Was tun gegen den Notfall Sepsis – darüber spricht der Sepsis-Experte Dr. Matthias Gründling im Interview.
Was tun gegen den Notfall Sepsis – darüber spricht der Sepsis-Experte Dr. Matthias Gründling im Interview.

Sepsis-Maßnahmen: Qualität senkt Sterblichkeit

Sepsis ist ein medizinischer Notfall – jedes Jahr erleiden in Deutschland 230.000 Menschen eine so genannte Blutvergiftung, 85.000 Menschen sterben an den Folgen. Damit gibt es in deutschen Krankenhäusern mehr Todesfälle durch Sepsis als durch Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch warum ist das so? Und wie lässt sich Sepsis erkennen, behandeln oder verhindern? Darüber – und weshalb es Grund zur Hoffnung gibt - haben wir mit Dr. Matthias Gründling gesprochen. Er leitet das Qualitätsmanagementprojekt SepsisDialog und ist Leiter der Arbeitsgruppe Klinische Sepsisforschung der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Greifswald.

Stimmt es, dass offene Wunden das größte Risiko für eine Sepsis sind, im Volksmund auch Blutvergiftung genannt?

Dr. Matthias Gründling, Qualitätsmanagementprojekt SepsisDialog
Dr. Matthias Gründling, Qualitätsmanagementprojekt SepsisDialog. Foto: UMG Jahnke

Dr. Matthias Gründling: Häufigste Ursache einer Sepsis ist die Lungenentzündung, gefolgt von Infektionen im Bauchraum und der Harnwege. Dann kommen erst Wundinfektionen nach Verletzung. Der Laie denkt, das wäre die Hauptursache, aber tatsächlich verursachen Wunden weniger als 10 Prozent der Sepsis-Fälle. Bei Lunge und Atemwegen sind es rund 40 Prozent.

Heißt das, eine Blutvergiftung kann als Folge einer eigentlich harmlosen Erkältung entstehen?

Gründling: Nein, eine gewöhnliche Erkältung macht noch keine Sepsis. Aber wenn die Lunge so stark geschädigt ist, dass eine Lungenentzündung entsteht, dann kann das eben zu einer Sepsis führen. Sie ist ja definiert als eine außer Kontrolle geratene Infektion, bei der es letztlich zum Organversagen kommt.

Welche Warnzeichen und Symptome gibt es?

Gründling: Das ist leider eher unspezifisch. Häufig sind schnelle Atmung, schneller Herzschlag, niedriger Blutdruck, Fieber, allgemeines Unwohlsein. Lauter Symptome, die auch bei einer stärkeren Grippe auftreten können.

Was kann ich in einem solchen Fall tun?

Gründling: Sie sollten sich in medizinische Behandlung begeben. Möglichst, bevor eine beginnende Organschädigung hinzukommt. Wenn etwa das Gehirn betroffen ist, sind die Patienten häufig verwirrt – und sehr, sehr müde. Das ist ganz typisch, ebenso kann der Blutdruck stark absacken, der Puls wird ganz flach und rast. Und die Patienten sagen, sie hätten sich noch nie so krank gefühlt, sterbenskrank.

Wie diagnostizieren Sie eine Sepsis?

Gründling: Hier in Greifswald haben wir ein Qualitätsmanagement-System, das den Namen SepsisDialog“ trägt. Zunächst sehen wir uns genau an: Was machen Herzschlag, Atemfrequenz, Gehirn? Bei zwei Auffälligkeiten gilt dann jeder Patient so lange als septisch, bis das Gegenteil bewiesen ist. Wir bestimmen Entzündungszeichen und weitere Laborwerte, befragen und untersuchen den Patienten, suchen gezielt nach einer Infektion. Wenn sich der Verdacht erhärtet gibt es weitere Blutuntersuchungen, in bestimmten Fällen auch eine Computertomographie oder eine Sonographie, also eine Ultraschall-Untersuchung.

Und wie sieht die Behandlung aus?

Bakterien im Blut
Sepsis: Schwerste Infektion. Foto: ©iStock.com/Dr_Microbe

Gründling: Wenn es dem Patienten sehr schlecht geht, beginnen wir damit parallel zur Untersuchung. Zunächst stabilisieren wir den Kreislauf, geben also Flüssigkeit oder auch Medikamente, die den Blutdruck erhöhen. Das Wichtigste in der Behandlung ist aber die Gabe von Antibiotika, und zwar so schnell wie möglich, auch wenn man noch nicht weiß, welcher Keim die Ursache ist. Wir beginnen mit einer kalkulierten Antibiotika-Therapie. Das heißt, wir überlegen uns, welcher Herd kann die Ursache sein, welche Infektion. Ist es eine Lungenentzündung, eine infizierte Hüft- oder Knieprothese? War der Patient kürzlich im Krankenhaus? Ist er gerade aus dem Griechenland-Urlaub zurückgekommen? All das kann Hinweise auf den möglichen Erreger geben. Entsprechend legen wir die Antibiotika-Therapie fest. Sobald das Ergebnis der erweiterten Blutuntersuchungen vorliegt und wir den Herd bestimmt haben, setzen wir ein schmaler wirksames Antibiotikum ein – damit die Darmflora nicht so stark geschädigt und die Gefahr von Resistenzen verringert wird. Manche Patienten müssen auch auf der Intensivstation behandelt und dort künstlich beatmet oder in ein künstliches Koma versetzt werden. Das nehmen wir so schnell wie möglich zurück, wenn sich die Organfunktionen stabilisiert haben.

Welche Spätfolgen kann eine Sepsis haben – und wie gut werden die Patient:innen dann versorgt?

Gründling: Die Symptome sind ähnlich wie bei Long Covid – also Schlafstörungen, Fatigue, Schmerzen, posttraumatische Belastungsstörung. Auch körperliche Einschränkungen durch Lähmungen, durch Amputation von Extremitäten, die vielleicht notwendig war. Dann können auch neue organische Symptome auftreten, wie etwa Luftnot nach einer Lungenschädigung. Herzkreislauf-Erkrankungen treten ebenfalls häufiger auf. Die ambulante Nachversorgung ist für Sepsis-Patienten leider noch wenig strukturiert – und es gibt keine spezifische Sepsis-Rehabilitation. Gerade Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung oder Fatigue werden schnell zu Simulanten abgestempelt.

Gibt es Präventionsmöglichkeiten – und wenn ja, welche?

Sichere und wirksame Impfstoffe: Das Ergebnis intensiver Forschung
Prävention einer Sepsis: Impfungen sind eine wichtige Strategie. ©iStock.com/MilanMarkovic

Gründling: Impfungen sind eine wichtige Strategie. Pneumokokken- und Grippe-Impfungen können zum Beispiel eine Lungenentzündung verhindern. Andere Infektionen sollten schnell behandelt werden – bei einer Harnwegsinfektion etwa mit Antibiotika. Denn wenn man die Infektion im Griff hat, kann es auch keine Sepsis geben. Bei Wunden, wie sie bei Diabetikern öfter auftreten, sollten Hygieneregeln beachtet werden – man sollte also steril an den Wunden arbeiten und die Hände desinfizieren. Das alles wirkt vorbeugend. Und natürlich auch gesunde Ernährung und viel Bewegung.

Wer ist besonders gefährdet, an einer Sepsis zu erkranken?

Gründling: Vor allem ältere Menschen. Das liegt gar nicht so sehr am Alter, sondern an den Begleiterkrankungen Diabetes, chronische Lungenerkrankungen oder Herzkreislauf-Erkrankungen erhöhen das Risiko. Auch, wer eine Operation im Krankenhaus hinter sich hat und etwa ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk eingesetzt bekommen hat, ist stärker gefährdet. Ebenso Patienten mit einer Schwäche der Immunabwehr.

Wie gut sind Mediziner:innen in Deutschland darin geschult, eine Sepsis zu erkennen?

Gründling: Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Es gibt ja in Deutschland die Kampagne Deutschland erkennt Sepsis“ – sie zeigt durchaus Erfolge. Wir hier in Greifswald haben zudem unseren Sepsis-Dialog, wir schulen unser Personal schon seit 20 Jahren darin, eine Sepsis zu erkennen.

Geschieht das in anderen Kliniken auch?

Gründling: Das ist leider noch nicht so verbreitet. Aber ab nächstem Jahr wird Qualitätsmanagement bei Sepsis zur gesetzlichen Pflicht für die Krankenhäuser. Das wird die Qualität verbessern, etwa durch Schulungen, die dann für 80 Prozent der Mitarbeitenden einmal im Jahr vorgeschrieben sind. Wir haben im Rahmen von „Deutschland erkennt Sepsis“ Materialien erstellt, unter anderem für Rettungsdienste und Hausärzte. Für Letztgenannte ist es besonders schwierig: Sie haben einen hohen Patientendurchlauf und müssen dabei eine normale Infektion von einer Sepsis unterscheiden. Das ist sehr viel schwieriger als auf einer Intensivstation.

In Deutschland steigen die Sepsis-Sterberaten
In Deutschland steigen die Sepsis-Sterberaten. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff

In Norwegen und der Schweiz sind die Sepsis-Sterberaten rückläufig, während sie in Deutschland seit 1990 deutlich gestiegen sind – von 148 auf 247 Todesfälle pro 100.000 Einwohner. Woran liegt das?

Gründling: Ich habe ein großes Problem mit diesen Ländervergleichen, denn es handelt sich um unterschiedliche Gesundheitssysteme. Man weiß: Weltweit entstehen nur 20 Prozent der Sepsis-Fälle im Krankenhaus, in Deutschland sind es 60 Prozent. Eine Sepsis, die im Krankenhaus erworben wird, ist aber schlechter therapierbar und hat eine höhere Sterblichkeit. Das erklärt die höhere Sterblichkeit bei uns zumindest teilweise. In Deutschland werden zum Beispiel viel mehr Hüften und Knie implantiert als in vielen anderen Ländern – dort gibt es einen Krückstock.

Und das ist besser?

Gründling: Nein, ich finde das nicht gut, das will ich damit nicht gesagt haben. Aber die Gefahr einer Sepsis-Entwicklung ist eben geringer. Was ich damit sagen will: Man kann das einfach nicht vergleichen. Die ethische Auffassung unserer Gesellschaft ist, dass auch sehr alte Menschen die beste Therapie erhalten – darunter sind Menschen, die im skandinavischen Setting zum Beispiel gar keine Tumor-Operation mehr bekommen. Wir sollten uns also nicht mit Norwegen vergleichen, sondern lieber die Verhältnisse innerhalb Deutschlands betrachten. Von über 1.000 Krankenhäusern, die es hier gibt, beteiligen sich 70 am „Deutschen Qualitätsbündnis Sepsis“ – mehr wollten da nicht mitmachen. Sobald wir aber anfangen, uns um die Qualität zu kümmern, sinkt auch die Sterblichkeit. Bei uns in der Klinik ist die Sterblichkeit um 10 Prozent zurückgegangen, nachdem wir mit den Schulungen angefangen haben.

Was muss passieren, damit das in ganz Deutschland so ist?

Klemmbrett mit Sepsis-Diagnose
Sepsis-Maßnahmen in Deutschland: Es passiert schon einiges. Foto: ©iStock.com/Zerbor

Gründling: Es passiert schon einiges. So gibt es jetzt eine neue Sepsis-Leitlinie in Deutschland, die aktueller ist als die internationale Leitlinie und zu einer besseren Behandlung beiträgt. Man darf nur nicht dem Trugschluss unterliegen, dass die meisten Sepsisfälle in Deutschland vermeidbar wären. Das stimmt eben nicht. Denn das Risiko steigt in einer älter werdenden Gesellschaft. Insgesamt sind wir auf einem guten Weg, auch, wenn noch viel zu tun ist. Wir haben zum Beispiel die Deutsche Sepsis-Hilfe, eine Patientenorganisation zur Sepsis. Die Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ läuft sehr gut. Daran beteiligen sich Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen – sie haben eine gute Basis geschaffen, die Bevölkerung aufzuklären und das Gesundheitspersonal zu schulen. Natürlich wäre es nochmal etwas ganz anderes, wenn wir ein Jahr lang die Werbe-Sekunden vor der Tagesschau hätten. Aber auch so haben wir einen guten und wichtigen Anfang gemacht. Und es nimmt weiter Fahrt auf: In Mecklenburg-Vorpommern gab es eine Aktion „MV erkennt Sepsis“, auch in Heidelberg, Berlin, Osnabrück und im Saarland gab es solche Aktionen. Im Februar folgt dann „Hamburg erkennt Sepsis“. Es geht also in die Breite – und wir hoffen, dass die Förderung der Sepsis-Aufklärung unter der jetzigen Bundesregierung noch ein paar Jahre weitergeführt wird.

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