Die COVID-19-Pandemie hat große Löcher in Routine-Impfprogramme weltweit gerissen. Diese Löcher gilt es zu stopfen – es geht wahrlich um Leben und Tod. Foto: ©World Health Organization
Die COVID-19-Pandemie hat große Löcher in Routine-Impfprogramme weltweit gerissen. Diese Löcher gilt es zu stopfen – es geht wahrlich um Leben und Tod. Foto: ©World Health Organization

Impfen: Auf großer Aufholjagd

Es geht um Leben und Tod. Das ist keine Übertreibung: Zahlreiche Kinder weltweit haben in Folge der COVID-19-Pandemie wichtige Routine-Impfungen nicht erhalten – sie sind vielen gefährlichen Krankheiten mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert. Das gilt es zu ändern – um Leid zu verhindern, das gar nicht sein müsste.
#VaccinesWork
Konfliktländer: Zu viele Kinder sind nicht geimpft. Foto: ©World Health Organization

67 Millionen: So viele Kinder weltweit haben in den Jahren 2019 bis 2021 eine oder mehrere Routine-Impfungen verpasst. Die große Mehrheit (ca. 72 %) davon haben gar keine Impfung erhalten, so UNICEF. Aus einem Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen geht hervor: In 112 Ländern sind die Durchimpfungsraten gesunken. Kontaktbeschränkungen, Lockdowns, gestörte Lieferketten, belastete Gesundheitssysteme – die Pandemie hat Folgen, die weit über COVID-19 hinausgehen. Krankheitsausbrüche etwa durch Masern, Diphtherie, Polio oder Gelbfieber werden schon jetzt häufiger und schwerwiegender.

Das gilt insbesondere für Menschen in Regionen, die von mehreren Krisen gleichzeitig gebeutelt sind. „Zwei von fünf der nicht geimpften Kinder leben in einem Konfliktland oder fragilen Staat ohne funktionierendes Gesundheitssystem“, sagt UNICEF. Es ist ein Teufelskreislauf: Denn kommt eine Naturkatastrophe hinzu, können schnell neue Krankheiten ausbrechen – vor denen die Betroffenen nicht ausreichend geschützt sind. Nach den massiven Erdbeben im Frühjahr 2023 wurden zum Beispiel über 1.700 neue Cholera-Verdachtsfälle im Nordwesten Syriens gemeldet (Stand: März 2023). Cholera ist eine Magen-Darm-Infektion, die zu schweren Durchfällen, Erbrechen sowie hohem Flüssigkeitsverlust führen kann. Ausgelöst wird sie von Bakterien – die sich besonders gut in verunreinigtem Trinkwasser und Nahrungsmitteln sowie bei mangelnder Hygiene ausbreiten.

Impflücken schließen, Todesfälle vermeiden

Jahr für Jahr sterben über 700.000 Kinder an Lungenentzündungen und fast 500.000 Kinder an Durchfallerkrankungen. „Ein Großteil der Ansteckungen hätte durch Impfungen vermieden werden können“, heißt es bei UNICEF. Und auch hierzulande ist Luft nach oben: Die 2. Masernimpfung zum Beispiel haben im Alter von 24 Monaten nur 80,5 Prozent der Kinder erhalten (s. RKI, Geburtsjahrgang 2019). „Noch vor einigen Jahrzehnten haben große Masern-Epidemien jährlich in etwa 2,6 Millionen Menschen getötet“, betont UNICEF. „Seit der Einführung eines Impfstoffs im Jahr 1963 sind Infektionen und Todesfälle […] vermeidbar“. Doch die Weltgesundheitsorganisation muss feststellen: „Unzureichende Impfquoten haben in den vergangenen 12 Monaten vermeidbare Masernausbrüche zur Folge gehabt“. 

The Big Catch-Up
Impfangebote: Die große Aufholjagd. Foto: ©World Health Organization

Im Zuge der „World Immunization Week“ (24.-30.4.2023) rufen mehrere Organisationen wie die WHO und UNICEF mit anderen Partnern nun zur großen Aufholjagd – „The Big Catch-Up“ – auf. Die Ziele lauten wie folgt:

  • Nachholen: Kinder, die in der Pandemie „leer“ ausgingen, sollen Impfangebote erhalten. Der Fokus liegt dabei auf 20 Ländern, in denen besonders viele Kinder Impfungen verpasst haben.
  • Zurücksetzen: Im Prinzip geht es darum, die Zeit zurückzudrehen – und die Impfquoten mindestens auf Vor-Pandemie-Niveau zu erhöhen.
  • Stärken: Impfprogramme als Teil der medizinischen Grundversorgung müssen weltweit gestärkt werden.

Es braucht „ganz erhebliche Anstrengungen“, um das zu schaffen, weiß die WHO. Das liegt schon daran, dass die wenigsten Regionen der Welt so gut zu erreichen sind wie Berlin Mitte. Die Vakzine müssen – immer gut gekühlt – in die entlegensten Dörfer gelangen. Dabei kommen auch mal Boote oder gar Lastesel zum Einsatz. Es braucht Lieferant:innen, Impfpersonal, Helfer:innen. Zunehmend können dabei immerhin digitale Technologien unterstützen, so UNICEF: „Auch das Senden von Textnachrichten an Eltern kann dazu beitragen, die Impfraten zu erhöhen.“

„Kein Kind sollte an einer impfpräventablen Erkrankung sterben”, findet WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. Und UNICEF-Chefin Catherine Russell erklärt: „Je länger wir damit warten, bis wir an diese Kinder herantreten und impfen, desto mehr sind sie in Gefahr und desto größer ist das Risiko für weitere tödliche Krankheitsausbrüche.“

Impfung – Lebensretterin

Impfung – Lebensretterin
Impfungen retten Leben. Foto: ©iStock.com/FotoDuets

UNICEF und WHO schätzen, dass Impfungen schon jetzt jedes Jahr 4,4 Millionen Menschenleben retten. Masern-Vakzine haben in den vergangenen 20 Jahren rund 23,2 Millionen Kinder vor dem Tod bewahrt. Neugeborenen-Tetanus wurde in der Mehrzahl der Länder eliminiert. Die Pocken gelten als ausgerottet.

Und nicht nur das: Durch „Impfungen werden Kinder vor Krankheiten geschützt, wodurch Eltern – insbesondere Mütter – weniger Zeit in die Pflege kranker Kinder investieren müssen. Außerdem werden Familien seltener mit den emotionalen Belastungen und den oft hohen Kosten der Betreuung eines kranken Kindes konfrontiert. Die Impfung von Kindern hat zudem einen positiven Effekt auf die Gesundheit der gesamten Gemeinschaft, da sie die Herdenimmunität fördert und dazu beiträgt, die Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen zu begrenzen“, fasst das Kinderhilfswerk zusammen. 

„The Big Catch-Up“ dürfte sich also in dreierlei Hinsicht lohnen: gesundheitlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich.

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