Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Eine Untersuchung zeigt, wo Deutschland bei der Versorgung der Frauen besser werden kann. Foto: ©iStock.com/libre de droit
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Eine Untersuchung zeigt, wo Deutschland bei der Versorgung der Frauen besser werden kann. Foto: ©iStock.com/libre de droit

Brustkrebs in Deutschland: Mehr Fortschritt ist möglich

Brustkrebs ist die häufigste bösartige Tumorerkrankung bei Frauen und nach dem Lungenkarzinom die zweithäufigste Krebstodesursache – obwohl sich die Behandlung in den vergangenen Jahren dramatisch verbessert hat. Eine Untersuchung zeigt, wo Deutschland bei der Versorgung der Patientinnen besser werden kann.

Jede achte Frau in Deutschland erkrankt in ihrem Leben irgendwann an Brustkrebs über 70.000 Neudiagnosen pro Jahr sind es; das bedeutet, dass jeden Tag – statistisch betrachtet – 192 Frauen hören müssen: „Sie haben Brustkrebs.“ Bei mehr als der Hälfte von ihnen passiert das vor dem 65. Lebensjahr, also in einer Zeit, in der sie beruflich aktiv sind. Die Erkrankung ist medizinisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich und gesundheitspolitisch von großer Tragweite: Direkte und indirekte Kosten – etwa durch medizinische Versorgung oder Frühverrentung – summieren sich auf rund 3,5 Milliarden Euro (s. Grafik).

Wie lässt sich die Brustkrebsversorgung in Europa verbessern? Wie „frauen-zentriert“ ist sie? Dazu hat Economist Impact, ein Unternehmen des Medienhauses The Economist, Daten aus ganz Europa zusammengetragen. Den Bericht „Advancing breast cancer care in Europe: a roadmap to a women-centric approach” hat das forschende Unternehmen Daiichi Sankyo finanziert; inhaltlich Einfluss genommen hat es nicht.

Brustkrebs-Präparate: Schnell verfügbar

Brustkrebs-Präparate: Schnell verfügbar
Fortschritte in Vor- und Nachsorge, Früherkennung & Therapie: Hohe Überlebensrate. Foto: ©iStock.com/littlekop

Für die Evaluierung der Situation Deutschlands flossen das Wissen und die Erfahrungen von sieben Expert:innen ein. Als einziges Land auf dem Kontinent sind alle von der europäischen Zulassungsbehörde EMA freigegebenen onkologischen Präparate voll verfügbar. „Wenn Sie in Deutschland an Brustkrebs erkranken, können Sie davon ausgehen, dass alles, was in irgendeiner Form möglich und wirksam ist, von Ihrer Krankenkasse übernommen wird, sofern es genehmigt wird“ – so zitiert der Report Chefarzt Professor Dr. Hans-Christian Kolberg aus Bottrop. Soll heißen: Der Schub an Arzneimittelinnovationen kommt bei den Patientinnen schnell an; durchschnittlich 93 Tage vergehen vom EMA-Go bis zur tatsächlichen Verfügbarkeit in der Versorgung. Das ist keine Selbstverständlichkeit – der EU-Durchschnitt liegt bei 559 Tagen.

Fortschritte in Vor- und Nachsorge, Früherkennung und Therapie haben dafür gesorgt, dass die relative Fünfjahres-Überlebensrate mittlerweile bei 88 Prozent liegt. Noch einmal Kolberg: „Die hohe Überlebensrate bei Brustkrebs in Deutschland ist vor allem darauf zurückzuführen, dass 90 Prozent der Patientinnen in zertifizierten Brustzentren behandelt werden.“ Das sind medizinische Einrichtungen, die eine ganze Reihe von Anforderungen erfüllen müssen, um von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert werden. Studien belegen: Wer in einem solchen Zentrum behandelt wird, hat deutlich höhere Überlebenschancen (s. Pharma Fakten).

Brustkrebs: Mehr Gesundheitskompetenz, mehr Prävention

Dr. Martina Witzel, Leiterin der Onkologie bei Daiichi Sankyo
Dr. Martina Witzel, Leiterin der Onkologie bei Daiichi Sankyo. Fotograf: Rainer Haeckl

Aber es gibt Luft nach oben – strukturelle Hürden verhindern, dass die Erfolgsgeschichte der Brustkrebsbehandlung noch stringenter fortgeschrieben werden kann. Zu wenige Frauen nehmen an Brustkrebsscreenings teil; nicht einmal die Hälfte (47 Prozent) gab an, dass sie in den vergangenen zwei Jahren eine Mammographie hat durchführen lassen. Dies aber ist ein entscheidendes Instrument der Früherkennung. „Es ist in zahlreichen Studien belegt, dass die Früherkennung Leben rettet“, sagt Dr. Martina Witzel, Leiterin der Onkologie bei Daiichi Sankyo. „Bei früh erkanntem Brustkrebs im Stadium I sehen wir Überlebensraten von annährend 100 Prozent, die im Falle des metastasierten Krebses, Stadium IV, auf unter 30 Prozent fallen.“ Bessere Heilungschancen, eine schonendere Behandlung – das ist durch Früherkennung möglich.

Das zeigt auch: Es mangelt an Gesundheitskompetenz; sprich: dem Wissen, welche Rolle Prävention und Früherkennung für die eigene Gesundheit spielen können. Ginge es nach Kerstin Paradies, Vorstandssprecherin von KOK (Pflegekompetenz in der Onkologie), kann Wissensvermittlung gerade bei jüngeren Mädchen einen Unterschied machen: „Was manchmal fehlt, ist, jungen Mädchen frühzeitig beizubringen, wie man die Brust abtastet und die Anzeichen und Symptome erkennt, damit sie medizinische Hilfe suchen können.“ Prävention, sagt sie, „spielt eine sehr wichtige Rolle, und das ist in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen.“ Die Gesundheitskompetenz verschiedener Bevölkerungsgruppen verbessern, wirksame Aufklärungskampagnen zur Prävention entwickeln: Das könnte dazu beitragen, die Brustkrebsrate zu senken und bestehende Ungleichheiten in der Versorgung zu beseitigen.

Brustkrebs-Überlebende: „Surviving to thriving”

Brustkrebs-Überlebende: „Surviving to thriving”
„Surviving to thriving”: Bedingungen für höhere Lebensqualität schaffen. Foto: CC0 Stencil

Es ist ein Erfolg der Brustkrebsbehandlung der vergangenen Jahrzehnte: Immer mehr Frauen sind „Überlebende“. Grundsätzlich ist eine finanzielle Absicherung gegeben; es gilt eine sechswöchige Lohnfortzahlung und 78 Wochen Krankengeld (ca. 70 Prozent des Einkommens). Trotzdem kann eine längere Unterbrechung von der Arbeit finanzielle Herausforderungen mit sich bringen.

„Die Tatsache, dass Frauen mit Brustkrebs sehr lange krankgeschrieben sind, bedeutet auch, dass sie mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert sind, was für viele Familien eine große Herausforderung darstellt“, sagt Kerstin Paradies – und sie findet, dass die Politik gefragt ist, entsprechende Versorgungslücken zu schließen. „Frauen mit Brustkrebs bleiben ihr Leben lang Überlebenspatientinnen, das heißt, sie haben Nebenwirkungen, die sie immer begleiten werden“, sagt sie. „Wir bilden derzeit Gesundheitscoaches aus, die diese Patientengruppe über einen langen Zeitraum begleiten.“ Im Report heißt das „Surviving to thriving“ – in diesem Zusammenhang vielleicht am besten übersetzt mit „Vom Überleben zum Gesund-Leben“. Gemeint ist, die Bedingungen zu schaffen, dass Krebsüberlebende mit einer höheren Lebensqualität ihren Alltag gestalten können.

Brustkrebs: Arzneimittelforschung auf Hochtouren

Brustkrebs: Arzneimittelforschung auf Hochtouren
„Women‑centric“: Krebsbekämpfung mit der Frau im Mittelpunkt. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff

Laut Economist Impact sind das die entscheidenden Hebel für eine Krebsbekämpfung, die „Womencentric“ ist, also die Frau in den Mittelpunkt stellt: Die ScreeningTeilnahme muss in Deutschland gezielt gesteigert werden, etwa indem sie niederschwelliger gestaltet wird; hier könnten Gesundheitskioske und mobile Angebote helfen. Die Gesundheitskompetenz gerade der 20- bis 30Jährigen sollte verbessert werden und das „Leben nach dem Brustkrebs“ könnte durch die Implementierung von Lotsen und HealthCoaches sowie die Stärkung von Reha und Psychoonkologie unterstützt werden.

Derweil läuft die Forschung an neuen Wegen der Krebsbekämpfung auf Hochtouren; die Pipelines vieler Unternehmen sind gut gefüllt. Neue AntikörperWirkstoffKonjugate (ADCs) – sie verbinden zielgerichtete Antikörper mit einer hochwirksamen ChemotherapieFracht – werden immer mehr zur Standardtherapie. Ihr Versprechen: Mehr Wirksamkeit, weniger Nebenwirkungen sind möglich. Endokrine Innovationen – also Wirkstoffe, die gezielt hormonabhängige Krebsarten bekämpfen – kommen zunehmend bei Resistenzentwicklungen zum Einsatz und ermöglichen neue Therapiepfade. Die Brustkrebsbehandlung von morgen wird noch präziser und damit noch wirkungsvoller sein.

Weiterführender Link:

Economist Impact: Advancing breast cancer care in Europe: a roadmap to a women-centric approach, 2025.

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