Weil es immer mehr Arzneimittel gegen Krebs gibt, steigen die Ausgaben der Krankenkassen für Onkologika. Doch steckt hinter dem Innovationsboom auch wirklicher Fortschritt? Foto: ©iStock.com/Pornpak Khunatorn
Weil es immer mehr Arzneimittel gegen Krebs gibt, steigen die Ausgaben der Krankenkassen für Onkologika. Doch steckt hinter dem Innovationsboom auch wirklicher Fortschritt? Foto: ©iStock.com/Pornpak Khunatorn

Krebs: Arzneimittelinnovationen, die sich lohnen

Weil es immer mehr Arzneimittel zur Behandlung von Krebserkrankungen gibt, steigen auch die Ausgaben der Krankenkassen für Onkologika – so weit, so überraschungsarm. Doch steckt hinter dem Innovationsboom in der Onkologie auch wirklicher Fortschritt, der bei den Patient:innen ankommt? Ein Wirtschaftsprofessor hat nachgerechnet.

Professor Frank R. Lichtenberg lehrt und forscht an der Columbia Business School, USA. Der Ökonom beschäftigt sich hauptsächlich mit den Folgen von Innovationen auf die Produktivität von Unternehmen und ganzen Gesellschaften. Eines seiner Steckenpferde: die Auswirkungen von pharmazeutischen Innovationen. Die Frage, die der ehemalige Harvard-Mann sich stellte, war: Fallen die Todesraten von Krebsarten, bei denen in den vergangenen Jahren mehr neuartige Arzneimittel zugelassen wurden, stärker als bei denen, wo dies nicht der Fall war? Dazu hat er sich Daten aus Spanien aus den Jahren 1999 bis 2016 angeschaut.

Das ist keine einfach zu beantwortende Frage, wie die Formel zeigt, die er dazu entwickelt hat:

∆outcomes=βk∆rx_vintage_ks+π∆lnn_cases_6s+γ∆age_dx_6s+α+εs.

Und das ist nur ein Teil seiner Rechnung.

Die Zahl der Krebsfälle steigt, die Sterberate sinkt

Die Krebssterberate in Spanien im 21. Jahrhundert nimmt deutlich ab – und das, obwohl die Krebsinzidenz, also die Zahl der Neuerkrankungen, steigt. Das ist Beleg dafür, dass es immer besser gelingt, Krebserkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Auffallend ist auch: Bei manchen Krebsarten ist der Gewinn an Lebenszeit deutlich höher als bei anderen Krebsarten. Für Menschen mit Darmkrebs oder einer chronisch-myeloischen Leukämie (Blutkrebs) stieg das Durchschnittsalter bei Tod um rund 10 Jahre. Bei Lungen- oder Blasenkrebs konnten im Beobachtungszeitraum fast 5 Jahre mehr Lebenszeit erreicht werden. Das bedeutet aber nicht, dass etwa Lungenkrebs-Medikamente für die Betroffenen weniger Nutzen haben. Der Innovationsboom bei der Behandlung mit neuen zielgerichteten Arzneimitteln begann erst in den 2010er-Jahren – und entfaltet sein Potenzial gewonnener Lebensjahre erst noch. Die Immunonkologie ist ein „sensationeller Fortschritt“, hieß es auf einem Forum führender Krebsexpert:innen.

Krebs: 2,8 Lebensjahre gewonnen

Krebs: 2,8 Lebensjahre gewonnen
Kampf gegen Krebs: Neue Lebensperspektiven für Patient:innen. Foto: ©iStock.com/Pornpak Khunatorn

Insgesamt geht Lichtenberg nach seinen Berechnungen davon aus, dass Arzneimittelinnovationen im Zeitraum zwischen 1999 und 2016 für einen Lebenszeitgewinn von 2,77 Jahren bei Krebs-Patient:innen verantwortlich seien – und damit für 96 Prozent des Gesamtanstiegs der Lebenszeit. Auch die Kosten pro gewonnenes Lebensjahr hat der Ökonom berechnet; sie liegen bei 3.269 Euro. Auf die Zahl kommt er, indem er die Ausgaben für neue Krebsmedikamente in Spanien im Jahr 2016 (1,09 Mrd. Euro) durch die Zahl der Lebensjahre dividiert (333.453), die durch neue Therapien nicht verloren gingen. Lichtenberg geht davon aus, dass die Daten aus Spanien auf andere Länder Europas übertragbar sind.

Wer 2016 mit der Diagnose chronisch-myeloische Leukämie konfrontiert war, hat statistisch gesehen eine um 10 Jahre längere Lebensperspektive, als sie Betroffene hatten, die zur Jahrtausendwende erkrankten: Für diese Menschen ist das ein Nutzen, den sie nicht hoch genug einschätzen werden. Aber die Nachricht wird noch besser: Der Kampf gegen Krebs ist auch finanziell machbar.

Weiterführender Link:
Frank R. Lichtenberg, PhD: The Relationship Between Pharmaceutical Innovation and Cancer Mortality in Spain, From 1999 to 2016, 21. September 2023

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