Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Killer Nummer 1
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Killer Nummer 1

Strukturelle Herzerkrankungen: So viel Leid müsste nicht sein

Wenn Herzklappen oder -wände strukturelle Veränderungen aufweisen, welche die Funktion des Herzens beeinträchtigen, ist das lebensgefährlich. Betroffen sind vor allem ältere Menschen. Meist könnten „strukturelle Herzerkrankungen“ gut therapiert werden. Voraussetzung: Sie werden rechtzeitig erkannt. Doch das klappt oft nicht: Es fehlt an Aufklärung in der Bevölkerung, Untersuchungen des Herzens werden zu selten durchgeführt, Altersdiskriminierung verhindert gute Vorsorge.

Luftnot, Erschöpfung, Schmerzen in der Brust: Solche Symptome werden bei Senior:innen allzu oft als „normale“ Zeichen des Alterns abgetan – von Ärzt:innen, ihrem Umfeld, aber auch von ihnen selbst. Die Folge: Sie erhalten nicht die medizinischen Untersuchungen, die eigentlich indiziert wären, um Leiden wie strukturelle Herzerkrankungen (SHD) zu erkennen. Es ist ein klarer Fall von Altersdiskriminierung, auch bezeichnet als „Ageism“ (s. Pharma Fakten). Menschen erfahren nur aufgrund ihres Alters eine Ungleichbehandlung im Vergleich zur restlichen Bevölkerung, sie sind Opfer von Vorurteilen und stereotypischem Denken. Das kann in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens passieren – sei es im Job oder in der Gesundheitsversorgung.

Ageism: Altersdiskriminierung
“Ageism” = Altersdiskriminierung. Foto: CC0 (Stencil)

In Bezug auf strukturelle Herzerkrankungen ist das ein besonders brisantes Problem – denn es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben oder Tod. „Die meisten Formen von SHD können erfolgreich therapiert werden, Krankenhauseinweisungen werden um bis zu 50 Prozent reduziert“, so das „International Longevity Centre“ (ILC). Es ist ein Think Tank im Vereinigten Königreich (UK), im Rahmen dessen sich Fachleute damit beschäftigen, welche Auswirkungen die immer höhere Lebenserwartung der Menschen auf die Gesellschaft hat. Einer ihrer Berichte hatte gezeigt: 14 Millionen Menschen leben schon heute mit SHD in Europa. Aber weil die Bevölkerung immer älter wird, gehen die Expert:innen davon aus, dass die Zahl bis 2040 bei 20 Millionen Betroffenen liegt (+43 %). Die Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von SHD hat sich allein in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. 

Das zeigt: Mit diesen Erkrankungen geht eine hohe Krankheitslast einher, die auf Gesellschaft und Wirtschaft abstrahlt. Die ILC-Forscherin Arun Himawan findet: „Strukturelle Herzerkrankungen wurden zu lange übersehen, viele ältere Menschen erhalten suboptimale Früherkennung und keine rechtzeitige Behandlung. Es ist eine wachsende, stille Epidemie.“

Strukturelle Herzerkrankungen: Nicht machtlos

Doch wir haben zum Teil selbst in der Hand, wie groß die gesundheitliche und wirtschaftliche Belastung von SHD ist. Denn so viel Leid müsste nicht sein – es gilt, 3 große Barrieren zu überwinden:

  1. Fehlendes Bewusstsein für SHD: Laut ILC weiß nur 1 von 8 Menschen in Europa über strukturelle Herzerkrankungen Bescheid.
  2. Altersdiskriminierung: Werden Symptome von SHD als „normale“ Zeichen des Alterns abgetan, erhalten Betroffene nicht die Hilfe, die sie benötigen.
  3. Zu seltene Herz-Untersuchungen: Beim ILC ist zu lesen, dass ein Drittel aller Europäer:innen ab 60 Jahren sagen, dass ihr Herz in der hausärztlichen Praxis „gelegentlich“ mit einem Stethoskop abgehört wird. Nur bei rund einem Viertel erfolgt diese wichtige Untersuchung bei jedem Besuch.
Strukturelle Herzerkrankungen: Nicht machtlos
SHD: Zu seltene Herz-Untersuchungen in der hausärztlichen Praxis. Foto: ©iStock.com/Andrei Vasilev

Um darauf aufmerksam zu machen, hat sich auf europäischer Ebene die „Structural Heart Disease Coalition“ (SHD Coalition) gebildet. Es ist ein europäisches Netzwerk, das Expert:innen aus Politik, Medizin sowie Patient:innen zusammenbringt, um gemeinsam sicherzustellen, dass Herz-Kreislauferkrankungen wie SHD in der Politik prioritär behandelt werden. 

Sie haben dazu einen „Call for Action“ mit konkreten Handlungsempfehlungen formuliert. Um sicherzustellen, dass SHD „frühzeitig erkannt werden, bedarf es einer gesonderten Richtlinie mit standardisierten Verfahren zur Diagnostik und Früherkennung von Herzerkrankungen, wie bspw. regelmäßige Herzauskultationen, Abnahmen von NT-proBNP-Blutproben oder Echokardiographien. Zudem sollten auch nachhaltige Finanzierungsmöglichkeiten festgelegt werden, um stärkere finanzielle Anreize für ÄrztInnen zu schaffen, die über die aktuelle Grundpauschale hinausgehen“, heißt es da etwa. Auch gilt es, die Bevölkerung zu sensibilisieren. „Im Rahmen von öffentlichen Aufklärungskampagnen, Informationsmaterialien in Apothekerzeitschriften und Aufklärung bereits an Schulen, sollte ein stärkeres Bewusstsein für die Symptome und Früherkennungsmöglichkeiten […] geschaffen werden“. Zudem sollte die Ärzteschaft gezielter über SHD informiert werden – um Altersdiskriminierung entgegenzutreten. Die SHD Coalition fordert eine „stärkere Einbindung der Krankenkassen zur Verbesserung der Infrastruktur von Früherkennungsverfahren“ sowie die „gezielte Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGAs) zur Früherkennung.

SHD: In den Fokus der Öffentlichkeit stellen

Mehr Aufmerksamkeit für SHD wäre auf jeden Fall angebracht: „Eine der Hauptformen von SHD hat eine schlechtere Prognose als so manch metastasierte Krebsart. Ohne geeignete Behandlung, stirbt 1 von 2 Patient:innen nach 2 Jahren“, so die SHD Coalition. Und der italienische Pathologie-Professor Paolo Magni wird vom ILC mit folgenden Worten zitiert: „Wir können es uns nicht leisten, in Sachen SHD nichts zu tun.“ Die Krankheitslast wird in Zukunft einfach enorm groß werden.

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