde sagen, diese methodischen Bedenken waren nicht gerechtfertigt. Das war nur ein Totschlagargument. Denn Patientenbefragungen sind ja bei einigen Interessengruppen des Gesundheitswesens gar nicht gewünscht, weil sie sagen: Wir wissen schon, was richtig und falsch ist. Über viele Jahre wurde zum Beispiel über die Pflege geredet, aber nicht mit den Pflegenden selbst. Das hat sich nach Corona geändert, aber bei den Patient:innen ist es immer noch so. Sie sind zwar im G-BA vertreten, aber sie sind dort nicht stimmberechtigt. Kurzum: Man hätte bei der OECD-Studie auch einfach mal mitmachen und daraus lernen können. Und wenn es methodische Fehler gegeben hätte, dann hätte Deutschland auch daraus lernen können. Aber nicht mitzumachen, das finde ich schon peinlich für ein reiches Land, das bis vor wenigen Jahren behauptet hat, es hätte das beste Gesundheitssystem der Welt.

Weshalb wäre es wichtig, dass Patient:innen mehr gehört werden?

Hecker: Weil sich dadurch die gesundheitliche Versorgung verbessern könnte. Wenn es zum Beispiel in einer Region gut läuft, in einer anderen aber nicht, dann stellt man das am schnellsten fest, indem man kontinuierlich die Patient:innen befragt. Das geht doch heute alles webbasiert. Man muss nicht mal Papier herumschicken. Bei der Studie zeigte sich auch: 82 Prozent der befragten über 45-Jährigen haben mindestens eine chronische Erkrankung, bei 52 Prozent sind es mindestens zwei chronische Erkrankungen und bei 27 Prozent sind es drei oder mehr. Diese Patient:innen müssen wir doch nach der Qualität ihrer Versorgung befragen – nur so können wir Unterschiede feststellen und etwas verbessern. Es gibt übrigens einen Bereich, bei dem das tatsächlich funktioniert.

Welchen?

Hecker: Die Onkologie. Dort machen sie vor, wie es gehen könnte. Der nationale Krebsplan, der durch das BMG gefördert wird, sieht ja vor, Patient:innen mit einzubinden und sie zu schulen. Sie können an Diskussionen teilnehmen und erklären, ob sie eine bestimmte Studie sinnvoll finden oder nicht. Aber das funktioniert nur im onkologischen Bereich. Dort sind die erwähnten PROMs zwar noch nicht überall etabliert, aber sie sind zumindest bekannt und werden auch immer häufiger angewendet. Aber fragen Sie mal einen Diabetiker oder Rheumatiker, ob sie irgendwie mitreden dürfen. Fehlanzeige. Es gibt in Deutschland keine einheitlichen Patientenbefragungen. Viele Krankenkassen und auch Krankenhäuser befragen zwar Patient:innen, setzen dabei aber unterschiedliche Fragebogen und -typen ein. Wir vom Aktionsbündnis Patientensicherheit fordern insbesondere seit der Corona-Pandemie, dass wir die Patienten befragen, was in der Versorgung bei ihnen ankommt. Da kann es ja regional große Unterschiede geben.

Durch den Dschungel des Gesundheitssystems
Es muss mehr Zeit für das Arzt-Patienten-Gespräch eingeplant werden. Foto: ©iStock.com/ArLawKa AungTun

Was müsste die Politik tun, damit die Patient:innen besser in die Behandlung eingebunden werden?

Hecker: Ein wichtiger Punkt, den auch die OECD-Studie aufgezeigt hat: Wir sollten die Versorgung der Patient:innen auf mehrere Berufsgruppen verteilen. Dazu gehört die Professionalisierung der Pflege, sie kann viele Aufgaben übernehmen. Es muss auch mehr Zeit für das Arzt-Patienten-Gespräch eingeplant werden. Die Studie zeigt ja, wie wichtig es ist, dass der Arzt umfassend mit dem Patienten sprechen kann. Vielleicht sollte die Politik einen Rahmen setzen, der es ermöglicht, das Vergütungssystem so zu ändern, dass es nicht nur darum geht, möglichst viele Patient:innen in möglichst kurzer Zeit zu versorgen, sondern um die Qualität. Und: Wir brauchen endlich einen rechtlichen Rahmen für die Community Health Nurses – das sind spezialisierte Pflegekräfte, die Aufgaben in der Gesundheitsförderung und Prävention übernehmen und die zum Beispiel Verbände wechseln und die Hausärzte so entlasten können. Neben der Pflege sollte es auch beim Thema Digitalisierung deutlich professioneller zugehen.

Immerhin gibt es jetzt eine elektronische Patientenakte (ePA).

Hecker: Interessantes Beispiel. Viele Menschen hatten und haben Probleme, ihre ePA zu starten, weil der Zugang ziemlich kompliziert ist – man muss hier ein Passwort eingeben und dort etwas freischalten. Das ist umständlich und schreckt ab. Die OECD-Studie hat gezeigt, wie es stattdessen gehen könnte: Patient:innen, gerade solche mit mehreren Erkrankungen, brauchen mehr Unterstützung. Digitale Lösungen sind wichtig, müssen aber einfach anzuwenden sein. Zudem ist kontinuierliches Zuhören entscheidend dafür, die Versorgung besser und patientenzentrierter zu gestalten. Wir sollten also zuerst die Stimme der Patient:innen hören und dann das System verbessern – die OECD-Studie wäre dafür eine hervorragende Chance gewesen.

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