10 Punkte sind es, die Professor Dr. Michael Hallek entwickelt hat, um die Wende in der deutschen Gesundheitspolitik zu schaffen. Sein Job ist das eigentlich nicht: Er ist einer der weltweit angesehensten Onkologen. An der Klinik in Köln behandelt er tagtäglich Krebspatient:innen, für deren Mut und Charakterstärke er nur Bewunderung übrig hat. Der WDR bezeichnet ihn in einer Dokumentation als „Herzblut-Mediziner“ mit einer Mission; er sagt: „Die Behandlung von Krebserkrankungen steht im Moment in einem Umbruch, die in der Geschichte dieser Krankheitsgruppe ohne Beispiel ist. Wir werden viele Krankheiten kontrollieren können durch die Medikamente und Verfahren, die wir heute erforschen. Das ist brillant und faszinierend.“ Den Menschen helfen – dafür ist er Arzt geworden.
Diese Mission wird ihn dazu verleitet haben, mal eben in das Fach Gesundheitspolitik zu wechseln. Als „WAKE-UP-CALL“ bezeichnet Vision Zero Halleks Plan, der dort Vorstandsmitglied ist. Vision Zero, eine Organisation führender Onkolog:innen und Gesundheitsprofis, hat sich zum Ziel gesetzt, „die Zahl der vermeidbaren krebsbedingten Todesfälle gegen Null zu bringen“.
Der „WAKE-UP-CALL“ für ein effizientes Gesundheitssystem
Hier schließt sich der Kreis: Halleks Ideen sind ein Vorschlag „für einen Masterplan zum Turnaround in der Gesundheitspolitik, als wichtigste Voraussetzung, um Krebs endlich die Rote Karte zu zeigen.“ Zu den Punkten im Einzelnen:
- Gründung einer TASK FORCE, die von der Bundesregierung beauftragt wird, einen Masterplan zur Umsetzung des notwendigen Turnarounds in der Gesundheitspolitik zu erarbeiten.
- Nachhaltiger Abbau der überbordenden BÜROKRATIE in Deutschland: „Ein Phänomen, das uns in der Forschung und im Alltag erstickt“, sagt der Klinikumsleiter. Außerdem: Einrichten einer Ethikkommission und einer Datenschutzbehörde, die für die Belange der alle Bundesländer übergreifenden Studien verantwortlich sind. Einrichtung eines schnellen und unbürokratischen standardisierten Antragsverfahrens.
- Rahmenbedingungen schaffen, damit sich Unternehmen der Gesundheitswirtschaft in Deutschland ansiedeln und Anreize schaffen, damit sie ihre Forschung und Fertigung intensivieren und ausbauen (INDUSTRIEANSIEDLUNG). Dazu gehört auch die „Verlässlichkeit der Rahmenbedingungen im Gesundheitsmarkt.“ Hallek: „Nur eine leistungsstarke Industrie wird uns ermöglichen, eigene Produkte in Deutschland zu entwickeln.“
- Deutliche Verstärkung der FORSCHUNGSFÖRDERUNG mit mindestens einer Milliarde Euro zusätzlich, „um endlich wieder einen Spitzenplatz unter den westlichen Ländern zu erreichen.“ Professor Hallek sagt: „Wir sind dankbar dafür, was sich in dem Bereich schon alles tut, aber man darf nicht vergessen, dass der Etat einer einzelnen US-Universität wie Harvard den Etat, der in Deutschland für die Krebsforschung ausgegeben wird, um ein Vielfaches übersteigt.“
- NACHWUCHSFÖRDERUNG: Einrichtung und Ausstattung von „Inkubatoren“ an den universitären Spitzenzentren und Standorten der Nationalen Centren für Tumorerkrankungen (NCTs) mit dem Ziel, deutsche und ausländische Nachwuchsforscher:innen in Deutschland schneller, gezielter und nachhaltiger zu unterstützen. „Wir verpennen das“, stellt Hallek fest. Er will Forscher:innen, die im Ausland arbeiten, nach Deutschland zurückholen.
- Aufbau neuer NCTs mit dem Ziel, am Ende der „Dekade gegen Krebs“ flächendeckend NCT-Standorte in erreichbarer Nähe für die betroffenen Menschen zu errichten. Damit der bahnbrechende Fortschritt schneller bei den Patient:innen ankommt (Translation). Dazu gehört eine nachhaltige Finanzierung der vernetzten Datenauswertung und Qualitätssicherung.
- Beteiligung der Spitzenvertreter der GKV und PKV an den strategischen Weichenstellungen der Gesundheitspolitik für die kommende Dekade (KRANKENKASSEN) – etwa, in dem man „nicht nur Geld ausgibt, sondern auch in die wissensgenerierende Forschung investiert.“
- PRÄVENTION: Erarbeitung eines Gesamtkonzepts „Gesundheitsprävention“. „Wir müssen dahin kommen, Krebs nicht erst dann wahrzunehmen, wenn er da ist und möglichst verhindern, dass er entsteht. Da ist Deutschland Entwicklungsland“, so der Onkologe.
- Konsequente Umsetzung des Masterplans durch Definition von Meilensteinen für alle Projekte und fortlaufende Evaluation und Nachjustierung zur Erreichung der definierten Ziele (UMSETZEN UND EVALUIEREN).
- Der Plan schließt mit einem Appell. Prof. Hallek sagt: „Worum es ja wirklich geht: Viele Menschen werden viel zu früh aus dem Leben gerissen. Vision Zero heißt, dass niemand mehr unnötigerweise an Krebs sterben muss, dafür setzen wir uns ein.“ Und er fordert eine Gesundheitspolitik, die sich den Bedürfnissen kranker Menschen unterordnet.
Mit Blick auf die aktuelle Debatte fürchtet Hallek, dass die seit Monaten diskutierte Krankenhausreform nicht umgesetzt wird. „Den Krankenhäusern geht es schlecht, deshalb müssen wesentliche Punkte der Reform umgesetzt werden, sonst werden das viele Häuser gar nicht durchhalten.“ Ohne Reform bedeutet das: Deutschland regelt seine Krankenhausversorgung nicht nach einem Plan, der sich an den Bedürfnissen einer guten Versorgung kranker Menschen orientiert, sondern danach, welche Klinik es schafft, nicht in Insolvenz gehen zu müssen. Ein Masterplan ist das sicher nicht.
Bei aller „Nichts-geht-mehr-Stimmung“, die das Land erfasst habe, wird oft eines vergessen: Die Voraussetzungen, es anders – besser – zu machen, sind hervorragend. Unter dem Dach von Vision Zero haben sich die besten Krebsspezialist:innen des Landes versammelt, die auch international zur Crème de la Crème gehören. Wenn sich diese Menschen Sorgen um den Zustand des Gesundheitssystems machen, sollte die Politik aufmerksam zuhören. Insofern ist der 10-Punkte-Plan nicht nur ein Wake-up-Call, sondern ein gepflegter Tritt in den gesundheitspolitischen Hintern dieses Landes.
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